Die Poesie der Verbindungen

Angefangen hat alles mit einem Kleber, der nicht halten wollte. Das brachte die Grazer Künstlerin Elisabeth Gschiel dazu, sich die Nähmaschine als künstlerisches Werkzeug anzueignen. Ein Glück, wie der Blick auf ihre in den letzten 10 Jahren entstandenen Arbeiten beweist.

Elisabeth Gschiel
Elisabeth Gschiel© Kurt Ablasser

Irgendwann um 2010 herum wollte Elisabeth Gschiel ein Bild aus Plastikverpackungen gestalten. Da chemische Klebstoffe die dünnen Kunststofffolien und Einkaufssackerln angriffen und teilweise auflösten, beschloss sie, die einzelnen Teile mit der Nähmaschine zu verbinden. Entstanden ist daraus „Plastic Landscape" - jenes Bild, das die Künstlerin auch gerne als ihr „erstes Werk" mit der Nähmaschine bezeichnet. Seither gehören Faden und Naht als verbindendes und inzwischen eigenständiges Medium fest zu ihren Arbeiten.

Raum und Zeit für die Arbeit

Elisabeth Gschiel wurde in Hartberg geboren und besuchte die Ortweinschule in Graz, wo sie den Zweig Grafik und Design belegte. Danach studierte sie Architektur an der TU Graz und arbeitete nach Studienabschluss zehn Jahre lang in Architekturbüros. Die Kunst blieb in dieser Zeit ihr Begleiter, wenn auch mit gewissen Einschränkungen, da etwa Ölmalerei in einer Wohnung logistisch schwierig und umständlich umzusetzen ist. Das änderte sich erst durch die Begegnung mit den Betreibern vom „Schaumbad" und dem Entschluss, sich in die Ateliergemeinschaft einzumieten, die damals noch in einem ehemaligen Bäderschauraum in Eggenberg daheim war. Der Austausch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern, der Platz für Material und Denkprozesse waren ein regelrechter Booster für Elisabeth Gschiels künstlerische Entwicklung und bereiteten ihr den Weg in die Tätigkeit als freischaffende Künstlerin. Kunst ist Arbeit, macht Mist und Mühe, braucht Raum zum Atmen, zum Reflektieren und viel Zeit.

Nach dem passenden Arbeitsort folgten die ersten finanziellen Unterstützungen. 2013 erhielt Gschiel ein Auslandsatelierstipendium des Landes Steiermark in Portugal, wo sie sich in einer ehemaligen Textilfabrik und jetzigem Atelierhaus in Guimarães einquartierte, um sich zwei Monate ganz und gar der künstlerischen Arbeit zu widmen. Seit 2016 ist sie regelmäßig Gast bei nationalen und internationalen Ausstellungen, 2019 folgte ein Arbeitsstipendium der Stadt Graz für Bildende Kunst und 2021 das Staatsstipendium Bildende Kunst des Bundesministeriums. Inzwischen kann sie von ihrer künstlerischen Arbeit leben und hat den Architekturberuf an den Nagel gehängt.

Die Nadel als Pinsel

Im Frühjahr 2021 war im Rahmen einer Personale im „Schaumbad", das inzwischen in der Grazer Puchstraße verortet ist, eine umfangreiche Schau ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Themen zu sehen. Elisabeth Gschiel behauptet von sich, dass sie gar nicht nähen kann. Das muss sie auch nicht: Faden und Nadel sind die formgebenden Elemente in ihren Werken. Sie benutzt die Nadel als Pinsel, die Naht als Linie - lässt damit Strommasten, Baukräne, Eisenbahnschienen oder einfach sparsam ausgeführte Landschaften entstehen. Oder sie gestaltet aus feinen Nähten eine dichte Fläche wie bei dem Bild „escape symbol". Die Arbeit ist eine Reminiszenz anbn eine anstrengende Planung von unzähligen Notausgängen aus der Zeit als Architektin, funktioniert aber ebenso als Anspielung auf die weltweite Corona-Krise.

