Literaturstipendium 2022- Chrystyna Nazarkewytsch - Texte zur aktuellen Lage in der Ukraine

Chrystyna Nazarkewytsch
Chrystyna Nazarkewytsch© Chrystyna Nazarkewytsch, Literaturstipendium 2022

Schnipp-schnapp - schnipp-schnapp - schnipp-schnapp - - -

Wie gut mir die Eintönigkeit und Wachsamkeit dieses kalten Geräusches tut.

Ich schneide, schneide konzentriert und sorgfältig, schneide wie besessen, schneide voller Liebe zu denen, die meine Arbeit beschützen soll, schneide voller Hass zu denen, die unser Leben auslöschen wollen, schneide und beruhige mich, verfalle in eine Art Meditieren.

Die Materialität des Stoffes, den ich in gleichmäßige Streifen schneide, lässt mich daran denken, dass der Krieg real ist. Meine Aufgabe hier, im mittelalterlichen Pulverturm meiner Stadt Lwiw, ist, Berge von Kleidern, Bettwäsche und Tuchballen zu zerschneiden. Stoffschnipsel werden von jungen fröhlichen Student*innen der Lemberger Kunstakademie in große Netze eingeflochten, so werden Tarnnetze hergestellt. Tarnnetze sind Kunstwerke der Kriegszeit. Riesige Netze, die aus Hunderten, Tausenden schwarzen, grünen, braunen, grauen, dunkelblauen Stofffetzen hergestellt werden, bilden die beschützenden Engelsflügel, die die Geschoße abwenden sollen. Die Verwandlung alltäglicher Stoffstücke in riesige Stoffbahnen, die Entfremdung vom ursprünglichen Gebrauchszweck geschieht im Laufe des Tages durch die Bemühungen mehrerer Freiwilligen. Tarnung ist gleich Schutz. Schutz vor kriminellen, das Land terrorisierenden hauptsächlich jungen Männern mit russischen Pässen. In Gefangenschaft genommen, bereuen diese Männer in die Kamera ihre Taten, versichern, von nichts „wirklich" gewusst zu haben, versprechen, nie mehr wieder jeweils das zu tun ... Ihre Versicherungen sind auch Tarnung. Ich glaube nicht, dass jemand, der in einem Panzer über Getreidefelder in einem fremden Land fährt und den Boden für Jahrzehnte für jede Ernte unbrauchbar macht, keinen Krieg im Kopf hat. Ich glaube nicht, dass jemand, der ein Ziel im Visier hat, in der Satellitenbilder-Ära nicht weiß, dass da Wohnungen von friedlichen Menschen getroffen werden, dass der Beschuss viele Hunderte Menschen ohne Bett und ohne Dach über dem Kopf lässt. Ich glaube nicht, dass jemand, der ein Entbindungskrankenhaus unter dem Vorwand bombardiert, darin seien in Wirklichkeit nicht Frauen, sondern ukrainisches Militär, nicht weiß, dass dort doch vor allem Frauen und Neugeborene sind. Sowie medizinisches Personal. Dort sind Frauen, deren größtes Unglück in diesen Wochen ihre Mutterschaft ist. Immer wieder steht vor meinen Augen das Bild einer blutenden hochschwangeren bildhübschen Frau. Sie schaut mit vor Verzweiflung blinden Augen in die Kamera, eine Madonna des Jahres 2022. An ihr vorbei wird eine andere schwangere Frau getragen, eine der vielen, die diesen Schock, dieses Entsetzen nicht überleben wird, weder sie, noch ihr ungeborenes Kind.

RRRATSCH - RRATSCH - RATSCH

Ich reiße den Stoff, ich versuche meine steigende und zugleich lähmende Aggressivität in das Reißen der Stoffe zu leiten, ich zerreiße mit lautem Geräusch den Stoff eines Lakens in meinen Händen. Niemand wird auf diesem Laken mehr schlafen, es wird niemands Bett mehr bedecken, aber ich will sehr, dass es unsere Beschützer bedecken wird, dass sie zu keinem Schießziel werden, dass sie überleben, in die unzerstörten Häuser, zu ihren Familien möglichst bald zurückkehren, wo alle überleben sollen, so sehr will ich das. Aber vorher muss man die dunkle Tsunami-Welle des Bösen abwenden. Denn im anderen Fall (habe ich wirklich „anderer Fall" geschrieben? Nein, ich darf einen „anderen Fall" nicht einmal annehmen! In allen Märchen meiner Kindheit wurde das Böse unbedingt besiegt. Die Gerechtigkeit muss siegen, weil es sich anders nicht lohnt, in dieser Welt weiterzuleben.) bleibt auf diesem riesigen und doch so kleinen, so innig geliebten Stück Planet nur verbrannte Erde.

Ich halte mit einem Ruck inne. Es wird mir dunkel vor den Augen. Hunderte Bilder, die ich in den 25 Tagen bereits sah, helfen mir in meiner Phantasie. Ich sehe eine weite, weite Gegend, wo die Erde schwarz ist, aber es ist nicht die berühmte ukrainische Schwarzerde, es ist eben diese verbrannte Erde, wo nichts wachsen kann, wo kein Baum steht und deshalb kein einziger Vogel singt, wo das Einzige, was sich bewegt, der aufsteigende schwarze Rauch ist. Mir wird schwindlig, Ich halte mich mit beiden Händen an einer schwarzen Jeans, die ich gerade zerschneiden will, ich versuche im Viereck zu atmen: Einatmen - Pause - Ausatmen - Pause. Einatmen - Pause - Ausatmen - Pause. Das Herz dröhnt in den Schläfen. Einatmen. Es gibt Menschen neben mir, meistens Frauen, sehr viele sind aus den Gebieten, wo aktive Kämpfe geführt werden. Einige haben nur das, was sie anhaben. Sie arbeiten ruhig und entschlossen. Ausatmen. Ich darf nicht hysterisch werden. So viele Menschen wollen zur Normalität zurück. In der Zeit der Revolution der Würde hatten wir einen Slogan, der mich jetzt nicht loslässt: Du bist ein Tropfen im Ozean. Einatmen. Ja, ich bin ein Tropfen. Und das bedeutet nicht, dass ich nichts bedeute. Im Gegenteil: das heißt, dass wir gemeinsam eine mächtige Kraft sind, die nie vom Bösen bewältigt werden kann. Dass wir zusammenhalten müssen. Die ganze Welt. Ausatmen.

