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Vom Bei-Sich-Sein und Loslassen oder Die Lücke als Chance

Der Grazer Singer-Songwriter Daniel Berger zählt mit seiner Band „Feel“ zu den interessantesten noch zu entdeckenden Vertretern der steirischen Pop- und Rockszene.

FEEL © Nadja Folger
FEEL
© Nadja Folger

Dem 1984 in Graz geborenen Musiker Daniel Berger ist persönliche Haltung wichtiger als diverse Erwartungshaltungen. Ihm ist bewusst, dass es große Überwindung bedeutet, etwas zu überwinden. Aber auch, dass es die Anstrengung wert ist. Ansonsten schleppt man dauerhaft zu viel (seelischen) Ballast mit sich herum. Das Musikmachen und Songschreiben erleichterte es ihm, den Gespenstern in seinem Inneren gegenüberzutreten. Nicht umsonst sind die Komponenten Gefühl, Ehrlichkeit und Echtheit für Daniel Berger die Grundpfeiler jeden künstlerischen Schaffens.

Musikalisch sozialisiert von den Musikcharts-Kollektionen „Bravo Hits" und der Musik seines Vaters, des Liedermachers Franz Kornhäusel, begann Daniel Berger selbst Musik zu machen. Sein Vater ermutigte ihn, mit dem Songschreiben zu beginnen: „Du hast etwas zu erzählen? Dann schreib ein Lied darüber!" Die Gitarre brachte er sich autodidaktisch bei, und seine Anfänge als Songschreiber standen im Zeichen der schonungslosen Selbsterforschung und Eigentherapie. Die ersten öffentlichen Auftritte ermöglichten ihm, seine Emotionen zur Schau zu stellen und das Bei-Sich-Sein und Loslassen zu lernen. Wenn man dann noch Damien Rice, das John Butler Trio und vor allem David Bowie zu seinen Vorbildern und Einflussgebern wählt, sollte eigentlich nicht mehr allzu viel schiefgehen.

Innere Kohärenz

Bowie ist auch dahingehend Bergers großes Vorbild, weil er von ihm lernte, dass es vollkommen in Ordnung ist, wie man ist und was man macht, solange man davon überzeugt ist und dazu steht. Dem Naturell Daniel Bergers entsprechend, entwickelte sich sein künstlerisches Schaffen ganz organisch und kontinuierlich. Von den Anfängen als Straßenmusikant und Solo-Künstler bis zum Bandprojekt Feel in Trio-Besetzung brauchte es ein ganzes Jahrzehnt. Diese langsame Reifung verleiht dem zu Beginn des Jahres 2020 bei Pumpkin Records erschienenen Album „Not Enough" jene innere Kohärenz, die Debütalben selten eignet.

Der Versuch einer Kategorisierung fällt bei der Musik von Feel sehr schwer. Zu vielfältig sind die musikalischen Einflüsse und zu unkonventionell ist der Sound. Ein treuer Wegbegleiter Daniel Bergers und seines musikalischen Schaffens meinte einmal, seine Musik wäre ein gelungener Mix aus Leonard Cohen und Nirvana. Auf jeden Fall begegnet auf „Not Enough" zahlreichen Einflüssen aus Folk, Kammerpop und Indierock. Bei Feel wird die klassische Rocktrio-Besetzung Gitarre, Bass, Schlagzeug, Stimme dadurch auf eigenwillige Weise veredelt, dass eine Geige den Part der Bassgitarre übernimmt und so für verführerisch-intensive und zugleich delikat-gefühlsbetonte Tonlagen sorgt. Im Zusammenklang mit der oft greinenden, teils gepressten, teils rauen Stimme von Daniel Berger funktioniert das sehr gut. Diese Musik ist unaufdringlich, ohne deshalb an Dringlichkeit zu verlieren. Schwermut und Leichtigkeit, Wehmut und Wut, melodische Eleganz und kathartischer Nachdruck stehen gleichwertig nebeneinander und zeichnen ein sehr persönlich gefärbtes Bild einer schwer greifbaren Gegenwart. Eingängige Melodien, fließende Harmonien, mäandernde Assoziationsketten und enigmatische Texte fließen ineinander und evozieren eine Stimmung, die zwischen dringlicher Dramatik und elegischer Nachdenklichkeit oszilliert. Die Songs haben ihr Fundament im Folk, geben sich feinsinnig, bestechen aber auch durch Druck und Dynamik. Fabian Egglmeiers Geigenklänge und die Schlagzeug-Arbeit von Felix Krüger verleihen der Musik Schwung und jene Verdrehtheit, die den besonderen Reiz ausmacht und einen verführerischen Sog erzeugt.

Im Hier und Jetzt

Nach den zwei EPs „Live Records" (2015) und „Time ist Running" (2017) im Eigenvertrieb wurde der Longplayer „Not Enough" nun beim renommierten Label „Pumpkin Records" in größerem Rahmen präsentiert. Der Titel des Studioalbums verweist auf ein Thema, das Daniel Berger sehr wichtig ist: Im Hier und Jetzt zu leben, nicht im Stadium des Grübelns und Haderns verharren, sondern etwas zu tun und aktiv zu handeln. Man kann „Not Enough" als Kritik an zu viel Konsum - Waren, legale und illegale Drogen, Umwelt-Ressourcen - interpretieren. Oder als Kritik an der Tatsache, dass der Mensch nur konsumiert, um sich für kurze Zeit ein gutes Gefühl zu erkaufen. Da diese Ersatzhandlungen nicht dauerhaft wirken und die Grundbedürfnisse nicht stillen können, erhöht er die Dosis oder beginnt nach etwas zu suchen, das die entstehenden Lücken zu füllen vermag.

Viele der Songs auf dem Album „Not Enough" stellen Fragen und suchen Wege und begreifen gerade die Lücken als Chance. Auch wenn in Daniel Bergers Kunst stets sein humanistisches Anliegen erkennbar ist, klingt seine Musik nie nach mit erhobenem Zeigefinger vertonter Theorie, sondern gefühlsbetont und warmherzig und zugleich leidenschaftlich und kämpferisch. Seine Musik ist letztlich ein Angebot an Interessierte. Ohne Marktgeschrei und ohne Anbiederung an das Geschäftsmodell Musikbusiness mit all seinen Unwägbarkeiten und Auswüchsen.

Auch seine Auftritte organisiert sich Daniel Berger über ein kleines Netzwerk von Freunden und Bekannten. So spielt er immer wieder an stimmigen Orten und im passenden Umfeld. Das ermöglicht ihm und seiner Kunst eine gesunde Weiterentwicklung und lässt seine Musik so genuin und unverbraucht klingen. Neben seinem Bandprojekt Feel ist Berger übrigens Mitglied der Band „My Wicked Wicked Ways" und spielt dort die E-Gitarre.

Website: Externe Verknüpfung www.feel-music.at

Heimo Mürzl
Stand: Juli 2020

 

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