(c) Heimo Binder

Bücher wie Beatles-Songs

Irene Diwiak beherrscht das ebenso virtuose wie unterhaltsame Spiel mit Klischees, Genres und literarischen Versatzstücken und schlägt damit die Brücke von Pop zu Kunst.

Irene Diwiak © Leonhard Hilzensauer/Zsolnay
Irene Diwiak
© Leonhard Hilzensauer/Zsolnay

„Ich habe immer schon gerne Geschichten erfunden." (Irene Diwiak)

Die 1991 in Graz geborene Irene Diwiak wuchs in Deutschlandsberg auf und war schon in sehr jungen Jahren eine phantasievolle Erzählerin, die es liebte, Geschichten zu erfinden. Bevor sie schreiben konnte, nahm sie ihre Geschichten mit ihrem Kassettenrekorder auf. Später schrieb sie zusammen mit ihrem Vater einen Gedichtzyklus über ein Krokodil namens Krili.

Im Alter von zehn Jahren gewann sie ihren ersten Literaturpreis bei der Jugend-Literaturwerkstatt Graz. „Mich als kompetitiven Menschen spornte das an, und ich machte mit noch größerer Begeisterung weiter."  Irene Diwiak studierte in Wien Slawistik, Judaistik und Komparatistik, verlor aber nie die Freude und Lust am Geschichtenerfinden und Geschichtenerzählen. 2013 gewann sie mit ihrem Text „Glück ist ein warmes Gewehr oder Wie ich Paul McCartney erschoss" den „FM4 Wortlaut"-Wettbewerb und betrat so die literarische Bühne mit einem veritablen Paukenschlag. Schon dieser Text zeigte, dass Diwiak über ein untrügliches Gespür für Timing, Witz und Nuancen verfügt und vor allem mit nonchalanter Lässigkeit zu erzählen versteht.

Pop und Kunst

Die Beatles gelten Diwiak bis heute als Vorbilder. Deren Weg, Kunst und Zugänglichkeit erfolgreich zu verknüpfen, möchte die mittlerweile in Wien lebende Schriftstellerin auch beschreiten. Mit ihren bisherigen zwei Romanen und diversen Erzählungen und Prosatexten, die verstreut in Sammelbänden vorliegen, gelang ihr das ein ums andere Mal. Ihre ausgeklügelten Geschichten überzeugen neben einer schier überbordenden Fabulierlust auch mit bissigem Witz und feiner Ironie. Zudem versteht es die im Theaterzentrum Deutschlandsberg geschulte und mit ihrem Theaterstück „Die Isländerin" (2016 in Worms uraufgeführt) auch als Dramatikerin reüssierende Autorin mit ihren Romanfiguren ein ebenso listiges wie lustiges Spiel zu treiben. Ein mitunter holzschnittartig gezeichnetes, aber überaus vielfältiges Figurenpandämonium (Stichwort Rollenprosa) zieht am Leser vorbei und beschwört die große Kunst des Geschichtenerfindens. Eine Kunst, die im Feuilleton und bei Preisjurys zumeist auf wohlwollende Zustimmung stößt. So stand Diwiaks Debütroman „Liebwies" 2017 auf der Shortlist für den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises.

Lug und Trug

Die kühne Konzeption verbindet die zwei bisherigen Romane ebenso wie die auf leisen Sohlen daherkommende Demaskierung von menschlichen Verhaltensweisen. Ihr Debütroman „Liebwies" spielt in der Zwischenkriegszeit und lässt nicht nur unterschiedliche Milieus aufeinanderprallen, sondern spürt auch der Frage nach, ob Talent und Wille ausreichen, um Erfolg zu haben.  Oder ob es doch Faktoren wie Geschlecht, Aussehen, (Selbst-)Inszenierung, Skrupellosigkeit und die „richtigen" Freunde sind, die das entscheiden. Und der sogenannte Zufall, der oft eine wichtige Rolle spielt.

