Der versilberte Rebell

„Die Anzahl unserer Neider bestätigt unsere Fähigkeiten“, meinte einst Oscar Wilde. Daran gemessen müssen die Fähigkeiten des steirischen Filmemachers und Wilde-Aficionados Simon G. Mueller gewaltig sein.

Simon. G. Mueller
Simon. G. Mueller© Fatalis Film Productions

Ein junger Mann realisiert, dass sein ganzes Leben, sein ganzes hier verortetes Selbst nichts anderes ist als der finale Todestraum eines jungen Mädchens in Ausübung ihres Suizids. Um sie zu retten, muss er sie irgendwie zum Aufwachen bewegen und somit am Sterben hindern, auch wenn das heißt, dass er niemals existiert hat. Nein, das ist nicht eine Geschichte aus der Feder des drogengesättigten Science-Fiction-Autors Philip K. Dick und auch nicht das juvenile Treatment der nächsten Netflix-Serie (mit Option auf Season 2, 3 und 4), sondern vielmehr die faszinierende Kopfgeburt resp. der grobe Inhalt von „Therefore I am", einem Kurzfilm anno 2011 des Grazer Filmemachers Simon G. Mueller.

Film wie Schöpfer sind ein Unikat in der österreichischen Filmszene. Der Film deshalb, weil sich Regisseure „Made in A" kaum über solche Themen drübertrauen bzw. nicht interessiert scheinen - hierzulande ist ja schon ein Kabarettfilm mit Burgtheaterbesetzung ein stilistisches Risiko; und Mueller ist ein Unikat, weil er sich so ganz und gar nicht ins Schema dieser Spezies von Filmkünstlern einreihen lässt, wohl auch nicht einreihen lassen will. Allein optisch entspricht der Enddreißiger (Baujahr 1980, das Todesjahr von Kokoschka, Sartre und Peter Sellers) keinesfalls den üblichen Verdächtigen aus anämischem Äußeren, gepaart mit nerdisch-tückischem Gehabe und ummantelt von schlechtsitzender, geschmackloser Mode, deren Stilrichtung auch mit bestem Willen nicht auszumachen ist und so wohl am ehesten einem billigen Neo-Patchwork in losem Zwirn gleichkommt. Mueller dagegen, über 1,90 groß und wuchtig, stets braungebrannt agil, tadellos gekleidet, mit perfektem Benehmen und überaus zuvorkommend, ist da quasi das Negativbild dessen, wie man als „Herr Regisseur" zu sein und auszusehen hat. Er hat auch nicht an der Filmakademie in Wien studiert - warum auch?! -, sondern ging gleich aufs Ganze, auf die New York Film Academy, um das zu lernen, was man herkömmlich Handwerk nennt. Blieb auch gleich mal ein sechs Lenze im „Big Apple", machte dort Filme, ja und auch „Filmarbeit" (Kamera, Schnitt, ...) und ist jetzt erst wieder seit einigen Jahren im beschaulichen Graz. Nebstbei hat er auch einen Beruf gelernt, verdient sein Leben quasi als Normalo und hin und wieder als Assistent bei seinem alten Mentor Alfred Ninaus.

Wenn die Zeit und vor allem die sehr, sehr langsamen Mühlen der öffentlichen Förderung es zulassen, dreht er auch hierorts. Vor Kurzem den Langfilm „Die Weinstraße", eine seltsame Mischung aus gesellschaftspolitischer Burleske und zynischem Kommentar zum fremdenfeindlichen Jetzt. Oder wie man es auch sagen könnte: Luis Buñuels „Die Milchstraße" trifft in der steirischen Provinz auf die Mundart in guter Hoffnung. Ein Film, der vielleicht nicht auf den ersten Blick wehtut und einem auch nicht gleich ins Gesicht springen mag. Aber setzt sich die ganze Geschichte rund um ein großstädtisches Paar - spontan und ungewollt ins steirische Outback transferiert; sie schwanger, er ein Arsch und beide auf Herbergssuche wie weiland, na, sie wissen schon wer -, dann kommt man ein wenig ins Grübeln, fängt da und dort zum Nachdenken an, erreicht die Erkenntnisebene. Was will man mehr?