Schnipp-schnapp - schnipp-schnapp - schnipp-schnapp ---------------------         

© Chrystyna Nazarkewytsch

 

Am 18. März 2022 haben die Aktivist*innen 109 leere Kinderwagen im symbolischen Gedenken der Kinder, die die 23 Tage Krieg nicht überlebt haben, auf dem Rathausplatz in Lwiw/Lemberg ausgestellt.
Am 18. März 2022 haben die Aktivist*innen 109 leere Kinderwagen im symbolischen Gedenken der Kinder, die die 23 Tage Krieg nicht überlebt haben, auf dem Rathausplatz in Lwiw/Lemberg ausgestellt.© https://zaxid.net/u_tsentri_lvova_vistavili_desyatki_pustih_dityachih_vizochkiv_foto_dnya_n1538753

Es sind über dreißig Jahre vergangen, seit Juri Andruchowytsch, unser Dichter Nr. 1 zu Beginn der ukrainischen Souveränität, ein Gedicht geschrieben hat, dessen Handlung er entsprechend seiner damaligen Vorliebe für barocke Lyrik ungefähr in das 17. Jh. übertrug. Als Motto für sein Gedicht Das Land der Kinder diente ihm ein Zitat aus den Reisenotizen Paulus' aus Aleppo (!) (dessen osmanischer Name Būlus ibn Makāriūs al-Halabī war. Er lebte zwischen 1627 und 1669 und hat unter anderem eine wertvolle Beschreibung der Kosakenukraine zur Zeit ihrer Blüte hinterlassen): Jede Stadt und Kleinstadt im Kosakenland ist reich an Einwohnern, vor allem aber an kleinen Kindern. In jeder Stadt gibt es unzählige Kinder, sie alle können lesen, sogar die Waisenkinder. Dieses Land ist sehr reich an Witwen und Waisenkindern, ihre Männer und Väter wurden in endlosen Kriegen getötet. [...] Damals, vor über 30 Jahren, stellte das Gedicht ein Fragment der ukrainischen Geschichte dar, als sich die Standhaftigkeit der Ukrainer in dauernden Kriegen mit den Nachbarn abhärtete und als die Kinder sehr früh erwachsen und selbständig werden mussten.

Vor zwei Jahren, als der Krieg im Osten der Ukraine schon Jahre dauerte und jeden Tag menschliche Leben nahm, hat ein anderer ukrainischer Dichter, Serhij Zhadan, wohl unser Dichter Nr. 1 heute, ein Gedicht geschrieben, das er in Anspielung auf das seines älteren Kollegen Andruchowytsch genauso nannte: Das Land der Kinder. Zhadans Gedicht hatte das Drama der Kinder in den ostukrainischen Kriegsgebieten zum Thema, die in der besetzten Donbassregion unter unvorstellbaren Bedingungen der täglichen Lebensgefahr und Todesangst leben. Zhadans Gedicht traf den Nerv der Ereignisse, die von der Welt kaum zur Kenntnis genommen wurden. In einem Land mit so vielen Kindern weiß man, warum zu leben und wofür zu sterben: Zhadan drückte den klaren Gedanken aus, dass die Kinder, die in jedem Land die Zukunft dieses Landes bilden, beschützt werden müssen (meine Version des Gedichts füge ich diesem Text hinzu).

Wer hätte geahnt, dass im Jahr 2022 der Text an Aktualität gewinnen, dass das Leben der Kinder in der Ukraine noch stärker bedroht sein wird. Nach nur einem Monat Krieg sind in der Ukraine bereits so viele Kinder ums Leben gekommen, wie in acht Jahren Krieg in der Ostukraine.

Wenn man dieser Tage in Lwiw unterwegs ist, sieht man Dutzende Kinder um sich herum. Man bemerkt sie sofort, weil sie wie bunte Flecken in der eher grauen Stadtlandschaft sind, weil sie sich langsamer als Erwachsene bewegen, die sie mit kindlicher Zuversicht an der Hand halten, weil sie ungewöhnlich still sind ... 

