(c) Heimo Binder

Der Musiker im Persönlichkeits-Check

Electronic, Indie, sizilianische Soundtracks, Alternative Country und Rembetiko: Der musikalische Kosmos des Grazer Multiinstrumentalisten Michael Eisl ist sehr weit gefächert. Was sagt das über die Persönlichkeit des Musikers aus, der an der Uni Graz Psychologie studierte?

Michael Eisl © Barbara Belic
Michael Eisl
© Barbara Belic

Lässt sich vom Musikgeschmack auf die Persönlichkeit schließen? Das ist die Frage, mit der sich Michael Eisl zum Abschluss des Psychologiestudiums an der Uni Graz in seiner Diplomarbeit beschäftigte. Falls Musikvorlieben und Persönlichkeitsprofil korrelieren, dann haben wir es bei Eisl mit einer höchst vielschichtigen Person zu tun: Er spielt unter anderem Gitarre, Kontragitarre, Klavier, Synthesizer und Akkordeon in unterschiedlichsten Formationen, er schreibt Stücke und arrangiert und produziert eigene und fremde Projekte.

Das bekannte Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeitspsychologie „Big Five" definiert Persönlichkeiten nach den Dimensionen 1.) Offenheit, 2.) Gewissenhaftigkeit, 3.) Extraversion, 4.) Verträglichkeit/Kooperationsbereitschaft und 5.) Neurotizismus/Labilität. Auf dieses Modell umgelegt, ziehen sich bei Eisl die Faktoren Offenheit (im Hinblick auf die Musikstile) und Kooperationsbereitschaft von Beginn an wie ein roter Faden durch seine Musikerkarriere. Das ist kennzeichnend für kreative und umgängliche Menschen.


Von Electrosounds zum sizilianischen Soundtrack

Der Autodidakt begann mit 15 Jahren, Gitarre zu lernen. Wenig später schaffte er sich einen Synthesizer an, weil ihm Electrosounds und -beats gefielen - wie man es sich von einem Elektro- und Kommunikationstechniker der Höheren Technischen Lehranstalt Graz, der Bulme, erwartet. Noch als Teenager stieg er Mitte der 1990er-Jahre in die Indie-Band „Swoon" ein, die sich aber nach wenigen Jahren auflöste. Vom Roland-Synthesizer, den Eisl bei „Swoon" spielte, begab er sich als Student der Uni Graz mit dem musikalischen Weggefährten Werner Mandlberger in die Welt der analogen Klänge und akustischen Instrumente: „Wir haben uns mit allen Arten Weltmusik beschäftigt - Alternative Country, lateinamerikanische Musik - und haben verschiedene Instrumente ausprobiert und uns unter anderem eine Mandoline und einen Kontrabass angeschafft. Damit sind wir irgendwann auf eine Art Mafia-Film-Soundtrack nur ohne Film gekommen." - Das Projekt „Arepo" war geboren. Inspiriert von einem dystopischen italienischen Schundroman, der in den fiktiven neuen Ländereien eines abgesenkten Mittelmeeres spielt, haben Eisl und Mandlberger einen Instrumentalzyklus komponiert, der 2017 im „Dom im Berg" in Graz zur Aufführung gelangte - in Kooperation mit dem Berndt Luef Trio und dem Parkorchester Graz.

Musik für Games und Theater

Bereits 2010 haben Eisl und Mandlberger die Soundumgebung für das Xbox-Spiel „Harms Way" gestaltet und seither immer wieder Musik für Theaterprojekte in Graz geschrieben. Unlängst komponierte Michael Eisl - diesmal solo - die Musik für Externe Verknüpfung Simon Windischs Theaterstück „graz.ortweinplatz", das im August 2020 vom Theater am Ortweinplatz (TaO!) uraufgeführt wurde. „Es war meine erste große Theaterarbeit", sagt Eisl, „es war sehr intensiv und eine spannende Aufgabe, die Musik zu den Texten von Simon Windisch zu schreiben. Ich habe oft am Abend eine Idee hingeschickt, und am nächsten Morgen schon kam etwas zurück, mit dem ich weiterarbeiten konnte. Das war ein extrem guter Workflow und eine super interessante Erfahrung."


