„Ein surrealer Versuch, Globalität zu beschreiben“

Vera Schindler, Deutschland | Literatur (St.A.i.R. 2020)

Vera Schindler © Andre Röhner
Vera Schindler
© Andre Röhner

(Künstlerische Betreuung: Andreas Unterweger)

Die Autorin schafft es, Abwegiges, Unfassbares mitunter Skurriles in greifbare Geschichten mit Tiefgang zu modellieren.

Beworben für ein Styria-Artist-in-Residence-Stipendium hat sich die Vera Schindler mit einem Textausschnitt aus ihrem Stück „Gigiwonder. Die Geschichte eines Beins". Das war vor einem Jahr. In der Zwischenzeit ist dieser Text fertiggestellt und im Verlag Felix Bloch Erben erschienen. Dazu ist auf der Verlagshomepage zu lesen: „In vier Episoden entlarvt Vera Schindler die zynisch kapitalistischen Seiten des globalen Kunstmarkts. Am Beispiel eines Beins spielt sie, böse und anarchisch, die heutigen Formen des Kolonialismus durch."
Zu dieser Geschichte habe sie ein Keniaaufenthalt inspiriert, verrät die Theaterautorin. Denn in der ersten Episode wird auf einer Straßenbaustelle in Kenia, die von Chinesen verantwortet wird, durch ein Unglück das Bein des Wachmanns Gigi einbetoniert. Der Beton ist bereits im Trocknen, daher verlangen die Chinesen die Amputation des Beines, um nicht wieder alles aufbrechen zu müssen. Switch. Im nächsten Teil wird das Bein bei einer Ausstellungseröffnung in Europa als Kunstwerk präsentiert. Skurrilität findet sich auch im dritten und vierten Teil, der in Amerika und China spielt. „Es ist der surreale Versuch, Globalität zu beschreiben", sagt Vera Schindler. Die einzelnen Teile sind in unterschiedlichen Schreibstilen verfasst. Der erste Teil ist laut Schindler eine „chorisch-narrative Erzählung".

In Graz zu sein, ist für sie etwas Besonderes, die Ruhe in der Steinsammlung im Naturkundemuseum (Universalmuseum Joanneum) zum Beispiel gibt ihr den Raum für „innere Arbeit". Die Idylle der Stadt und auch das vielfältige kulturelle Angebot wirken durchaus inspirierend. Aktuell arbeitet sie an zwei Stücken. Das erste ist ein Kindertheaterstück, in dem die Protagonistin in die Computerwelt flieht, weil die Realität sie erdrückt. Die zweite Arbeit ist ein Auftragswerk über ein dystopisches Morgen.

In ihrer Kindheit und Jugend war Vera Schindler Luftakrobatin beim Zirkus „Rambazotti" in Kassel. Dort stand sie auch auf der Bühne - im Theaterkosmos aber fand sie hinter der Bühne ihren Platz. Über Regie und Dramaturgie kam sie zum Schreiben: „Die einzigen autarken Positionen in einem Theater sind die Regie und der Autor." Schlussendlich sei aber das Zustandebringen eines Theaterstücks dichte Teamarbeit. Das Arbeiten mit Texten habe sich so entwickelt und sei etwas extrem Lebendiges. Beim Schreiben sei man bei sich und allein, danach komme das Stück in einen Kommunikationsfluss - das sei das Freilassen des Stücks: „Das Stück fliegen zu lassen, das macht den Zauber aus." Ihre Gedanken, Ideen, Textteile skizziert sie auf unterschiedlichen Zetteln. Sie spricht von einem Sammelsurium aus Gedanken, die sie verschriftlicht.
In Graz präsentiert sie einen Text, in dem es um das Schreiben über das Schreiben und das Schweigen geht.
Vielleicht lässt sich auch hier ein Hauch Skurrilität erkennen.

Vera Schindler
Geboren 1992 in Kassel, lebt und arbeitet in Berlin. Sie war Artistin für Luftakrobatik und Fakir im Zirkus „Rambazotti", besuchte die Freie Waldorfschule Kassel und begann als Regieassistentin am Staatstheater Kassel. Seit 2016 studiert sie Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin. 

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