Niemand ist gut allein

Die Arbeiten des jungen steirischen Künstlers Georg Klüver-Pfandtner sind wie große, warme Umarmungen, die einen sanft, aber trotzdem innig ans Herz drücken. Dabei ist es gar nicht so einfach, sein Œuvre in wenigen Worten zu beschreiben.

Georg Klüver-Pfandtner
Georg Klüver-Pfandtner© Lisa Schwalb

Georg Klüver-Pfandtner kommt aus dem Dunstkreis des zeitgenössischen Volkstheater-Kollektivs Theater im Bahnhof und arbeitet teilweise immer noch in Projekten mit dem TiB-Team zusammen. Er ist Bühnenbildner, Kostümdesigner, bildender Künstler, Performer und noch vieles mehr. Während der Schulzeit spielte er Theater, legte später eine paritätische Schauspielprüfung ab und absolvierte eine Ausbildung zum Friseur und Perückenmacher. Er studierte Kunstgeschichte in Graz, in Giessen angewandte Theaterwissenschaft sowie Bildende Kunst und Choreographie am Dartington College of Arts in Devon und an der Falmouth University in Cornwall. Hier kam er auch in Kontakt mit „Relational Aesthetics", die in seinen Arbeiten einen großen Platz einnimmt. Seit 2012 lebt und arbeitet er als freischaffender Künstler in Wien - 2021/2022 hat er das „Kunstraum Steiermark"-Atelierstipendium für seine Werkstatt in Semriach erhalten.

Inspiration Alltag

Beziehungen aller Art sind der strahlende Mittelpunkt seines Wirkens, um die sich seine Projekte drehen. Die große, unerschöpfliche Schatzkiste, aus der Inspiration, Materialien, Themen und Mottos geschöpft werden, ist die Familie im weitesten Sinne. Es geht ihm dabei um die Befragung gesellschaftlicher Strukturen und die Schaffung von alternativen Sichtweisen, utopische Möglichkeiten des Zusammenlebens und des Miteinanderseins. In einem aktuellen Projekt, für das er eine Vitrine aus dem Wiener Volkskundemuseum organisiert hat, rückt er die Familie als kleinste Keimzelle der Gesellschaft in den Fokus. Hier stellt er alte Fotos von seinen Eltern und den Eltern seines Partners nach. Gleiche Frisur, Kleidung und Beleuchtung sorgen für verblüffende Ähnlichkeit, auch wenn die zweite Generation durchaus schon älter ist als die Eltern auf den originalen Bildern. Herkunft, Klasse, Geschlecht rücken in den Hintergrund - was bleibt, ist eine Momentaufnahme, die wie eine Zeitreise in die Zukunft anmutet. Gleiche Nase, selber Blick und vermutlich auch ähnliche Sorgen hinter den kleinen Stirnfalten.

Die Ästhetik der Beziehungen

„Relational Aesthetics" beschäftigt sich aber auch mit der Beziehung zwischen Künstler und Betrachter und räumt dem Publikum selbst einen wichtigen Platz im Kunstgeschehen ein. Wie man die Rezipienten zum Mitmachen motiviert und anleitet, ist dabei nicht immer so einfach und verlangt viel Fingerspitzengefühl und Bereitschaft zur Reflexion. Eigenschaften, über die Georg Klüver-Pfandtner in Hülle und Fülle verfügt. 2015 gestaltete er beim „steirischen herbst" mit dem „Club Panamur" im Orpheum eine der schönsten „Herbstbars" aller Zeiten mit. Überdimensionale Fotoprints - Resultate sorgfältig kuratierter Shootings - rahmten die Räume des temporären Nachtclubs und schufen einen kuscheligen Safe Space für alle. Klüver-Pfandtner spielt gerne mit plüschigen Texturen, knallbunten Farben und heroischen Posen, aber trotzdem fühlen sich seine Arbeiten alles andere als zuckerwattehaft an. Queere Themen sind ein Teil davon, aber das noch Schönere daran ist, dass sie so selbstverständlich daherkommen: Als ob alles schon gut wäre und sich jeder seine Familie so gestalten könne, wie es einem gefällt.

Zusammenleben neu denken

Während seines Aufenthalts in England 2008 gründete er gemeinsam mit Rosalie Schweiker den ersten „artist run carbon-neutral Sex Shop". Bei diesem Happening sollten Freunde und Besucher selbst Artefakte und Beiträge zum Sexshop liefern. Das Echo war groß und der Miniraum in London drohte aus allen Nähten zu platzen. Die Aktion wurde in Wien einige Jahre später mit dem Kollektiv „Hotel Butterfl"y wiederholt. Klüver-Pfandtners Performances, Happenings und Installationen sprengen oft den Rahmen des White Cubes und stellen mitunter die Veranstalter vor ein großes Fragezeichen, wenn er mit einer Gruppe von Darstellern und sehr viel Schminke und Kostüm zu einer Ausstellung anreist. Aber das ist eben Teil des Gesamtkonzeptes seiner Arbeiten, die in den letzten Jahren unter anderem in Berlin (HAU), Wien (WUK, brut, Künstlerhaus), Salzburg (Galerie 5020), Athen (Museum of Queer Art) und London (Young Tate Collection) gezeigt wurden.

Menschliches Zusammenleben und -Arbeiten ist immer eine Herausforderung. Verstaubte Hierarchien vor allem im institutionellen Theaterbereich werden aktuell neu gedacht und viel diskutiert. Klüver-Pfandtner setzt mit seinem Wirken und mit seinem Sein, das untrennbar damit verbunden ist, genau hier an: Niemand ist gut alleine, an einer Theaterproduktion arbeiten viele mit, auch wenn man das oft auf den ersten Blick gar nicht sieht. Seine Arbeiten bieten keine Lösungen für altbekannte Probleme an, aber sie rücken Achtsamkeit und Mitdenken in den Mittelpunkt. In einer furchtbar schnell und pragmatisch gewordenen „Tick the Box"-Gesellschaft sind sie herrlich politisch, auch wenn das im Neonlicht und der Kunstpelzstola auf den ersten Blick nicht immer so aussieht. Wie im Alltag geht es auch in der Demokratie ja in erster Linie um das Mit-, Vor- und Nachdenken und nicht um Instant-Erlösungen am Reißbrett. Und genau das ist es, was das samtig-liebevolle Klüver-Pfandtner-Universum so unwiderstehlich hoffnungsvoll und herrlich anziehend macht.

 Website Georg Klüver-Pfandtner >>

Lydia Bißmann
Stand: September 2021

 

Club Panamur
Club Panamur© Georg Klüver-Pfandtner und Stefan Beer
Anne, Georg familiar
Anne, Georg familiar© Georg Klüver-Pfandtner
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