Im Pulverturm, wo die Tarnnetze hergestellt werden, befinden sich selten Kinder, aber manchmal kommt die eine oder andere Frau mit ihrem Kind, von dem sie sich nach den erlebten Schrecken auch nur für ein paar Stunden nicht mehr trennen will. Vor einigen Tagen war eines in unserem Stockwerk, wo Stoffe für die Netze geschnitten werden. Das Kind saß in einer überlangen grünen flauschigen Fleecejacke mäuschenstill in einer Ecke, beobachtete die Anwesenden ernst, flüsterte seiner Mutter ab und zu etwas zu. Ich wunderte mich, dass der Bub das Sitzen und Warten so geduldig ertrug, traute mich aber nicht, ihn anzusprechen. Neben mir saß, wie oft, ein geschwätziger älterer Herr, der, ehrlich gesagt, zumeist eine Nervensäge ist, aber an dem Tag plötzlich seine gute Seite zeigte. Er sprach den etwa 6-jährigen Buben an, lobte ihn, dass er seiner Mama half, lächelte ihm zu, und das Kind verwandelte sich, wie sich Knospen in Blätter oder Blüten verwandeln: Es wurde immer gesprächiger, antwortete auf die Fragen des Alten immer lustiger, mit immer lauterer Stimme, verließ dann seinen Sitzplatz und benahm sich endlich, wie sich normalerweise alle Kinder benehmen: Der Bub rannte zwischen den Stühlen und Stoffen umher, brummte und war mal ein Wagen, dann ein Personenzug, dann ein Vogel. Er war über die Freundlichkeit ihm gegenüber so erleichtert, glücklich und dankbar, er rannte und zwitscherte, rannte und beobachtete, wie die anderen auf ihn reagierten. Ich verfolgte seine steigende Lebendigkeit und musste mitlachen und als er mein Lachen sah, rannte er auf mich zu und umarmte mich aus aller Kraft, sein kleines Herz pochte vor Freude: Er konnte wieder er sein, er musste nicht still und unbemerkt hocken, er verstand, dass es hier Leben gibt, dass die Menschen hier seine Freunde sind... Ein glückliches flauschig-grünes Kind. Damian.

Ein Flugzeug hat er in seinem Spiel übrigens nicht dargestellt.  

Das Gedicht Das Land der Kinder von Serhij Zhadan in deutscher Nachdichtung:

Das Land der Kinder
So viel Kummer, so viele Nöte
du kannst keinen Schritt machen,
du hältst das Herz an und zählst die Verluste.
Am meisten fehlt es an guten Nachrichten.
In einem Land mit so vielen Kindern weiß man,
warum zu leben und wofür zu sterben.
Der Vogelkäfig ist viel zu eng
und leichtfüßig kommt jeder Lenz,
die Zeit reißt ab mit Echobrandung.
Von uns bleiben Freude und Lachen.
Lieben - heißt für alle da sein.
Glauben - heißt andere führen können.
Es brennen, brennen Brücken, es wachsen Wände,
aber Kinder, die wachsen in den Himmel des Landes,
Kinder, die setzen unsere Sprache fort,  
die halten für uns oben das Himmelsgewölbe.
Das Land war nie böswillig.
Das Land war schon immer hier.
Das Land, wohin der Regen zurückkehrt,
über das sich Gedichte so leicht schreiben.
Das Land, das größer als alles Böse ist.
Es lieben für alles, was früher war.
Es lieben für jeden Sonnenaufgang.
Ich hätte noch Fragen.
Was lässt uns hier nicht los?
Wir sind so wenige auf dem Planeten.
Die Sterne leuchten uns so wohlwollend.
Da kommen die Kinder vom Fluss zurück.
Da kommen die Kinder wieder heim.
Wir sind die, die hier weiter leben, wir.
Das Haus füllt sich mit Gästen und Stimmen.
Das Land der Kinder atmet ruhig und still. 

 Und hier der Link auf das Lied zu diesem Gedicht, das letzten Sommer entstand>>

https://zbruc.eu/node/111379
https://zbruc.eu/node/111379© unian.ua, ukrainische Nachrichtenagentur.

Das Mädchen war allein zu Hause, seine Eltern waren Essen holen gegangen und blieben sehr lange weg. Es dämmerte schon und das Mädchen wollte rausgehen, um nach den Eltern zu schauen, schaltete das Radio ein und hörte: „Bleib zu Hause, Mädchen, schließe alle Fenster, schließe alle Türen, da draußen lauert der Fliegende Arm, warte, bis deine Eltern zurück sind." Das Mädchen schloss die Fenster, schloss die Türen und wartete. Nach einiger Zeit öffnete es den Vorhang einen Spalt und sah direkt vor der Fensterscheibe den Fliegenden Arm. Das Mädchen zog den Vorhang schnell wieder zu und versteckte sich in eine Ecke. An der Haustür klingelte es. Das Mädchen dachte, es seien die Eltern, ging zur Tür, schaute aber zuerst durchs Guckloch und sah vor der Tür den Fliegenden Arm, der seine Finger nach ihm ausstreckte. Das Mädchen öffnete nicht und versteckte sich unter dem Bett. Es hämmerte lauter und lauter an der Tür. Das Mädchen unter dem Bett rührte sich nicht und wagte es kaum zu atmen. Allmählich wurde es still draußen. Die Stille tat gut, das Mädchen wagte es endlich, unter dem Bett hervorzukriechen. Es beschloss, sich schlafen zu legen, in der Hoffnung, am Morgen seien die Eltern wieder zu Hause und alle Schrecken weg. Es zog seinen Pyjama an und legte sich ins Bett. Es war erleichtert, im eigenen Bett liegen zu können, dort fühlte es sich endlich sicher. Plötzlich regte sich etwas neben dem Mädchen, und ehe es aufschreien konnte, klammerten sich die Finger des Fliegenden Armes in seinen Hals - - - -

Die Augen meiner Freundin weiten sich, ihre Stimme, die bisher tief und leise war, wird laut und schrill. Wir - neun Jahre alt, in der Grundschule - schreien erschrocken mit.

