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Im Kartonkapuzenmantelkleid

Zu Claudia Klučarićs poetisch-analytischer Kunst

„Ganz leise löste sie die Fäden auf, die sie ans Gegebene knüpften" steht unter einer der Zeichnungen von Claudia Klučarić. Auf dem Blatt rollen sich auf bestrickende Weise zwei miteinander verbundene Wollknäuel ge-genseitig auf. Das rechte Knäuel ist nur noch als Umriss vorhanden, das linke halb abgerollt oder aufgerollt, dazwischen laufen kunstvoll ver-schlungen die Fäden. Der Titel - vermutlich ein Zitat - lässt das seltsame Gebilde als Sinnkonstruktion erscheinen. Hier löst sich in einer dialekti-schen Bewegung etwas „Gegebenes" auf. Und das Bestehende öffnet sich einem anderen Raum. Wie dieser wohl beschaffen sein mag? Ist es Leere, ist es Fülle? „Komm ins Offene, Freund ..." heißt es bei Hölderlin.
Claudia Klučarićs Zeichnungen und Installationen erschließen sich nicht auf den ersten Blick. Nicht immer sind die Bildinschriften so deutlich mit den Bildinhalten verbunden wie in diesem Fall. Und doch wird nichts ab-sichtsvoll verrätselt. In dieser Künstlerin trifft sich eine visuelle Begabung mit einer verbalen, einem starken Sinn für das Poetische. Goethes Impera-tiv „Bilde, Künstler, rede nicht!" befolgt sie nicht. Es wäre reizvoll, aber den Rahmen sprengend, ihren Redefluss aufzuzeichnen. Im Katalog zu ih-rer Ausstellung im Salzburger Traklhaus (2005) hat Klučarić ihre Projekte kommentiert. „Im Grunde arbeite ich vielleicht an der Darstellung der Be-ziehung an sich, der Beziehung eines Moments zum nächsten, in gewisser Weise des Lebens selbst ..." Und dieses Großprojekt, das sie möglicher-weise bis an ihr Lebensende verfolgen möchte, heißt schlüssig „alive".
In ihr Atelier im niederösterreichischen Unterrohrbach hat die 44jährige gebürtige Grazerin, die an der Akademie der Bildenden Künste in Wien Bildhauerei studiert hat, einen Kubus eingebaut, den sie als bewegte Rauminstallation betrachtet. Es ist ein Freiraum, in dem sie ein Parallelle-ben führt, als Akteurin in einem Spiel nach ihren eigenen poetischen Re-geln, das auf Video dokumentiert wird. Virginia Woolfs Forderung nach einem „Zimmer für sich allein", das es einer Künstlerin ermöglicht, der Rollenproblematik des spezifisch weiblichen Alltags zu entkommen, scheint hier auf eigenwillige Art eingelöst. Auf ihrer Website sind Videostills dieses „work in progress" zu sehen, zwei Teile davon hat sie vor ein paar Jahren in Graz bei den Minoriten präsentiert.
Mit weiß geschminktem Gesicht hockt die nackte, „ungeschützte" Künstlerin in einer kleinen kreisrunden Fläche in einem mit Glasscherben ausgelegten Raum und bellt wie ein Hund. Das wirkt einerseits als Abwehr, andererseits wie eine Aufforderung zum Spiel. Die Grenzen sind abgesteckt, aber auch zum Überschreiten da - und sei es nur in der Betrachtung. Spiel mit mir, aber komm mir nicht zu nahe. Das lässt an Schopenhauers Parabel von den Stachelschweinen denken, die sich aneinander wärmen wollen, aber an den Stacheln stechen - und sich nicht recht zwischen der Kälte des Alleinseins und dem Schmerz des Zusammenseins entscheiden können.
Ein starkes existentielles Bild zeigt die hochschwangere Protagonistin im mit Schnüren verspannten Raum, durch den sie sich nur gebückt bewegen kann. Immer wieder versucht sie, die Schnüre durchzubeißen. Das hat et-was Quälendes, erinnert von fern an Beckett oder auch den Mythos von Sisyphos, endet aber in einem Bild der Entspannung: Die Künstlerin ruht sich auf einer Leiter aus, ein Teil der (Nabel?)Schnüre hängt zu Boden, der Raum ist damit begehbarer, „offener". Sind hier wiederum Fäden zum Ge-gebenen aufgelöst worden? Hat sich die Akteurin zumindest ein Stück weit frei gespielt? Oder rastet sie nur, um für eine letztlich aussichtslose Beschäftigung Kraft zu schöpfen?
Sind Claudia Klučarićs Arbeiten eigentlich feministisch? In jungen Jahren hat sie im Zyklus „Claudia Klučarić & ihre Freunde, die Zipfelschwinger" (1992) mit scharfem Witz die Phallokratie bloßgestellt. Auf der „Frauen-schiene" wolle sie aber nicht fahren, sagte sie mir in einem Gespräch, das sei ihr zu eindimensional. Ihr preisgekröntes dreieinhalbstündiges Video „eine analytisch-poetische annäherung" (2001 - 2003) zeigt Porträts von vier Frauen unterschiedlichen Alters. Sie habe sich diesen ausgeprägten Frauenpersönlichkeiten zugewendet, um deren „Atem gerecht zu werden". In einer teils wild assoziativen, dann wieder ruhig fließenden Mischung aus Alltagsszenen, „floating images" und Literaturzitaten wollte sie „Er-kanntes darstellen und Unwägbares andeuten".
Die Zeichnung „Nie entrinnst du deiner Gestalt" zeigt Claudia mit hartem Gesichtsausdruck und Medusenhaupt, die Haarschlangen ringeln sich am Boden. In einer späteren Variante („tragen & getragen werden / auf der Butterseite des Mondes") schaut sie freundlicher und im hochgesteckten Medusenhaupt liegt ein kleines Kind, ihre Tochter. In der Folge wendet sie sich in ihren Blättern auf berührende Weise einer kindlichen Welt des Spiels zu, in der Vorstellungen umstandslos Gestalt annehmen. Ihre dies-jährige große Personale „passagen_04" (Akademie Graz/ Stadtmuseum), für die Friederike Mayröcker eigens einen Text verfasst hat, zeigte eine Auswahl davon. Und auch einen Zyklus von Selbstporträts in meist ru-hend-meditativer Haltung. Kampf-Metaphern wie in ihren frühen Arbeiten finden sich nicht mehr. Bei der Vernissage stand sie in einem „Kartonka-puzenmantelkleid" in ihrer Rauminstallation „Schutzraum" und lugte durch eine gesichtsförmige Öffnung auf das Publikum.
Claudias Wesen und Kunst sind vielschichtig, darin mischen sich Ent-schiedenheit und Zweifel, sie scheint mitunter versponnen, wie einem Märchen entsprungen, kann aber durchaus zupackende Vitalität entwi-ckeln. Und vor allem sind sie und ihre Kunst schwer voneinander zu unterscheiden.

