Sichtvermerke eines Unaufgeregten

Vor über 30 Jahren, im Frühjahr 1992, gründete Martin Ohrt die Jugend- Literatur-Werkstatt Graz. Über 1.200 Kinder und Jugendliche aus ganz Österreich haben seither Workshops und Schreibwochen absolviert. Martin Ohrt ist aber nicht nur ein unermüdlicher Literatur-Didaktiker, sondern auch ein unermüdlich Schreibender.

Martin Ohrt
Martin Ohrt© Werner Schandor

Was haben die Autorinnen und Autoren Theodora Bauer, Irene Diwiak, Elisabeth Klar, Stefan Schmitzer, Stefan Petz, Cordula Simon und Marie Gamillscheg gemeinsam? - Sie alle haben in jungen Jahren Workshops der Jugend-Literatur-Werkstatt Graz besucht und dadurch Bestätigung und Sicherheit in ihrem literarischen Schreiben gefunden. Die in Österreich lange Zeit einzige Möglichkeit dafür wurde vom Autor Martin Ohrt 1992 in Graz ins Leben gerufen. Zu dieser Zeit studierte Ohrt „Literarisches Schreiben" in Leipzig - und zwar am legendären Johannes R. Becher-Institut. Der Grazer Autor hatte die Zeit des politischen Umbruchs genützt und war einer der ersten Westler, die an dieser Literatur-Kaderschmiede der ehemaligen DDR aufgenommen wurden. Was er dort unter anderem lernte, war der kritische Blick von außen auf die eigenen Texte, den es braucht, damit aus Geschriebenem Literatur werden kann. Das Prinzip Selbstreflexion ist eines der obersten Gebote auch bei den Schreibworkshops für Kinder und Jugendliche, die Ohrt im Gepäck hatte, als er aus Ostdeutschland nach Österreich zurückkehrte.

„Es hat mich immer interessiert, selbstständig etwas zu tun", erzählt der Autor. Im Gespräch wählt er die Worte wie immer behutsam, seine Stimme ist ruhig - das Aufgeregte ist seine Sache nicht. Auf die Frage, warum er eine Werkstatt für Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen hat und nicht für Erwachsene, antwortet er nicht ohne Ironie: „Weil ich gesehen habe, wie Gespräche über Literatur unter Erwachsenen ablaufen, und weil ich in Leipzig einen Schreibworkshop für Jugendliche kennengelernt habe." - Und ein Punkt war vielleicht auch, dass er selber bereits als Kind Texte schrieb, aber dafür keinen Ansprechpartner hatte.

Erste Veröffentlichungen mit Lyrik

Martin Ohrt war Anfang der 1990er längst eine fixe Größe im literarischen Leben von Graz. Als früher Redakteur der Literaturzeitschrift „perspektive" hatte er Lesungen veranstaltet und unter anderem den Dichter Erich Fried in die Aula der Uni Graz geholt. Lyrik war auch jene Gattung, in der Ohrt selbst erste literarische Schritte unternahm: „Ein Tag nimmt Land in mir" hieß sein Gedichtband, der 1986 im Verlag „Werkgruppe Graz" erschien. Es sind Eindrücke, die wie en passant aufgelesen wurden, sich mit Reflexionen kreuzen und in skizzenhaften Texten zu Momenten des Innehaltens gerinnen. Dieses literarische Prinzip wiederholt sich in den lyrischen Miniaturen des Kunstbuch-Bandes „Sichtvermerke" aus dem Jahr 2002, der 24 Reisegedichte Ohrts und 5 Radierungen von Bent Grunewald enthält. Die Texte entstanden in Deutschland, Italien, Kroatien und Irland. Hier der Text, der mit „Wolfenbüttel, 2001" gekennzeichnet ist:

Buchgestade
Rücken an Rücken
gepreßt
Augenblicke Blatt
für Blatt bleiche
Wegzeichnen ferner
Zeit zu lichten
Gedankenschatz:
unvergänglich
im Verfall

 