Meine Schulfreundin erzählte solche Horrorgeschichten meisterhaft. Sie machte lange Pausen und modulierte ihre Stimme vom Flüstern bis zum Schrei, sie quälte uns kleine Zuhörer und Zuhörerinnen mit dem unerträglichen Warten auf den Schrecken. Mit Geschichten über das Weiße Klavier mit blutenden Tasten oder den Schwarzen Mann, der sich gleichzeitig an mehreren Orten aufhalten kann, oder die Schwere Wolke, die über einer Stadt tiefer und tiefer sinkt ... Alle diese Geschichten waren schrecklich, ich wollte am liebsten weglaufen und mir die Ohren zudrücken, aber mein Wunsch, cool zuzuhören und in unserer Kindergesellschaft keine Angst zu zeigen war noch größer als der Drang zu flüchten. Den größten Eindruck auf mich machte jedes Mal die Geschichte vom Fliegenden Arm. Wenn meine Freundin sie erzählte, sie wiederholte die Geschichten ab und zu, konnte ich in der Nacht nicht schlafen. Ich lag im Bett, die Decke über den Kopf gezogen, und horchte in die Stille. Dieses Warten auf den Schrecken war schrecklich.

Diese Grundschulgeschichte holte mich vorigen Montag ein, als Bilder aus der befreiten Kleinstadt Butscha im Kyjiwer Vorort der breiten Öffentlichkeit zugänglich wurden. Die blauen Hände, die aus einem der Massengräber lugten. Der Hund, der am Leichnam seines Besitzers wartete. Die im Rücken mit Klebestoff zusammengebundenen Hände der Opfer, die nach den Folterungen durch einen Kopfschuss getötet wurden ... Als ich mir das Entsetzens der Menschen vorstellte, die bis zuletzt nicht glauben konnten, dass Menschen anderen Menschen gegenüber zu solchen Gräueltaten fähig sind, wurde mir schwindlig. Ein stummer Schrei schnürte mir den Hals zu. Und dann sah ich ihn, den Arm einer Frau. Man konnte ihren Körper nicht sehen und ich glaube, ich weiß, warum. Die Bilder wurden mit großer Achtung vor den Gefühlen der Lebenden gemacht, das Grausamste blieb hinter dem Bild. Der linke Frauenarm in Butscha ist grausam, ich weiß, dass ich diesen Arm nie mehr loswerde. Ich schließe die Augen und sehe diesen leblosen, einst graziösen Arm im Schlamm liegen. Ich schaue meinen eigenen Arm an und er verwandelt sich in einen kotbespritzten Arm, der nicht mehr mir gehört. Vor Müdigkeit schlafe ich ein und sofort erscheint vor mir dieser schmutzige linke Arm einer unbekannten Frau aus Butscha, er fasst mich an der Schulter, rüttelt mich, stößt mich: Vergiss mich nicht, denk an mich, an mich und an die anderen Opfer, lass nicht zu, dass Menschen uns vergessen, von uns wegschauen.

Nicht wegzuschauen ist eine schwierige Aufgabe, die Disziplin und Mut verlangt und auf jeden Fall das Verlassen der Komfortzone erfordert. Nicht wegzuschauen ist unabdingbar, um nicht zu vergessen, wie scheinbar gewöhnliche Menschen zu Unmenschen werden. Ich glaube, wir Nachkommen der Kriegsopfer der 1940er Jahre haben uns mit der Gewissheit eingelullt, die Bösen seien endgültig besiegt und das Motto Never more! sei unsere ewige Lebensweisheit.  

In meiner Jugend, in den 1980er Jahren, erschien in der Flut der damals endlosen sowjetischen Kriegsfilme, die plakativ und verlogen waren, ein bemerkenswerter Film des Regisseurs Elem Klimow, „Komm und sieh", der die Vergeltung für die Verbrechen der Nazis an der zivilen Bevölkerung von Belarusj zum Thema hatte. Der Titel, der Offenbarung des Johannes entnommen, wirkte auf mich fast hypnotisierend. Jetzt aber schaue ich mir keinen Film an, sondern Bilder, die real sind. Der Fliegende Arm zwingt mich hinzuschauen. Die Bilder aus Butscha sind erst der Anfang, bald kommen Bilder aus Irpinj, aus Isjum, aus Mariupol, aus anderen ukrainischen Orten, die unter russischer Besatzung waren oder noch sind. Man darf die Augen nicht abwenden, man muss hinschauen, die unnatürlich verrenkten toten Körper der Menschen - eine Russin meinte im TV, die Bilder seien gestellt und künstlich, weil die toten Körper zu „unnatürlich" auf den Straßen von Butscha lägen!! - betrachten und sich wieder und wieder fragen: So sieht also das Böse im 21. Jahrhundert aus? Seine Grausamkeit kennt keine Grenzen und wenn man es nicht stoppt, wird man dieses grenzenlose Grauen bald in noch größerem unvorstellbaren Ausmaß sehen.              

Inter arma silent musae -

ich höre den Pfarrer diesen Satz zu Beginn seiner Totenrede sagen. Er spricht über die Verstorbene, deren Asche in einer Urne auf dem zierlichen Tisch in der Kirche steht. An die Urne gelehnt ist ihr Bild: es war eine große Frau mit großen Augen, großem, vollen Mund, starken Augenbrauen, breitem Lachen und gesunden Zähnen. Ich habe sie nicht gekannt, obwohl ihre jüngere Schwester eine gute Freundin von mir ist.