Den kriegsversehrten Gymnasiallehrer Walter Köck hat es in das Dorf Liebwies verschlagen, wo der Schubert-Bewunderer im 19-jährigen Bauernmädchen Karoline eine talentierte Sängerin entdeckt. Im Rahmen eines Konzertabends versucht er seinem Freund aus gemeinsamen Studentenjahren, dem Kunstmäzen Christoph Wagenrad, die talentierte junge Frau zu präsentieren. Doch Wagenrad hat nur Augen für deren schöne Schwester Gisela, die ihn an seine verstorbene Frau erinnert. Gisela ist attraktiv, eitel und unbegabt, aber zielstrebig; Karoline ein musikalisches Naturtalent mit einer wunderbaren Stimme, aber unscheinbar und zurückhaltend. - Wie Irene Diwiak anhand dieser Erzählidee ein ebenso vergnügliches wie entlarvendes Romangeschehen entwickelt, ist beeindruckend: Der Roman spielt auf gekonnte Art mit Klischees, Genres und literarischen Versatzstücken. Mit viel Einfühlungsvermögen und Boshaftigkeit zeigt Diwiak die Denk- und Verhaltensmuster ihrer Protagonisten, ohne die gesellschaftliche Brisanz des Erzählten außer Acht zu lassen. Die talentfreie Gisela, die sich nun nach ihrem Heimatdorf Liebwies nennt, erhält über das einflussreiche Handeln ihres Förderers nicht nur einen Platz im Konservatorium, sondern auch die Hauptrolle beim Abschlussabend. Dass dafür Nötigung und Erpressung im Spiel waren und dass die aufgeführte Oper, bei der die Hauptdarstellerin fast ohne Stimme auskommt, nicht von August Gussendorff stammt, der sich dafür feiern lässt, sondern von seiner Frau Ida, soll und muss niemand erfahren. Gisela wird durch die Aufführung über Nacht zum Star.

Schein und Sein

Mit wie viel Verve es Diwiak gelingt, eine zugleich spannend-unterhaltsame Geschichte zu erzählen und dabei menschliche Denk- und Verhaltensweisen zu demaskieren, nötigt einem größten Respekt ab. Der noch größer wird, wenn man ihren zweiten Roman „Malvita" gelesen hat, der im Herbst 2020 erschien. Dieser beweist, dass Diwiak kein „One Book Wonder" ist, denn der Roman überzeugt wieder mit Coolness und Pathos, pointiertem Witz, boshaft gezeichneten Figuren, einer ausgeklügelten Erzählidee und überbordender Fabulierfreude. Die Autorin findet für alles Schreckliche und alles Schöne des Lebens unverbrauchte Bilder und scheut sich nicht, die Fragwürdigkeit der menschlichen Spezies stets anzusprechen.

In „Malvita" ist es die Welt der sogenannten Reichen und Schönen, an deren Oberfläche die Autorin mit diebischer Freude kratzt. Die Romanheldin Christina besucht in der Toskana eine reiche Familie auf ihrem riesigem Anwesen. Die Hochzeit von Tochter Marietta steht unmittelbar bevor, und Christina soll statt der plötzlich verschwundenen Trauzeugin Blanca für gelungene Schnappschüsse bei der Hochzeit sorgen. Dass Blanca dann doch noch auftaucht (als Leiche), dass sich sämtliche Villenbewohner distanziert und merkwürdig verhalten und Christinas Cousin von den sonst so dominanten Frauen auf geradezu aberwitzige Weise verhätschelt wird, überrascht bei der klugen Konstruktion des wendungs- und facettenreichen Romans nicht. Wie schon ihr Debütroman gleicht auch „Malvita" einem virtuos angelegten literarischen Vexierspiel, das den Leser staunend zurücklässt.

In ihren zwei bisherigen Romanen verhandelt Irene Diwiak Gegensatzpaare wie Sein und Schein, Gut und Böse, Reich und Arm, Liebe und Hass. Sie bettet die Themen in ausgefallene und phantasievolle Plots ein, die sie mit großem Geschick und überbordender Erzählfreude vor den Lesern ausrollt. Das Ergebnis: größtes Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Romanseite.

Externe Verknüpfung https://irenediwiak.at/

Heimo Mürzl
Stand: Oktober 2020

 

 

Liebwies © Zsolnay Verlag
Liebwies
© Zsolnay Verlag
Malvita © Zsolnay Verlag
Malvita
© Zsolnay Verlag
War diese Information für Sie nützlich?

Danke für Ihre Bewertung. Jeder Beitrag kann nur einmal bewertet werden.

Die durchschnittliche Bewertung dieses Beitrages liegt bei ( Bewertungen).