Simon G. Mueller - das „G." steht übrigens für Gabriel und nicht für den verbalen Ausrutscher eines ehemaligen steirischen Kulturpolitikers, der meinte er stehe dem „einzigen Mann mit einem G-Punkt" gegenüber - will aber mehr. Wollte schon immer! Allein deshalb macht er sich hierorts verdächtig, ein Romantiker zu sein. Vielleicht der Letzten einer. Aber betrachtet man ganz nüchtern seine Filmographie bzw. die Synopsen seiner Stoffe, dann erkennt man die Zerrissenheit zwischen tiefer Emotion und kalter Pose, zwischen einfühlender Tiefgründigkeit und strenger Sachlichkeit. Zerrissenheiten, die von seinem Erstling „Stylers" (2005), einer stylischen - no na! - Biopsie der Grazer Clubbingszene bis hin zum Bibelfilmbastard „Die Weinstraße" reichen. Und die auch bereits in seinen Kurzfilmen „Post Mortem" (2010) und „Pure Heart" (2015) immer wieder anklingen.

Unter den heimischen Regisseuren ist Mueller zweifellos einer der nicht Verstandenen, einer dem Glätte und Hohlheit vorgeworfen wird, ohne dass man sich dabei die Mühe macht, der Essenz seiner Stories willen zwischen die Zeilen, die Kader dieser gefilmten Oberflächen zu blicken, um dort die ganzen Risse und Sprünge zu sehen, wo die vermeintliche Geistlosigkeit längst am Versickern ist. In seinen Filmen geht es um Einsamkeit, verpasste Momente, unerwiderte bzw. nicht erkannte Liebe. Es sind zärtliche Hommagen des Kinos der Nacht á la Scorseses „Taxi Driver" („Fatalis", 2012) oder Brian DePalmas „Blow Out" („Of Sound Mind", 2015), Mini-Film-Noirs gelebter Sensibilität. Und just dieses Unverständnis an Sensibilität teilt er wohl auch mit seinen Idolen Oscar Wilde, Marlon Brando und, of course, Falco. So wundert's auch nicht, dass er ein großer Verehrer von Bret Easton Ellis‘ 80er/90er-Jahre Chroniken „American Psycho" („Ich glaube, ich hab‘ ihn mehr als 15 mal gelesen.") und „Glamorama" ist - ebenfalls völlig missverstandene „rissige Oberflächlichkeiten" kleingeistiger Analyse.

Und die Zukunft: Ein Heimatfilm wird's wohl werden. Ein Förster im digitalen Silberwald, tief verankert in der absoluten Coolness ach so uncooler Zeiten wie jetzt. "Kettenhund", so der Arbeitstitel, von dem bereits ein Drehbuch existiert. Worin‘s um fiebriges Wildern geht, um entzauberte Natur, um ungestüme Leidenschaft und ein fast freies Gestern, das sich immer wieder aufs Neue im korsetthaften Heute spiegelt. Und natürlich um Liebe. Unerfüllt. Hingebungsvoll. Sanft.

 www.fatalisfilmproductions.com

A. Heimo Sver
Stand: Mai 2019

Ausgewählte Filmographie

2019       Die Weinstraße [Drehbuch / Schnitt]
2015       Of Sound Mind [Drehbuch / Schnitt]
2015       Pure Heart (Kurzfilm) [Drehbuch / Schnitt]
2015       Wacholder von Leander Augustin (Kurzfilm) [Drehb. / Co-Regie mit Joey Davis]
2011/12  Fatalis [Drehbuch / Schnitt]
2011      Therefore I Am (Kurzfilm) [Drehbuch / Schnitt]
2010      Abandon All Hope (Kurzfilm) [Drehbuch / Schnitt]
2010      Post Mortem (Kurzfilm) [Drehbuch / Schnitt]
2005      Stylers [Drehbuch / Schnitt]

Fatalis-Poster
Fatalis-Poster© Fatalis Film Productions & Jörg Vogeltanz
Of Sound Mind - Poster
Of Sound Mind - Poster© Fatalis Film Productions & Jörg Vogeltanz
Die Weinstraße-Poster
Die Weinstraße-Poster© Fatalis Film Productions & Jörg Vogeltanz
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