Beide Schwestern waren Schülerinnen der berühmten musikalischen Internatsschule in Lwiw, ihre Mutter, eine früh verwitwete Bergbewohnerin in einem Karpatendorf, hat sich entschieden, ihre begabten Kinder für zehn Jahre in die 250 Kilometer entfernte Stadt zu schicken, obwohl in ihrem Bauernhof sicher jedes Paar Arbeitshände von Bedeutung war. Die liebende Mutter hat auf den Rat des Dorflehrers gehört, der das Talent der Kinder erkannte: beide sind wichtige ukrainische Komponistinnen geworden, beide wurden für ihr Schaffen mit dem wohl renommiertesten Künstlerpreis der Ukraine, dem Shevchenko-Preis, ausgezeichnet. Zuerst die ältere Schwester, einige Jahre später die jüngere. Jetzt nehmen wir in der orthodoxen Johannes-Kirche Abschied von der älteren, deren Asche von Kyiw nach Lwiw, dem Wohnort der jüngeren, gebracht wurde. Die Beerdigung findet anderthalb Monate nach deren Tod statt, was nicht der ukrainischen Tradition entspricht: die Ukrainer beerdigen ihre Toten am dritten Tag - als Symbol des Übergangs vom Tod zum ewigen Leben wie bei Christus. Oder sollte man sagen: die Ukrainer beerdigten ihre Verstorbenen vor dem Krieg am dritten Tag? Jetzt ist alles anders, auch der Abschied. In diesen drei Monaten gab es allerdings so viele Tote, die man nicht beerdigen konnte, Tote, die wochenlang auf den Straßen ihrer Wohnorte oder in ihren zerbombten Wohnungen lagen, bis sie ihre letzte Ruhe fanden. Tote, die, in Massengräbern verscharrt, exhumiert werden mussten, damit der gewaltsame Tod dokumentiert werden konnte, als Beweis der Kriegsverbrechen in der Ukraine. Im Jahr 2022, 77 Jahre nach dem Ende des letzten - wie man mit Sicherheit glaubte - Kriegs auf dem Kontinent.

Die Schwester meiner Freundin ist am 5. Kriegstag gestorben. Sie wurde nicht mit einem Geschoss getötet, sie starb an Entsetzen in ihrer Wohnung im 15. Stock eines Hochhauses in der ukrainischen Hauptstadt. Die ersten Tage der Invasion waren für die Kyiwer eine Hölle, die Menschen hörten um ihre Häuser herum ununterbrochen Explosionen, man konnte Entfernung und Gefahrenstufe nicht richtig einschätzen. Am ersten Kriegswochenende gab es in der Stadt Straßenkämpfe. Die Bewohner wurden zum tagelangen Ausharren in U-Bahn-Stationen oder Luftschutzkellern aufgefordert. Das Herz der 63-jährigen Komponistin hat die psychische Folter nicht ausgehalten. Sie, deren schöpferische Höhepunkte Kirchenchöre waren, in denen sie nach modernen Harmoniegesetzen suchte, die zu den schönsten in der neueren ukrainischen Musik gehören, konnte die Disharmonie des Krieges, die Kakofonie des Artilleriebeschusses, das Verzichten auf Gottesgebote, die Schrecken des vorgeführten Weltuntergangs nicht überleben.

Ich stehe in der Kirche und lausche dem engelsgleichen Gesang der Seminaristen. Die Tenorstimmen - die Ukraine war seit jeher für ihre hervorragenden Tenöre bekannt - beruhigen, die Worte des Gesangs wirken hypnotisch: Ich weine und schluchze und denke über den Tod nach.  Für eine Weile beruhigt der Gesang tatsächlich, ich halte in meinem Hadern mit Gott kurz inne. Aber dann tritt der Pfarrer nach vorne, sagt mit seiner traurigen, tiefen Stimme: Inter arma silent musae, zeigt auf die verdeckten hohen Bogenfenster und bringt zum Ausdruck, dass er um seine schöne, in der Ukraine einmalige neugotische Kirche aus gebrannten Ziegelsteinen bangt: die Glasmalereien wurden Ende des 19. Jahrhunderts in der berühmten Mayer'schen Hofkunstanstalt in München hergestellt. Die Kirche, die ursprünglich den Franziskanerinnen gehörte, hat zwei Weltkriege und die der Kirchenkunst feindselig gesinnte Sowjetmacht überlebt. Spätestens seit dem ersten Raketenangriff auf Lwiw werden in der Stadt Kunstwerke geschützt: vermummte Skulpturen werden in eine Art Käfig geschlossen, Fenster mit Glasmalerei mit Blech- oder zumindest Sperrholzplatten geschützt. Die meisten Museen der Stadt sind geschlossen, weil die Ausstellungsstücke in Sicherheit gebracht wurden. All diese Schutzmaßnahmen sind beinahe rührend in ihrer Hilfslosigkeit. Man weiß ja, dass die erst vor kurzem - nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg - wiederaufgebaute schöne südliche Stadt Mariupol in Trümmern liegt. Man hört erschreckende bis lächerliche Geschichten über Plünderungen durch das russische Militär.  

Ja, wir lachen über die mitgenommene Unterwäsche, über gestohlene Waschmaschinen mitten im Feld bei den Schutzgräbern der toten Russen, Fragmente der Telefongespräche, bei denen die Freundinnen der russischen Soldaten Stabmixer, Fön oder neuere Smartphon-Modelle „bestellen". Aber leider hat dieser Krieg in der Regel grausame Sujets. Seit einigen Wochen wird Butscha entmint, die Kleinstadt bei Kyiv, die vor einem Monat zahlreiche Bilder der Grausamkeit gegen zivile Einwohner:innen lieferte. Nach dem Zurückdrängen der Besatzertruppen stellte sich heraus, dass die Stadt mit Minen buchstäblich gespickt ist. Die werden mittlerweile an den ungewöhnlichsten Orten entdeckt. Neulich fand man eine im Korpus des Klaviers einer Schülerin. Es steht, scheinbar unberührt, mitten in der ausgeplünderten Wohnung der Familie, der es gelang, sich rechtzeitig aus Butscha zu retten. Auf dem Klavierdeckel mehrere nette Sachen der 10-jährigen Besitzerin - vom Spielzeug bis zu Auszeichnungen der Musikschule. Nachdem die Russisten eine Granate im Klavierkorpus befestigt hatten, machten sie den Deckel ordentlich zu und stellten alle Gegenstände auf ihren alten Platz zurück. Die Besatzer, Vertreter der berüchtigten Kulturnation, waren wohl stolz auf ihre Idee, vielleicht platzten sie sogar vor Lachen, als sie sich die Szene vorstellten: die Familie kommt zurück in ihr Haus, das Mädchen läuft freudig zum Klavier, das sie seit Wochen vermisste, öffnet es und schlägt auf die Tasten ...