Die Klangschichten des Superherbsts

Eisl legt seine Kompositionen oft in Klangschichten an. Auf das „Big Five"-Modell bezogen, sind dabei extrovertierte und labile (neurotische) Anteile, wie sie Hardrock oder extrem schrägen Jazz kennzeichnen, sehr gering ausgeprägt. Im Zentrum von Eisls Musikwelten steht eher das introvertiert Suchende. Und immer auch das Spielerische. So hat Eisl 2016 für einen Kunstwettbewerb, den die Uni Graz und Kunstuniversität Graz zum Thema Klimawandel ausgeschrieben hatten, eine Klanginstallation geschaffen, bei der Vivaldis Konzertreigen „Die vier Jahreszeiten" nicht nacheinander, sondern gleichzeitig gespielt wird: Frühling, Sommer, Herbst und Winter zur selben Zeit. Der Gedanke dahinter: Durch den Klimawandel könnten die vier Jahreszeiten allmählich in eine einzige, eine Art ewigen Herbst, übergehen. Das Stück wurde im Ligeti-Saal der Kunstuniversität aufgeführt. „Es hat in Summe sehr bedrohlich gewirkt und einen starken Eindruck hinterlassen", erinnert sich Eisl, der dafür unverhofft einen der Hauptpreise, den klimART-Preis, erhielt.


Rembetiko und schräger Austropop

Doch zurück zu den musikalischen Kooperationen des Multiinstrumentalisten: Auf der Liste der Kollaborateure taucht neben Werner Mandlberger ein weiterer Name mehrfach auf, nämlich der Geiger Externe Verknüpfung Kurt Bauer: Mit ihm spielt Eisl sowohl in der Rembetiko-Formation „Mas‘ta" - einem griechisch-österreichischen Freundschaftsprojekt, das sich der faszinierenden Spelunkenmusik der Ägäis annimmt - als auch im Marinski Rio von Marina Stiegler. Und nicht zuletzt ist Bauer beim Projekt „Babelkinder" mit an Bord, das Eisl gemeinsam mit dem alten „Swoon"-Bandkollegen Jürgen Seitinger seit 2016 betreibt. 2020 nahmen sie zusammen mit dem Grazer Indie-Urgestein Rainer Binder-Krieglstein als viertem Babelkind sieben Nummern für eine EP auf. Und siehe da: Die seltsam rumpelige und lockere Austropop-Musikmelange „rund um den Fröbelpark", die Eisl produzierte, fand Gefallen selbst auf FM4.

Was die Musik über die Persönlichkeit wirklich aussagt

In seinem Heimstudio mischt Eisl derzeit ein Album der Sängerin und Songwriterin Ronja Klug ab. Daneben gibt es noch einige Albumprojekte und Aufnahmen, die sich in den letzten Jahren angesammelt haben und die nach wie vor der Vollendung harren. Den Faktor Gewissenhaftigkeit des „Big Five"-Modells haben wir bisher noch nicht betrachtet. Was bedeuten in dieser Hinsicht die vielen offenen Projekte des Musikers? - Vermutlich wenig. Zumindest kommt der Psychologe Michael Eisl in seiner Diplomarbeit zum Schluss, dass es doch keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Musikvorlieben und Persönlichkeit gibt ... Schade. Es wäre zu schön gewesen.

 

Barbara Belic (Recherche & Interview) & Werner Schandor (Text)
Stand: Februar 2021

 

Hinweis: Barbara Belics Interview mit Michael Eisl für die Reihe „Das rote Mikro" auf Radio Helsinki kann unter dem folgenden Link nachgehört werden: Externe Verknüpfung https://cba.fro.at/489514  

 

 

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