Humor durch die Hintertür

Als Kabarettistin kennt man die gebürtige Grazerin Ulrike Haidacher schon länger. Als Schriftstellerin ist sie 2021 erstmals aufgefallen – und zwar nicht nur dem Publikum und den Kritikerinnen und Kritikern, sondern auch der Jury des Peter-Rosegger-Preises 2022.

Ulrike Haidacher
Ulrike Haidacher© Gabriel Rizar

Ulrike Haidacher stammt aus einer kunst- und kulturaffinen Familie. In Graz erwirbt sie einen Bachelor in Germanistik, in Wien schließt sie ihr Diplomstudium ab. Ihre Bachelorarbeit dreht sich um die Werke von Werner Schwab, die Abschlussarbeit beschäftigt sich mit Elfriede Jelinek. Haidacher will ursprünglich Theaterschauspielerin werden, in dieser Hinsicht scheint ihr die Bundeshauptstadt mehr an Möglichkeiten zu bieten. Ihr Weg führt dann zwar auf die Bühne, doch statt Drama wird es Dramolett, statt ans Wiener Volks- oder Burgtheater geht es zum Auftakt ins Grazer Theatercafé. Mit Antonia Stabinger, ihrer Freundin aus Schulzeiten, bildet sie ein äußerst dynamisches Duo namens Flüsterzweieck. Und gleich der erste Auftritt im erwähnten Theatercafé bringt den beiden den begehrten „Kleinkunstvogel" in Graz. Es folgen Programme wie „selbstredend. wahnsinnig", „WIE IM FILM nur ohne walter", „Menschenkür" und "Stabile Eskalation".

2017 erhalten Flüsterzweieck den Österreichischen Kabarettpreis und sind spätestens ab diesem Zeitpunkt landesweit bekannt. Dazu tragen auch Auftritte in Funk und Fernsehen bei, etwa in der Sendung „Pratersterne" oder auf FM4. 2018 gibt es Ulrike Haidacher erstmals solo zu sehen und zwar mit dem Programm „Aus Liebe". Aus einem Text für die Bühne wird zuerst ein Beitrag für die Literaturzeitschrift „Lichtungen" und schließlich ein Buch. Und dieses sorgt 2021 für viel positive Resonanz.

Party mit Auszeichnung

„Um mich zu beruhigen, um mir selbst zu sagen: ‚Das schaff ich schon‘, habe ich mir erlaubt zu schreiben, wie ich will. Und ich habe schnell gemerkt, dass das ein längerer Text wird", sagt Haidacher im Podcast Kunstfunken. „Die Party. Eine Einkreisung", erschienen bei Leykam, schildert ein Fest, auf dem sich ein Regisseur mächtig in Szene setzt. Er hält sich für genial und charmant, für schier unwiderstehlich. In Wirklichkeit wirkt er und auch ein guter Teil der ihn anhimmelnden „Party-People" absurd bis lächerlich. Die Sprache wechselt von gewagten Schachtelsätzen zu Hochgeschwindigkeitspassagen und wieder retour. Die Autorin wird für diese bissige Charakterstudie mit dem Peter-Rosegger-Literaturpreis 2022 ausgezeichnet. In der Folge erhält sie außerdem den „Österreichischen Literaturpreis für Erzählungen", der vom Stieglerhaus in St. Stefan ob Stainz ausgeschrieben wurde.

Der „Falter" urteilt: "Mit ihrem soghaften Albtraumroman ist der Autorin eine furiose Zeitskizze gelungen." Die Austria Presse Agentur vergleicht Haidacher mit einem Großmeister der heimischen Literatur: „Mit ,Die Party' zeichnet Haidacher ein sarkastisch-schauriges Panorama einer scheinbar toleranten Künstler-Oberschicht, die unter der Oberfläche um keinen Deut liberaler ist als jene Figuren, die einst Thomas Bernhard anprangerte. Lediglich die Themen haben sich verschoben." Und die Jury des Rosegger-Preises begründet ihre Wahl wie folgt: „Ulrike Haidacher bringt Eitelkeiten, Anmaßungen, hohle Überzeugungen und unhinterfragte Ressentiments heutigen Gesellschaftslebens auf den Punkt. Literarisch überzeugend und mit einem großen Sinn für Humor."

Das mit der Komik ist so eine Sache, erzählt Ulrike Haidacher: „Als wir begonnen haben, wusste ich gar nicht genau, was Kabarett ist. Es gab damals so Vorstellungen, wie oft ein Witz kommen muss etc. Ich habe mir damit immer schwergetan. Ich finde klassische Witze auch gar nicht lustig. Aber ich mag Humor. Es hat mich beim Romanschreiben sehr befreit, dass ich nicht ständig lustig sein musste."

Sprache als Werkzeug

Dass sie einen Hang zum Komischen hat, bestreitet die Autorin freilich nicht. Dazu kommt ein großes Faible für Sprache. Als Kind, sagt Haidacher, habe sie gar nicht so viel gelesen wie ihre Schwestern, stattdessen habe sie ständig Hörspiele konsumiert. Sie habe gerne Wörter erfunden und schon früh erste Texte verfasst. All das ist in der „Party" feststellbar. Der Humor kommt durch die Hintertür, die Sprache wird zu einem Werkzeug, um die handelnden Personen zu demaskieren. Immer wieder sind es einzelne Wörter, an denen sich Haidacher satirisch abarbeitet. „Powerfrau" etwa, ein mehr als zweifelhaftes Kompliment aus dem Munde des machoiden Regisseurs. So bieten sich der Leserin und dem Leser auch Bezugspunkte zu zwei anderen Größen der östereichischen Literatur, zu Jelinek und Schwab, die Ulrike Haidacher - wie oben erwähnt - sehr eingehend studiert hat.

 https://www.ulrikehaidacher.at

Wolfgang Kühnelt
Stand: Juni 2022

 

 

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