Im Westen der Ukraine, wo ich wohne, verfolgen wir solche Geschichten mit erstarrtem Blut in den Adern. Wir haben ja Geschichten ganz anderer Art zu bieten. Etwa wie Menschen, die ein Klavier besitzen, Kinder von Flüchtlingen zu sich einladen, damit sie einige Stunden üben können. Die Stunden werden genau eingeteilt, damit möglichst viele Kinder, die ihr Klavier entbehren, nicht aus der Übung kommen. Oder die Geschichte von dem Studenten des Lwiwer Konservatoriums, der ein Klavier zum Bahnhofsplatz brachte und zwei Monate lang, während der Flüchtlingsflut, die nach Lwiw bzw. über Lwiw nach Westen strömte, täglich mehrere Stunden vor dem Hauptbahnhof in Lwiw spielte, um so den Ankommenden das Gefühl der Geborgenheit zu verleihen. Einige Minuten auf Instagram genügten, um @Alex Karpenko weltweit bekannt zu machen: Die Musik wird vom Heulen der Sirenen begleitet, der Pianist beachtet sie nicht, spielt fortissimo, er ist nur um eins bemüht - den Menschen um ihn herum die Angst zu nehmen, sie zu trösten und zu beruhigen.

Während ich an diesem Text schreibe, findet in der Lwiwer Philharmonie das traditionelle Musikfestival Virtuosen statt. Heuer ist das Motto: Die Musen in der Ukraine schweigen nicht. An den Wänden des Konzertsaals stapeln sich Kisten mit humanitärer Hilfe, die in Pausen zwischen Konzerten und Proben sortiert und weiter an die Front bzw. in die bedürftigen Orte geschickt werden. Am ersten Tag des Festivals wurde Mozarts Requiem aufgeführt, zum Andenken an Tausende Tote in diesen drei Monaten. Gleich zu Beginn ertönte eine Luftsirene und das Konzert wurde für vierzig Minuten unterbrochen. Alles geschah wie im Teaser des Festivals: eine Luftsirene, die sich in Klängen der klassischen Musik auflöst. Am zweiten Tag des Festivals fand im Saal der Philharmonie eine Weltpremiere statt: das in Kriegsmonaten zu Ende geschriebene Cellokonzert meiner Freundin, der Komponistin Bohdana Frolyak, der der Krieg ihre ältere Schwester nahm. Die Musik symbolisiert schließlich den Sieg des Lichts über die Dunkelheit. Nein, die Musen schweigen nicht.

 Unter dem Link kann man den zweiten Festivaltag miterleben. Mit der Weltpremiere wird das Konzert abgeschlossen: das Cellokonzert von Bohdana Frolyak beginnt ab der 50. Minute der Aufnahme. 

Ist das eine Einschlagstelle?

nein, da bricht eine Baumwurzel durch den Asphalt

Kommt da eine Rakete geflogen?

nein, ein Biker heizt mit lautem Motor durch die Straße

Schreit da ein Verletzter?

nein, da quengelt ein Kind tränenüberströmt nach dem dritten Eis

Ist Krieg?

nein, das ist friedliches Leben

mach dir keine Sorgen! Treffer gab es in der Früh

(Pawlo Korobtschuk/ Kyjiw Juni 2022,

aus dem Ukrainischen von mir übersetzt, - Ch.N.)



Nach zwei weit weg vom Krieg verbrachten schönen und vor allem ruhigen Wochen brauchte ich Zeit, um unsere Situation zu analysieren. Ich musste gegen meine dumpfe Verzweiflung ankämpfen, die angesichts der vergangenen fünf und der noch kommenden, in ihrer Zahl unvorhersehbaren Kriegsmonate in mir hochstieg. Es ist verlorene Lebenszeit für Kinder, die nicht geboren bzw. nicht erwachsen werden. Es ist verlorene Familienzeit für Kinder, die ein Elternteil oder auch beide Eltern verloren haben. Es ist verlorenes Familienglück für junge Kriegswitwen. Es ist verlorene Wohlstandszeit für Menschen, die jahrelang für ihre Traumwohnung gearbeitet und gespart haben und jetzt obdachlos geworden sind. Es ist verlorene Zeit für Bücherliebhaber:innen, die heute kaum Bücher lesen können, die ratlos vor ihren Büchersammlungen feststellen müssen, dass im schlimmsten Fall das Meiste der kostbaren jahrzehntelangen Sammlung im zerstörten Haus bleiben und nicht überdauern wird. Es ist verlorene Zeit für die neuen Straßen im Land, die in der Corona-Zeit in der Ukraine intensiv gebaut wurden, damit endlich das Klischee von schlechten Straßen (das Regiedebüt der ukrainischen Dramatikerin Natalia Worozhbyt mit eben diesem Titel Bad Roads ist übrigens nur für Menschen mit starken Nerven zu empfehlen) zur Vergangenheit wird. Es ist verlorene Zeit für das Land, das endlich einen eindeutigen Kurs in Richtung einer sicheren fortschrittlichen Entwicklung eingeschlagen hatte. Diese gewaltsame Unterbrechung von ersten, bereits sichtbaren Erfolgen macht besonders ratlos. Ob wir diesen Rückschlag nach dem Krieg wieder schnell gutmachen können?  