2015 entstand die Serie „Portraits", die noch bis 2022 in der Ausstellung „Ladies and Gentleman" in der Neuen Galerie des Universalmuseums Joanneum zu sehen ist. Auf am Flohmarkt oder in der Familienfotokiste gefundenen Sepia-Fotografien appliziert sie den teils unbekannten Personen Haarschmuck, filigrane Insektenflügel oder Phantasie-Abzeichen auf den Kragen. Etliche dieser Porträts sind im 2018 im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen Katalog „Elisabeth Gschiel: strich = faden" abgebildet.

Gschiel näht auch Pflanzen maßstabsgetreu nach, etwa Disteln, die sie auf der Straße entdeckt, und erweckt diese dadurch auf der Leinwand wieder zum Leben. Die Regelmäßigkeit der Stiche verleiht den vertrauten Objekten und Mustern des Alltags einen Anflug von Wärme, Verletzlichkeit und Poesie. Absichtlich nicht abgeschnittene lose Fäden lassen die Gedanken weiterwandern, und die Geschichten, die die Künstlerin anschneidet, spinnen sich im Kopf des Betrachters fort.

Kostbares sichtbar machen

In einem ihrer drei Künstlerbücher, die gut verwahrt im Tresor der Landesbibliothek liegen, hat sie feine, goldenen Linien über Zeichnungen von Vögeln genäht. Das gemeinsam mit der Dichterin und Übersetzerin Kate Howlett-Jones entstandene Buch „Bird Notes" enthält Gedichtfragmente von Howlett-Jones Vater, einem Dichter und Vogelbeobachter, der zunehmend unter Demenz und Gedächtnisverlust litt. In Verbindung mit den luftigen, zart übernähten Vogelillustrationen von Elisabeth Gschiel verweisen sie auf Flüchtigkeit, Gedächtnis und Vergesslichkeit, Erbe und Tribut.

Mit ihrem ersten Künstlerbuch „Manifesto", das 2016 bei einer Schaumbad-Ausstellung zu 100 Jahre DADA gezeigt wurde, hat Gschiel sich selbst ein Manifest in Buchform „genäht". Hier sind es einfache Linien, die die Gedanken und Intentionen der Künstlerin als eine Art Textbild ohne einzigen Buchstaben darstellen. Zum Schluss hin werden die Abstände zwischen den Zeilen immer größer - „da hatte ich schon Zeitdruck und musste schneller werden", lacht Gschiel. Nähen und Bücher stehen auch für Massenproduktion - umso bezaubernder ist der Gedanke, dass Gschiels kostbare Buch-Unikate nur ganz selten und nur unter ganz besonderen Umständen im Original angesehen oder gar angefasst werden dürfen.

Sanfte Einladung, sich mit großen Themen zu befassen

Für eine Ausstellung im Grazer Kunstverein „Rotor" hat sich die Künstlerin 2021 mit dem Thema Zuckerproduktion befasst. Blaupausen, die ab 1870 für die Vervielfältigung von Architekturplänen verwendet wurden, wurden hier zusammengenäht und machen Material aus den Grazer Archiven wieder sichtbar. Gemeinsam mit botanischen Bildern von Rübenpflanzen erzählen sie so die Geschichte einer längst vergessenen Zuckerfabrik mitten in der Stadt.

Eine Naht bedeutet Verbindung, aber auch Einsatz und Verpflichtung - die Nähmaschinennadel hinterlässt ja auch Löcher. In einer ihrer aktuellen Arbeiten werden diese als Stilmittel inszeniert und kommen ohne Zwirn aus: „Invisible" beschäftigt sich mit unsichtbaren, aber trotzdem elementaren Dingen, wie etwa dem Corona-Virus. Es ist ein weiteres Beispiel für die sanfte, aber bestimmte Art der Künstlerin, die Betrachter zu einer Auseinandersetzung mit großen Themen wie Umweltverschmutzung, Globalisierung, ökonomische Übertreibungen oder Demenz einzuladen.

 Website von Elisabeth Gschiel >>

Lydia Bißmann
Stand: November 2021

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