(c) Heimo Binder

„Ich schöpfe aus dem Leben selbst“

Oft sind es alltägliche Ereignisse, durch die Keyvan Paydar Motive für seine Kunst findet. Die Mittel der Umsetzung werden entsprechend den Umständen gewählt.

The Beard is present © Keyvan Paydar
The Beard is present
© Keyvan Paydar
Warmer Atemhauch © Keyvan Paydar
Warmer Atemhauch
© Keyvan Paydar
Kreiskrise 2020 © Keyvan Paydar
Kreiskrise 2020
© Keyvan Paydar

Während des Lockdowns 2020 beispielsweise lud die Kunsthalle Graz Künstlerinnen und Künstler ein, kurze „Filmbotschaften aus der Isolation" zu schicken. In Keyvans Beitrag Im Bad ist zunächst das Geräusch einer Dusche zu hören. Dann ist zu sehen, wie sich jemand mit einem grünen Handtuch das Gesicht trocknet. Wenige Sekunden später ist Keyvan zu erkennen, der sich auch den Vollbart grün gefärbt hat. Er setzt sich eine Brille mit rosa Rahmen auf, nimmt etwas in den Mund, das sich später als schwarzes Gummiband erweisen wird. Penibel reinigt er seine Finger, wickelt den Gummi darum, um schließlich, mit angedeuteter Verbeugung, aus dem Bild zu treten. Die Szene lässt an eine rituelle Reinigung denken, davon abgesehen aber malt Keyvan Paydar mit seinem Körper (es sind nur Kopf und Gesicht zu sehen) und wenigen farbigen Utensilien - Handtuch, Brille, Gummi - ein bewegtes Bild.

Während Keyvan mit einem gerade in Niederösterreich erstandenen, gebrauchten Kleinbus auf der Autobahn in Richtung Graz unterwegs ist, führen wir ein Videogespräch - freilich über Freisprechanlage. Jetzt muss es sein, dazu sei gerade Zeit. Grün, fällt mir ein, ist doch die Farbe des Propheten? Keyvan lacht: „Ja, freilich."

Ton statt Ton
Seine Mutter stammt aus der Umgebung von Weiz, der Vater aus Tabriz, Iran. In den 1960er Jahren lernten die beiden einander als Studierende in Graz kennen. Heute leben die Eltern in Teheran. Vor nun zehn Jahren, erzählt Keyvan, dachte er daran, in Österreich, in der Nähe seiner Verwandten zu leben, und er schrieb sich an der Meisterklasse für Bildhauerei an der Grazer Ortweinschule ein. 1984 geboren, hatte er im Iran schon Malerei und Kunstanthropologie studiert. Zuvor schon zeichnete er Karikaturen für Zeitschriften und brachte es auch zur Ausstellung einiger Arbeiten auf der Karikaturbiennale 1999 in Teheran.

Für seine Diplomarbeit zum Abschluss der Meisterklasse für Keramik, die er anschließend bei Irmgard Schaumberger absolvierte, waren Charakteristiken vorgegeben: „poetisch und/oder surreal". Tatsächlich litt Keyvan damals unter einer allergischen Reaktion und konnte nicht mit Ton arbeiten - nicht gerade die besten Voraussetzungen, möchte man meinen, für eine Abschlussarbeit in Keramik. Dennoch setzte er Ton ein, nämlich auf der Audiospur seines im Stop-Motion-Verfahren produzierten Films Doenerstag. An den Kulissen aus Pappe und Knetmasse ist der Grazer Griesplatz zu erkennen. Karikierte Figuren bewegen sich in Rollstühlen über den Gehsteig, sind offenbar allein damit beschäftigt, sich an einem Dönerstand zu versorgen. Dort, im Hinterzimmer, sitzt ein Keramiker ebenfalls im Rollstuhl und arbeitet an der Töpferscheibe. Anstelle seines Kopfs sitzt da ein rosa Fisch. Offenbar wird dem Keramiker plötzlich bewusst, dass er eigentlich nicht auf den Rollstuhl angewiesen ist, er steht auf und die anderen tun es ihm gleich.

Die Aura des pinken Bartes
Seit 2013 betreibt Keyvan Paydar sein Atelier im freien Atelierhaus Schaumbad, wo er immer wieder an Ausstellungen beteiligt ist. Im Vorjahr zeigte er erstmals eine Installation mit dem Titel Kreiskrise, die später auch bei < rotor > zu sehen war. Während eines längeren Aufenthalts im Krankenhaus - „Was tut man dort? Man wartet aufs Essen!" - borgte er sich Leuchtstifte (Marker) aus, die Spitalsmitarbeiter in den Brusttaschen ihrer Mäntel trugen. Als Malgrund dienten Servietten anderer Patienten, auf die Paydar unzählige und jeweils mehrfarbige Kreise malte. Kreise eben, die aus den zur Verfügung stehenden Mitteln während der Krise entstanden.

The Beard is Present. Und abermals der Bart - welches Propheten sei dahingestellt. Für eine Performance, 2015 im Volkshaus Graz gegeben, färbte er sich seinen Vollbart mit grellem Pink. Publikum und Mitakteure machten sich nun daran, den Bart abzunehmen, dazu standen Scheren, Messer, aber auch Äxte zur Verfügung. Die rosa Barthaare wurden nun in kleine transparente Kunststoffkugeln gepackt und von der Decke her um Keyvans Kopf drapiert. Ein auratisches Bild somit, im Zentrum der Künstler, im dunklen Raum wie von einem Nimbus umgeben, und in der Tat nicht zufällig ein Szenario, das an die Chiaroscuro-Malerei des Barock erinnert.

Divergierende Chiffren
Keyvan Paydar vermittelt aber auch die Kunst von Kolleginnen und Kollegen. Unter dem programmatischen Titel Füll die Lück stellte er von 2017 bis 2019 auf wahrlich engstem Raum in der Grazer Schmiedgasse aktuelle Arbeiten von Lisa Reiter, Beate Gatschelhofer, Benjamin Klug und anderen mehr aus. Gleichzeitig, und als Mitveranstalter an verschiedenen Orten in Graz, betrieb man das Projekt ZEITRAUM. Nach dem Vorbild von Warhols Factory wurden Workshops zu diversen Themen gehalten, Konzerte, Diskussionen und Lesungen veranstaltet. Als Musiker, am Schlagzeug, arbeitet Paydar nach wie vor mit dem styrian improvisers orchestra.

Für das Parallelprogramm im Steirischen Herbst ist nun ein Projekt in Vorbereitung, an dem er gemeinsam mit der Grazer Fotografin Maryam Mohammadi arbeitet. Thematisiert wird die Zahl 13 und deren Konnotationen im Iran und Europa. Im Zentrum einer interaktiven Installation wird sich ein kreuzförmiges Objekt befinden, wie es im Iran während Prozessionen getragen wird. Die Inhalte divergieren, wenngleich die Form in beiden Kulturen eine Rolle spielt.

2020 erhielt Keyvan Paydar - wie auch Veronika Hauer - den Grazer Kunstförderungspreis. In einem aus diesem Anlass anfertigten Videoporträt stellt sich der Künstler vor: „Ich bin freischaffender Künstler und Kurator. Ich schöpfe aus dem Leben selbst. Kleine Ereignisse, Erinnerungen natürlich, Auseinandersetzungen mit kulturellen Unterschieden, die ich mit dem Erleben meiner Kindheit verbinde, sind der Anlass für Kunstwerke."

 

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 Wenzel Mraček
Stand: März 2021

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