Postsowjetische Länder brauchten schon einige Zeit, um sich von der Last der sowjetischen Gräue und Beklemmung zu befreien. Die 1990er Jahre waren für uns ein Horror, man sollte so vieles überwinden: wir hatten keine Währung, keine Löhne, keine Arbeit, keine Gerechtigkeit. Racketeering, den man vorher nur aus amerikanischen Kriminaldramen kannte, wurde zum ukrainischen Alltag. Die Migration war enorm, und gerade in den ersten Jahre der Unabhängigkeit wurde die Entschlossenheit der Ukrainer:innen, unter vollkommen anderen Regeln als bisher weiter zu leben, auf die Probe gestellt. Wir haben diese Probe bestanden.

Man kann über 20 Jahre des ständigen Wachstums und der stetigen Verbesserung des Lebensstandards in der Ukraine sprechen. Jetzt, nach dem 24. Februar 2022, schwärmen wir von den vergangenen zwei Jahrzehnten, erst jetzt verstehen wir, wie viel, besonders im Vergleich zu der Ruine der 1990-er Jahre, in der Ukraine erreicht wurde: wie gelassener und weltoffener die Ukrainer:innen wurden, wie intensiv neue, wichtige und hervorragende, Bücher und Übersetzungen in ukrainischer Sprache veröffentlicht wurden, wie ungeheuer die Unterhaltungsbranche boomte, mit all den einmaligen Kaffeehäusern und Lokalen und Dutzenden ausgefallensten Festivals, welchen erstaunlichen 7-Meilen-Fortschritt der Tourismus machte, sowohl der aus dem Ausland als auch der im Inland. Wir haben ja bis vor kurzem das eigene Land kaum gekannt: so viele Ukrainer:innen haben die halbe Welt bereist und dabei nicht einmal die Nachbarorte in der Ukraine besucht. Erst vor einigen Jahren begann das touristische Unternehmen unter dem Markennamen Ukraїner die interessantesten und ungewöhnlichsten Orte in der Ukraine und deren Bewohner:innen den Landsleuten vorzustellen. Wie wenig wir voneinander wussten, wie fest gelang es der sowjetischen, lies: russischen Macht uns von unserer Nichtigkeit zu überzeugen. Wir hatten uns selbst fast das ganze 20. Jahrhundert nicht bemerkt, unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Einzigartigkeit wurde in der Sowjetzeit komplett entwertet - für uns selbst und für die Welt. Umso erstaunlicher war das in den letzten Jahren Vollbrachte: Die Ukrainer:innen wurden endlich auf sich selbst neugierig. Doch erst der Krieg machte uns mit eigenem Land bekannt: viele haben zum ersten Mal die Namen der Orte gehört, die jetzt wegen der russischen Kriegsverbrechen weltweit bekannt sind. Viele wiederholen jetzt wie ein Mantra das Versprechen: wenn das friedliche Leben beginnt, werden wir als erstes die Ukraine bereisen, wir werden uns zerstörte, verletzte, kontaminierte Landschaften aneignen und sie wieder beleben.

Noch 2014, als der Krieg im Donbass ausbrach, haben Dutzende Tausende ihre Häuser, ihre Wohnungen in besetzten Orten verlassen und sind in die geographisch westlicheren Städte der Ukraine umgesiedelt, wo sie, im Vergleich zum Wahnsinn der selbsternannten „Republiken", ein friedliches Leben fortsetzen konnten. Ein friedliches Leben im Krieg klingt nach Oxymoron, aber wir müssen zugeben, dass nicht nur die Welt, sondern dass auch wir den Ernst der Lage in vergangenen acht Jahren unterschätzt haben. Andererseits bzw. vor allem ist es unser Selbsterhaltungstrieb. Auch heute, in den Pausen zwischen den Luftsirenen, leben wir ein gewöhnliches Leben weiter, obwohl es allen klar ist, dass unsere Situation alles andere als gewöhnlich ist.


Erst wieder zu Hause nach meiner Auslandsreise habe ich verstanden, was denn so gut und leider, solange es Krieg gibt, bei uns unerreichbar ist: im Westen bin ich so weit gegangen, wie viel Kraft ich hatte; in der Ukraine, in meiner Geburtsstadt Lwiw gebe ich mir Mühe, nicht weiter als 10 Minuten Fußweg von einem bekannten Bunker entfernt zu sein, damit ich im Fall eines Luftalarms möglichst schnell in Sicherheit kommen kann. Im Westen genießt man die Umwelt mit allen dazu gehörenden Geräuschen, zu Hause in Lwiw habe ich bei mir und bei den Menschen, die draußen sind, etwas Gemeinsames bemerkt: bei jedem lauteren oder nicht auf Anhieb identifizierbaren Geräusch gehen alle kaum sichtbar in die Knie und erstarren für einen Moment, bis es klar wird, dass das Geräusch keinen Luftalarm bedeutet, dass es keine entfernte Explosion und auch nicht der Beginn eines Beschusses ist. Auf die Dauer ist solch ein angespannter Zustand recht quälend. In großen westlichen Städten wimmelt es von Touristen. In Lwiw gibt es trotz des Hochsommers keine Touristengruppen, obwohl auch ohne Touristen recht viele Menschen draußen sind, wir haben ja die meisten Binnenflüchtlinge in der Stadt.

