Fotografie zwischen Konzept und Zufall

Clara Wildberger widmet sich in ihrer Arbeit als Fotografin gezielt jenen Dingen, die unserer Wahrnehmung oft entgleiten. Den Fokus auf das zu setzen, was andere ausblenden, macht auch ihre Tätigkeit als Kuratorin und Spartenbeauftragte für Fotografie im Forum Stadtpark aus.

Clara Wildberger
Clara Wildberger© Lena Prehal

Aufgewachsen in Berndorf südlich von Wien, verschlug es Wildberger nach der Matura nach Graz. Hier intensivierte sie das, was ohnehin immer ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens war: die Fotografie. "Mein Großvater hat in der Küche regelmäßig eine Dunkelkammer installiert und so konnte ich schon als Kind zusehen, wie die Filmentwicklung und das Ausarbeiten von Schwarzweißfotos funktioniert", erinnert sich Wildberger, die ihre erste Digitalkamera mit 14 Jahren bekam und seitdem das Haus nicht mehr ohne ihr fotografisches Werkzeug verlässt. Während sie sich durch Workshops und Kurse mit den unterschiedlichen künstlerischen Herangehensweisen vertraut machte, betrachtet sie ihr Informationsdesign-Studium an der FH Joanneum wie einen Werkzeugkoffer für Gestaltung.

Als Mitglied des von 2011 bis 2012 bestehenden "Kollektivs Graukarte" arbeitete sie an unterschiedlichen sozialkritischen Projekten und nahm an mehreren Ausstellungen der Gruppe teil. Seit 2015 ist sie als freie Künstlerin, Gestalterin und Fotografin tätig und ist in zahlreichen Kulturinstitutionen, hauptsächlich in Graz, engagiert. In ihrer Arbeit lässt Clara Wildberger die Grenzen zwischen Dokumentation und Konzeption verschwimmen und ermöglicht so dem Willkürlichen, sich in einem definierten Rahmen zu entfalten.

Beobachterin am Rande
Von der Serie "Stages", die im Zuge des Projekts „Facing Austria" im Jahr 2016 abseits der österreichischen Festivalbühnen entstand, über die dokumentarische Begleitung des Nachtlebens auf der Straße und in den Clubs bis zu den Portraits von Kindern und Jugendlichen in der Grazer Triestersiedlung - Clara Wildberger findet ihre Motive meist dort, wo andere nicht hinsehen, vielleicht sogar bewusst wegschauen. Auf einfühlsame Art und Weise zeigt sie, was hinter der Fassade und abseits der Bühne geschieht. So begleitet einen beim Anblick ihrer Bilder stets das Gefühl, Zeuge eines intimen Moments zu werden und dabei eine gewisse Einsicht in die Persönlichkeit der menschlichen Motive zu bekommen. Dass dieser Wirkung eine Verbundenheit zwischen Fotografin und Sujet zugrunde liegen muss, beweist ihre unaufhörliche Ambition, sich mit bestimmten Arbeiten immer wieder aufs Neue zu beschäftigen. Für die ursprünglich 2013 entstandene Serie "Young" kehrte sie beispielsweise fünf Jahre später in die Triestersiedlung zurück. Ein weiterer Besuch ist für 2023 geplant, um die Entwicklung der Jugendlichen und ihren Übergang ins Erwachsenenalter fotografisch festzuhalten.

Jugendkultur im Oman
Auch "Yalla Yalla", eine Dokumentation der Jugendkultur im Oman, die als Abschlussarbeit ihres Studiums entstand, möchte Wildberger mit ein wenig Distanz noch einmal neu aufrollen. Dabei will sie sich verstärkt auf die dort vorherrschende car culture und den Einfluss der Ölindustrie auf das Land konzentrieren. "Corona hat im Oman viel verändert, und die Menschen wissen, dass das Öl endlich ist. Ich möchte mich intensiver mit diesem Autokult beschäftigen und damit, wie wir unsere Ressourcen im wahrsten Sinn des Wortes verbrennen", so die Fotografin. Sollte eine weitere Reise in den Oman nicht möglich sein, kann sie sich vorstellen, dem Thema einen Österreich-Bezug zu verleihen. Hier ist es vor allem die heimische Tankstellenkultur, die sie in den Fokus rücken möchte.