Theater rückt ins Zentrum

Ab Mitte der 1990er nimmt das Theater den größeren Platz im Schaffen von Martin Ohrt ein. Sein Stück „Überall Ausland" entsteht 1996, gelangt aber erst 2004 im „Theater im Keller" in Graz zur Uraufführung. Im Mittelpunkt des Dramas steht ein brauner Fleck auf der österreichischen Seele: Man lehnt die Ausländer zwar aus tiefstem Herzen ab, findet aber nichts dabei, ihre Arbeitskraft billigst - wenn geht zum Nulltarif - in Anspruch zu nehmen. Garniert ist die Groteske aus den 1990ern mit einer künstlich verbrämten Sprache, die entfernt ans „Schwabische" des damals alles niederreißenden Dramatikers Werner Schwab erinnert. Textauszug:

„Diese drei Fremdherr­schaften sind in ihrer ganzen Fremdschaft über unser Wirtschaftsidyll hergefallen. Aber wir könnten sie in einen Gemeinnutzen für uns alle überführen. In ihrer Eigenheit handelt es sich um erfahrene Baumaterialverarbeiter, die unsere abwirtschaftende Gastwirtschaft zu unserem Gemeinwohl aufschwingen könnten, mit ihren Kenntnissen."

Heute würde Ohrt nicht mehr in diesem Duktus schreiben. Er möchte, dass die Zuseher in seine Stücke kippen, daher vermeidet er Verfremdungseffekte, wie sie bei Brecht eingeführt und im Theater der 1990er auf die Spitze getrieben wurden. Folgerichtig sind die Dialoge in Ohrts späteren Stück in konventioneller Sprache gehalten, zum Beispiel in „Kohlbein und Schatz". Das Drama um die wirtschaftliche Gier und menschliche Niedertracht ist eine Neudeutung von Henrik Ibsens „John Gabriel Borkman" und wurde 2017 im „Theater im Keller" uraufgeführt. Im selben Jahr hatte Ohrts Stück „Cous-Cous gibt nicht auf" für Kinder ab 4 Jahre im Theaterzentrum Deutschlandsberg Premiere. "‘Cous-Cous gibt nicht auf‘ ist eine vergnügliche Erzählung gegen die Wegwerfgesellschaft. Wer in das Gesicht einer betrübten Bühnenkartoffel blickt, möchte künftig keine ungegessen lassen", schrieb Daniel Hadler in seiner Kritik in der „Kleinen Zeitung".

Gesellschaftliches Engagement als roter Faden

Mit seinen Kinderstücken wird Martin Ohrt vom renommierten österreichischen Bühnenverlag Kaiser vertreten. Als roter Faden zieht sich das gesellschaftliche Engagement durch Ohrts Bühnentexte. Waren es bei „Cous-Cous" weggeworfenes Essen und gesellschaftliche Vorurteile, so ist es beim aktuell in Arbeit befindlichen Stück „Der Moordrache" die Vernichtung von Lebensraum und Umweltressourcen für Infrastrukturprojekte, die der Autor in kindgerechter Sprache aufbereitet. Die Idee dazu entstand, als im Herbst 2021 im Naturschutzgebiet Lobau eine Holzhütte eines Umweltcamps in Brand gesteckt wurde. Damit sollten Naturschützer eingeschüchtert werden, die die Wiener Stadtautobahn durch die Lobau verhindern wollen. Ohrt las die Meldung in der Zeitung. „Da dachte ich: Dazu muss ich etwas machen!" Neben dem Kinderstück sind zwei Komödien für Erwachsene in Arbeit. „Aber das sind alles noch Baustellen für die Zukunft", sagt der Autor.

Fürs Schreiben braucht Ohrt den Abstand zu Graz. Hier ist er zu sehr mit organisatorischer Arbeit eingedeckt - als Obmann der Jugend-Literatur-Werkstatt und als Vorstandsmitglied des Trägervereins der Literaturzeitschrift „perspektive". „Mir hilft immer, wenn ich wegfahre und einen anderen Tagesrhythmus habe und zum Schreiben und Nachdenken komme." - Es kann also gut sein, dass in Zukunft wieder einige Sichtvermerke in Martin Ohrts literarischen Reisedokumenten ergänzt werden.

Werner Schandor
Stand: Dezember 2022

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