Die zwei Wochen im Ausland waren schön, aber die Ruhe dort machte mich umso unruhiger. Ich musste nach Hause, es war eine dringende innere Forderung, dass man auf die eigene Heimat quasi aufpassen soll. Dass man zu Hause für das friedliche Leben jetzt und vor allem nach dem Krieg sorgen muss. Ohne Menschen ist das friedliche Leben nicht wiederaufzubauen. Und eben darum kämpfen Ukrainer:innen nicht mehr metaphorisch, sondern real: um unser friedliches Leben und die ganze Zeit der Welt, die für Kinder, Bücher, Touristenrouten, Haustiere, Kaffeehäuser, Museen, Theaterfestivals, Open-Air-Konzerte und vieles, vieles mehr bestimmt wird.  

Ich wollte diesen Text schon beenden, als youtube mir ein Video aus Charkiw vorschlug, ein wunderbar rührendes, sehr gut gemachtes kurzes Video der Filmgruppe Babylon'13, die in der Ukraine seit Euromaidan wirkt. Der Film ist mit „Skateboarding an der Frontlinie" betitelt: eine Gruppe junger Skater macht unterschiedliche Tricks auf ihren Skateboards. Die Teenager erzählen, wie sie die Kriegszeit in der Stadt, die nicht mal 40 km von der russischen Grenze entfernt ist, empfinden. Sie skaten vor dem beschädigten Theater, rollen an zerstörten Häusern vorbei. An der Wand eines zerbombten Hauses stehen drei Wörter: [Die] Zeit hört uns. Ich erkenne die Hand des Graffiti-Künstlers: Das hat Hamlet gesprayt, der bekannteste Charkiwer Straßenkünstler. Auch er, wie etwa Serhij Zhadan oder die Jugendlichen im Video, ist in der Stadt geblieben. Er lässt seine Kunst nicht. Er verlässt seine Stadt nicht. Zum Schluss sagt ein Skater im Video: „Vor dem Krieg dachte ich nicht, dass ich den so großen Wunsch haben werde, in der Ukraine zu bleiben. Ich dachte, dass ich, wenn ich groß bin, irgendwohin nach Europa ziehen und dort leben werde. Jetzt will ich von hier nicht weg. Jetzt spüre ich viel stärker als früher, wo mein Zuhause ist, und es ist sehr wichtig für mich."

 https://www.youtube.com/watch?v=A8IcH2-6k6Q

 

Seit über 200 Tagen stelle ich mir immer wieder die Frage: Was ist mit Gott eigentlich? Warum hüllt er sich in Schweigen und tut, als ob es ihn nicht gäbe? Ich weigere mich, Gott zu verstehen. Und ich wundere mich über die, die immer noch Russland verstehen wollen. In diesen Kriegstagen habe ich aber Antwort auf die Frage bekommen, die einmal ein deutscher Philosoph stellte: Wozu Dichter in dürftigen Zeiten? Der Schmerz, den heute die meisten spüren, ist nicht mehr in Worten zu fassen oder in Bildern zu zeigen. Aber wenn Worte zu Chiffren werden, können sie sehr viel von der unglaublichen Situation in einem Land erzählen, das von Gott in Stich gelassen wurde.

Die Dichterin, die in letzten Jahren zu den mächtigsten poetischen Stimmen der Ukraine gehört, reagierte auf die grausamen Nachrichten aus der befreiten Geisterstadt Isjum sofort, in der Nacht schrieb sie ein bis markerschütterndes Gedicht, ein Gebet, das ich auch sofort übersetzen musste:

 

Kateryna Kalytko  

September 2022, Nacht· 

Vater unser,

der du bist

in den unbefiederten Herzen,

in den mit Draht zusammengebundenen Armen,

im trockenen Lehm unter den Nägeln,

in den ungehobelten Brettern der Kreuze.

Geheiligt werde

jeder aufgefundene Name,

jeder Schmerzbrand am Rande der Grube,

jeder vergilbte Fetzen Haut,

und jener Soldat, der sich erbricht unter den Kiefern,

und dann zurückkehrt, um weiter zu graben.

Unsere Armee

soll kommen.

Menschen in weißen Monturen

sollen kommen.

Internationale Rechtsanwälte

sollen kommen.

Unsere untröstlichen Verwandten

sollen kommen.

Wie im Himmel so auf Erden soll es eng sein

von unserem stummen Schrei,

im redlichen Licht unseres Hasses

kann man bis drei Generationen nach vorne sehen.

Gib uns täglich

Vor- und Familiennamen,

sie sollen auf Gräbern geschrieben stehen,

gib uns unsere Köpfe zurück,

unsere Gesichter,

und unsere Tätowierungen.

Und vergib uns nichts, auch wenn du es wolltest -

weil auch wir nicht vergeben unseren Schuldigern,

wir stehen vor deinem Jüngsten Gericht

wie ABC-Schützen an der Tafel,

mit aufgeschlagenen Seelen,

die mit blutiger Tinte eng beschrieben sind -

lauter Lehrereinträge.

Aber führe uns nicht zum Verhör

in die Folterkammer im Keller,

lege uns nicht in die von Fremden ausgestampfte Erde,

ins Finsternis der Geschichte,

in Vergessenheit.

Aber erlöse uns

vom Körperwissen,

nimm uns das Geräusch der zerdrückten Wirbeln,

das Knacken der zerbrochenen Kniescheiben,

die zerschnittenen Sehnen,

das leisen Rauschen des Bluts,

erlöse uns vom Klumpen

in den Mündern, die mit Erde verstopft sind.

Denn dein ist der Krieg, und das Tier, und die Macht, und der Ruhm,

und die Exhumierung,

und der schwere Dunst über dem Grab,

in dem Vater und Sohn

gemeinsam verscharrt wurden.

Heute, und jederzeit und in aller Ewigkeit.

Wir haben  das Gebet gut gelernt.

Warum stellst du uns

keine Fragen?

 

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