Fern starrer Definitionen
Neben der rein dokumentarischen Fotografie arbeitet Clara Wildberger in Kooperation mit Kunst, Kultur und Wissenschaft, wie etwa für die Choreografinnen und Performance-Künstlerinnen Marta Navaridas und Jing Hong Okorn Kuo. Die Bilder, die auf diese Weise entstehen, sieht sie als gemeinsame Projekte und die Fotos als Ergänzung zur Performance. Eine zuvor festgelegte Bildsprache ermöglicht es den Performerinnen, ihre Arbeit ebenso von anderen Fotografen festhalten zu lassen, ohne einen visuellen Bruch zu riskieren.

Darüber hinaus entwickelt Wildberger kollektive Konzepte, wie für das Projekt "We can dance", das Performance, Video und Fotografie miteinander verbindet und im Rahmenprogramm des „steirischen herbst" 2020 als Ausstellung im Forum Stadtpark unter dem Titel "(Being) in the picture" zu sehen war. Frauen unterschiedlichen Alters und Herkunft tanzten unter dem Aspekt, die größtmögliche Bewegung auf kleinstem Raum auszuführen, die ganze Nacht im Forum Stadtpark. Einmal pro Stunde wurde das Geschehen fotografisch festgehalten, wobei jedes Mal ein anderer Fotograf oder eine andere Fotografin zum Einsatz kam. So entstanden insgesamt neun unterschiedliche Blickweisen auf die Tanzenden. "Das Konzept selbst folgte natürlich einem Plan. Was die teilnehmenden Menschen daraus machten, wie sie sich bewegten, welche Musik sie hörten und was sie taten, das bestimmten jedoch nur sie selbst", erklärt Wildberger ihre Herangehensweise an das Projekt, die auch für ihre anderen Arbeiten mit konzeptionellem Charakter gilt. Dadurch bleibt stets ein gewisser dokumentarischer Aspekt erhalten, der die Entfaltung des Zufalls in einem vorgegebenen Rahmen erlaubt und die Authentizität der Motive bewahrt.

Künstlerin und Kuratorin
Neben ihrer fotografischen Tätigkeit ist Clara Wildberger seit 2018 Spartenbeauftragte für Fotografie im Forum Stadtpark. Die von ihr kuratierten Ausstellungen tragen ohne Zweifel ihre Handschrift und sind keineswegs getrennt von ihrer fotografischen Arbeit, sondern vielmehr als Teil davon zu betrachten. Für Wildberger ist das ein natürlicher Prozess in ihrer Doppelrolle als Künstlerin und Kuratorin: "Das Forum Stadtpark ist schließlich ein von Künstlerinnen und Künstlern geführter Verein. Daher ist es gar nicht möglich, diese Tätigkeiten strikt voneinander zu trennen." Bei der Auswahl der gezeigten Arbeiten legt sie großen Wert auf Diversität hinsichtlich Herkunft, Alter und Geschlecht. "Es ist mir ein großes Anliegen, das vielfältige Spektrum der unterschiedlichen Betrachtungsweisen zu zeigen", betont sie.
In der Ausstellung „intimicy/privacy", die im Februar 2022 im Forum Stadtpark zu sehen war, gewährten deshalb ganz bewusst altbekannte Fotografen wie die „Camera Austria"-Gründer Manfred Willmann und Seiichi Furuya neben jungen Künstlerinnen und Künstlern wie Kia Tahmasi und Lain Iwakura Einblicke in intimste Aspekte von Beziehungen jeglicher Art. Die Arbeiten erzählen von inneren Konflikten, der Einsamkeit, die sich in den Abgründen des Ichs verbirgt, und der Vertrautheit in der Beziehung zu sich selbst genauso wie in den Verbindungen zu anderen Menschen. All das geschieht auf eine Art und Weise, die den Betrachtern genug Raum für Interpretation gibt. Dadurch entsteht die Möglichkeit, den eigenen Schmerz in den unterschiedlichen und doch miteinander in Verbindung stehenden Werken wiederzufinden. Dass der offene Umgang mit diesen Tabus und deren allmähliche Auflösung keine Selbstverständlichkeit, sondern Resultat eines gesellschaftlichen Wandels ist, beschreibt Clara Wildberger in ihrem Text über die Ausstellung selbst am treffendsten: "Die Alphabetisierung der Intimität, sich zu entblößen und darüber zu reden, ist eine große Errungenschaft unserer Generation, ein Paradigmenwechsel hin zu einer sorgsamen Gesellschaft und, damit verbunden, auch die Freiheit der Fotografie - weil Sprechen manchmal so schwierig ist."

 www.clarawildberger.com
Instagram: @pictureandform

Anna Lisa Kiesel
Stand: März 2022

Aus der Serie "Stages"Aus der Serie "Yalla Yalla"Aus der Serie "Young"
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