Günter Eichberger
Stand: Juli 2012

Videostill aus "alive.chapter 9 (?)" (2007), 4'27'', Pal/stereo© Klucaric
Videostill aus "alive.chapter 7(?)" (2005), 12', Pal/stereo© Klucaric
Videostill aus "alive.chapter 23 (?) (2007), 7'30'' Pal/stereo© Klucaric
Claudia Klucaric, Selbstporträt© Claudia Klucaric
/Schutzraum/, Maße variabel, bestehend aus /Momente sammeln, /2008 (Angelschnur, Watte) und einer weißen Papierbahn mit kreisförmiger Öffnung, /Möglichkeitsraum I-V/, 2011 (Vogelnester auf Holzkonsolen), /Müdigkeits-Ich-Stücke /2011 (Korkenzieherweidenholz, in Brennholzlänge geschnitten und weiß lackiert), /Kartonkapuzenmantelkleid/ 2011 (Karton, Metallsplinte) mit Ballonschleppe (rosa Luftballone, grüner Bast)
Kartonkapuzenmantelkleid© Claudia Klucaric
Kartonkapuzenmantelkleid (Detail)
Kartonkapuzenmantelkleid (Detail)© Maryam Mohammadi
/Bodenpersonal/, Bunt- und Bleistift auf Papier, 42 x 59,4 cm, 2010
Bodenpersonal© Claudia Klucaric
/GANZ LEISE LÖSTE SIE DIE FÄDEN AUF, DIE SIE ANS GEGEBENE KNÜPFTEN/, Bleistift auf Papier, 42 x 59,4 cm, 2003
GANZ LEISE LÖSTE SIE DIE FÄDEN AUF, DIE SIE ANS GEGEBENE KNÜPFTEN© Claudia Klucaric
/nie entrinnst du deiner Gestalt/, Bleistift auf Papier (Detail), 42 x 59,4 cm, 2003
nie entrinnst du deiner Gestalt© Claudia Klucaric
 

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