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Faltenwurf, der nicht verhüllt

Hannah Schneider, Deutschland | Bildende Kunst (St.A.i.R 2019)

Portrait Hannah Schneider © Hannah Schneider
Portrait Hannah Schneider© Hannah Schneider
Taglilie © Hannah Schneider
Taglilie© Hannah Schneider

(Künstlerische Betreuung: Schaumbad - Freies Atelierhaus Graz)

Die deutsche Künstlerin Hannah Schneider kommt von der Bildhauerei, arbeitet spartenübergreifend und hat inhaltlich ein grundsätzliches Interesse an Raum, Umgebung und Situationen. Ihre künstlerischen Ergebnisse sensibilisieren den Rezipienten für die Wahrnehmung örtlicher Gegebenheiten.

Die keramische Auseinandersetzung, die während des viermonatigen Stipendienaufenthaltes im Schaumbad - Freies Atelierhaus Graz, stattgefunden hat, ging zunächst von den gegebenen Arbeitsmöglichkeiten vor Ort aus. Diese wollte Hannah Schneider nutzen um sich ein neues Material, eine neue Arbeitsform anzueignen. Inspiriert unter anderem von den zahlreichen, barock gewandeten Skulpturen, die das Grazer Stadtbild prägen - wie denen auf dem Dach des Mausoleums,  vor Kirchen, auf Plätzen und in öffentlichen Parks, insbesondere im Grazer Stadtpark - entwickelte sie eine Reihe von keramischen Faltenwürfen in dunklem Ton. „Der Faltenwurf ist kunsthistorisch immer ein starkes Thema gewesen, von der Antike bis jetzt", sagt Hannah Schneider und findet einen neuen Zugang zu diesem Thema. Sie interessiert sich für die Flüchtigkeit des fallen gelassenen Tuches, die der gehärteten Materie der gebrannten Keramik entgegensteht.

Zum Zeitpunkt des Interviews war ihr Atelier bereits voll mit unterschiedlich großen, runden, in variationsreichen Faltungen geschichteten keramischen Gebilden, die dem jeweiligen Trocknungsgrad entsprechend, unterschiedliche materielle Qualitäten zeigten. „Die Arbeit muss hochpräzise und momenthaft sein", so Hannah Schneider. Einen wichtigen Teil des künstlerischen Prozesses macht das fortwährende Treffen von Entscheidungen aus - wann eine Form gut, eine Linienführung gelungen, oder ein Gefüge schlüssig ist.

Eine wache Wahrnehmung, Genauigkeit und Sensibilität zeichnen die Projekte der Künstlerin aus. In Köln installierte in einem der vier Sondergärten des Vorgebirgsparks ein skulpturales Geländer „Des Dieners Hoheit", das auf die Topografie des Ortes eingeht und diese erfahrbar macht. Über 72 Meter erstreckt sich die hufeisenförmige Skulptur, die der Betrachter sehend und gehend erfasst: ein hölzerner Handlauf, auf Stahlrohre gestützt, der am Eingang des Parks in Bauchhöhe beginnt und den Betrachter zum Anhalten, Aufstützen und Verweilen einlädt. Folgt man dem Wegverlauf, merkt man zwar, dass das Gelände abfällt, der Handlauf aber eine konstante Horizontale behält und dadurch für das Publikum scheinbar immer höher wird, bis das Geländer sogar über den Kopf reicht. „Meine Arbeiten sind geprägt von einer besonderen Aufmerksamkeit für die physischen Eigenschaften des Raumes sowie für ephemere Vorgänge", erklärt Hannah Schneider.

In Graz arbeitet sie nicht nur an ihren Tonplastiken, sondern auch an abstrahierten und gleichzeitig detaillierten Zeichnungen, die von Objekten organischen Ursprungs ausgehen: Fingerhüte, Taglilien oder Fuchsschädelknochen. Dieser zeichnerische Werkblock wurde bereits  2016 begonnen, hier wird, ähnlich wie in der Arbeit mit keramischer Plastik Form und Volumen untersucht. Und sie trifft bereits Vorbereitungen für ein weiteres Projekt in Köln. Für das Gelände einer ehemaligen Gummifabrik hat sie einen „Kunst am Bau"-Auftrag erhalten und wird eine Raumarbeit für einen Co-Working-Space aus „Gummierter Seide" umsetzen, in Anknüpfung an die einstige Zeppelinproduktion mit diesem Material, die auf dem Gelände des Neubaus stattfand.  „Viele meiner Arbeiten loten das Verhältnis des Körpers zum Umraum in Objekten, Installationen und performativen Filmarbeiten aus. Architektur und Landschaft haben unmittelbaren Einfluss auf die überwiegend ortsbezogenen Installationen."

Hannah Schneider
Geboren 1984 in Filderstadt, studierte Bildhauerei und wurde Meisterschülerin von Ulrike Großarth und Monika Brandmeier an der HfBK Dresden. Sie lebt und arbeitet in Köln und hat zahlreiche Ausstellungen, Projekte und Stipendienaufenthalte im In- und Ausland. Mehrfach wurde ihre Arbeit ausgezeichnet, zuletzt mit dem Gustav-Weidanz-Preis für Plastik.

 

 

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