Die Zukunft zeichnen

studio ASYNCHROME überschreitet Genregrenzen und verwandelt Räume in betretbare Narrationen. Trotz modernster Technik, die bei der Realisierung ihrer Projekte gebraucht wird, ist die Basis von allem ein schlichter Strich: die analoge Zeichnung.

Marleen Leitner und Michael Schitnig sind studio ASYNCHROME.
Marleen Leitner und Michael Schitnig sind studio ASYNCHROME.© Marija Kanizaj

Marleen Leitner und Michael Schitnig sind „studio ASYNCHROME". Der ungewöhnliche Begriff ist aber kein Wortspiel - Asynchrome steht für ein altes Druckverfahren, bei dem über mehrere Layer ein Bild durch unterschiedliche Schichtplatten erzeugt wird. Als transdisziplinäres Experiment, wie sich das Duo bezeichnet, fließen auch in ihren Arbeiten mehrere Ebenen ein: Bildende Kunst, Architektur, Film, Philosophie und Soziologie. „Die Zeichnung war immer das wichtigste Werkzeug und ist es geblieben," betont Michael Schitnig. Neben den täglichen Zeichnungen auf Papier entstehen begehbare Narrationen, Lichtmalereien auf Hausfassaden oder Kunstobjekte zum Einsteigen, wie die Grazer Schlossbergbahn.

Narration als Katapult

Gefunden haben sich die beiden im Architekturstudium, außerdem absolvierten sie Meisterklassen für Fotografie (Marleen Leitner) und Malerei (Michael Schitnig). Zusammen verfassten sie ihre Abschlussarbeit „Niemandsräume - Eine utopische Spurensuche" bei Hans Kupelwieser am Institut für zeitgenössische Kunst der TU Graz. Es ist  eine Graphic Novel, in der sie sich als gezeichnete Protagonisten auf die Suche nach der zeitgenössischen Utopie in der Architektur machten. Die ungewöhnliche Diplomarbeit wurde schnell publiziert und schlug enorme Wellen. „Wir haben uns nie überlegt, wie es weitergehen soll nach der Diplomarbeit - es ging einfach immer weiter", erklärt Marleen Leitner. So gelangten die Zeichnungen des Duos bereits 2015 in die norwegische Nationalgalerie in Oslo, wo sie in der Ausstellung „Arkitektur-Striper/Architecture in Comic-Strip Form" neben Werken von Le Corbusier hingen. Bald konnten die Leitner und Schitnig ausschließlich von ihrer Kunst leben.

Zahlreiche Preise, Stipendien und Ausstellungen

Etliche Preise und Stipendien wurden in den letzten zehn Jahren an studio ASYNCHROME vergeben, darunter der Kunstförderpreis der Stadt Graz 2015, eine Artist in Residency bei der  OFF-Biennale Budapest 2019, das Atelier-Auslandsstipendium des Landes Steiermark 2018 und das START-Stipendiat für Architektur und Design der Republik Österreich. Ihre Arbeiten sind unter anderem Teil der Sammlungen des KULTUM (Zentrum für zeitgenössische Kunst & Religion, Graz), der Stadt Graz, der Neuen Galerie im Universalmuseum Joanneum und des AZW, Architekturzentrums Wien. Das Duo stellte inzwischen auch in Athen, Rom, Brüssel, New York (gemeinsam mit Günter Brus) und bei der letzten Expo in Dubai aus. Im September 2022 wird die Arbeit „Autopropaganda", die 2018 in einer Soloausstellung in der Kunsthalle Graz gezeigt wurde, in adaptierter Form in Dresden und Budapest sowie in Europas Kulturhauptstadt 2022, Kaunas (Litauen), zu sehen sein. Als Lehrbeauftragte kehrten Leitner und Schitnig für Kurse an die TU Graz zurück.

Arbeitstitel Utopie

Wie das Zusammenleben von allen besser, gerechter und schöner gelingen könnte, in ferner Zukunft oder besser gleich heute, ist ein wichtiger Teil ihrer Arbeit und der Denkprozesse dahinter. Ein Schlüsselbild dafür lehnt an der Wand ihres Ateliers im freien Grazer Atelierhaus „Schaumbad": „Die Seismografie des Unbestimmten". Die großformatige Zeichnung zum 500-jährigen Bestehen der Schrift „Utopia" von Thomas Morus wurde 2016 im Rahmen des „steirischen herbst" in der „smallest gallery" in Graz gezeigt. Das kaum beachtete Jubiläum von Thomas Morus‘ einflussreicher Schrift war für studio ASYNCHROME von großer Bedeutung, denn die Utopie prägt ihre künstlerische Arbeit. So schien auch das Motto „Wie wir leben wollen" des Grazer Kulturjahres 2020 den beiden wie auf den Leib geschrieben - nicht umsonst wirkten sie bei mehreren Projekten mit. Wie das mit der Utopie in der Praxis gehen könnte, zeigte anschaulich die Installation Space*Object*Inbetween, bei der die Schlossbergbahn Graz mit innovativen Zeichnungen, zwischen opak und transparent wechselnd, in eine utopische Raum-Zeit-Kapsel verwandelt wurde. Auch die Installation „Wir senden weiter", die im Sommer 2021 den Metahofspitz bei der Grazer Annenstraße in eine Art Sitzlandschaft verwandelt hat, beschäftigte sich mit den utopischen Überlegungen des Duos zur Zeichnung zwischen digitalem und analogen Raum. Hier kam auch Farbe mit ins Spiel, die bei studio ASYNCHROME sonst eher sparsam verwendet wird. „Wir glauben, dass sich die Welt in Grauzonen mit der Fähigkeit zur Farbreflexion bewegt." Die Binär-Codes zum Sitzen schufen einen konsumfreien Raum ohne „vorgegebene Funktion". Jeder konnte selbst über die Nutzung entscheiden.

Linien aus Stahl

Viele Arbeiten des Duos leben nur in der Zeit der Installation. Das ist Teil des Konzeptes, aber nicht immer leicht. „Manchmal ist es schon hart, wenn die Zeichnungen übermalt, abgebaut oder transformiert werden", gibt Marleen Leitner zu. Aber es gibt Ausnahmen, wie die sechs Tonnen schwere Skulptur „Future Faces" (2019) in einem Kreisverkehr in Frohnleiten. Für diese berührende Arbeit, die sich so schnell nicht von der Stelle bewegen wird, wurden nach dem Zufallsprinzip 15 Frohnleitner Bewohnerinnen und Bewohner ausgewählt und ihre Profile in Linien aus Stahl verewigt. Für die Umsetzung gab es wenig Zeit, dafür umso mehr Unterstützung. Ein in Gratkorn ansässiger Schweißer erklärte die Kunst kurzerhand zur Chefsache. Ein Spezial-Gärtner wollte unbedingt, dem Bepflanzungskonzept der High Lane in New York folgend, die nachhaltige Bienenwiese rund um die Skulptur mitgestalten, die erst jetzt so richtig am Aufblühen ist. Manchmal beginnt die Utopie eben schon früher.

 http://www.asynchrome.com/

Lydia Bißmann
Stand: März 2022

 

Persona, Zeichnung aus der Reihe „Body Works", 2019.Future Faces, 2019, Frohnleiten. Space*Object*Inbetween, Schlossbergbahn Graz 2021.
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