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Ein Besen für jeden Raum

E.d Gferer ist vorwiegend mit Eingriffen an Orten beschäftigt, die dem kanonisierten Kunstbetrieb der Galerien und Museen und dem Prinzip des White Cube diametral gegenüberstehen.

E.d Gfrerer: „Modellbildungen“ an „mentalen Lücken“  © Wenzel Mraček
E.d Gfrerer: „Modellbildungen“ an „mentalen Lücken“
© Wenzel Mraček

„die permanente notwendigkeit, welt in erfahrung zu bringen, zwingt zur konstruktion von wirklichkeit, erzwingt die untersuchung und überprüfung von tauglichkeit und tragfähigkeit des hergestellten." e.d gfrerer 

Im Jahr 2020 ist Rijeka Kulturhauptstadt Europas. Über die Monate April und Mai kommenden Jahres wird der Grazer E.d Gfrerer dort ein Atelierstipendium des Landes Steiermark wahrnehmen. „Im Hafen von Rijeka", erzählt Gfrerer auf die Frage nach eventuellem Vorhaben, „steht die Galeb".

Die derzeit einigermaßen ramponierte Galeb (Möwe) war in den Jahren 1952 bis 1980 die Staatsyacht von Josip Broz Tito und soll in den kommenden Jahren restauriert und zum Museumsschiff umgebaut werden. Darüber hinaus hat die Galeb allerdings eine imposante Geschichte: Als Kühlschiff unter dem Namen RAMB III 1938 in Genua gebaut, sollten zunächst Bananen aus den ostafrikanischen Kolonien Italiens nach Europa gebracht werden. Das Schiff fuhr aber nicht nach Ostafrika, sondern wurde mit Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg von der italienischen Marine requiriert, bewaffnet und zum Geleitschiff umgebaut. Von einem englischen U-Boot wurde die RAMB III 1941 vor Libyen versenkt, von den Italienern wieder gehoben und sollte in Triest repariert werden. 1943 nun von der deutschen Marine beschlagnahmt und als Minenschiff verwendet, wurde sie 1944 nach amerikanischem Luftangriff auf dem Weg nach Rijeka abermals versenkt. Nach dem Krieg ließ Tito das Schiff heben und legte damit 86.000 Seemeilen zurück. Die nun Galeb genannte Yacht lag während der Jugoslawienkriege in Montenegro und wurde 2001 an einen griechischen Reeder verkauft. Nachdem dieser das Schiff restauriert hatte, wurde die Galeb von Kroatien zum nationalen Erbe erklärt und durfte den Hafen von Rijeka nicht mehr verlassen bis sie 2010 von der Stadt gekauft wurde.

Das Vorhaben ist nun, „der Galeb zwei Meter ihres Bugs abzuschneiden". Freilich nicht physisch, ergänzt Gfrerer schnell, lacht und sagt, „wir haben schon erfahren, dass wir dafür keine Genehmigung erhalten werden". An Land, im Hafenareal, soll der Teil des Bugs - vielleicht in verkleinertem Maßstab - nachgebaut werden. Diese Dekonstruktion und Dislozierung müsste eigentlich schon genügen, um in der Rezeption die Geschichte des Schiffs, Jugoslawiens und des Staates Kroatien zu assoziieren. Wie in diesem Konzept befleißigt sich der 1958 in Paternion (Kärnten) geborene Plastiker, der in Graz das Studium der Architektur absolviert hat, einer immer wieder praktizierten Arbeitsweise, nach der nicht Installation für ihn im Vordergrund seiner Arbeiten steht, vielmehr ist es die Konstruktion um vorhandene Strukturen, Konstruktionen also, die mit physischer und mental historischer Umgebung verbunden sind. Vermutete „mentale Lücken" sollen durch physische, jeweils deutlich in den Bereich von Architektur reichende Interventionen überbrückt werden, die Gfrerer auch als „Modellbildungen" bezeichnet. Seinen künstlerischen Intentionen folgend, entwickelt er dabei über den spezifischen Ort hinausreichende Erzählungen. Wie etwa im Jahr 2009, als er unter dem Titel Intervallum eine begehbare „Raumskizze" in der Grazer Galerie remixx einrichtete.

Wenngleich stark abstrahiert, enthielt die über zwei Stockwerke reichende Raumskizze Elemente angedachter Zusammenhänge: Ein „Vordach" führte in einen Innenraum, darüber hinweg fuhr von Ost nach West ein „Kahn" mit „zwei Passagieren" auf demselben Niveau mit der Basis eines wiederum nach unten weisenden „Hauses". Unter dem Giebel des Hauses, einander gegenüber gestellt, zwei Sessel wie vorbereitet für ein Gespräch Auge in Auge. Signifikanten damit einer nicht linearen Narration: Vordach, Innen-, Übergangsraum, Passagiere, Personen, Haus, Äquidistanz und Äquivalenz, stabilisiert durch Schnüre, ausgewogen von Sandsäcken; das Lineament der Schnüre - die zu imaginierende Ereignisse bezeichnen wie die Fahrt der Passagiere im „Kahn" - war an kritischen Stellen „verknotet".

Um das „Gebäude im Gebäude" weiter „denken" zu können, wurden von Gfrerer präparierte Arbeitshandschuhe bereitgestellt. Auf ihnen zu lesen waren die alttestamentarischen Arbeitsanweisungen für den Tempelbau; um mit diesem Schutz- und Werkzeug nur in Gedanken zupacken zu können, waren die Handschuhe mit einer Schicht Öl bestrichen.

Für seine Ausstellung -3,35 (Anm. minus 3,35), 2017 im Grazer Künstlerhaus, Halle für Kunst und Medien, richtete E.d Gfrerer zunächst eine Bauhütte ein. Konzepte für die Ausstellung wurden skizzenhaft festgehalten, orientiert an vergangenen Ausstellungen des Hauses. Für die eigenen Einbauten, die das gesamte Souterrain umfassen sollten, verwendete er vorgefundene Ergänzungsmaterialien von Ausstellungsarchitekturen wie Gipskartonplatten, Teile von Bühnenkonstruktionen und Holzlatten. Es entstanden Spiegelungen, modellhafte Details des vorhandenen Raumes und assoziative Verbindungen zu stattgefundenen Ausstellungen anderer.

Eine simulierte Übernahme der Baumaßnahmen und Bauaufsicht zum in Puntigam errichteten Flusskraftwerk inszenierte Gfrerer mit seiner Intervention SINK TANK 2018 in einem leer stehenden Gebäude am rechten Murufer. Hier thematisierte er das „Restrauschen" des Flusses, dessen Staubereich inzwischen bis in die Innenstadt reicht und vom vormals fließenden zum stehenden Gewässer mutierte. Hier standen Testgeräte wie die einsatzbereite Mischmaschine aus Teilen eines vor Jahrzehnten über Sibirien abgestürzten Flugzeuges, die Materialrutsche, die Anordnung der Schreibtischtäter wie auch der zentrale SINK TANK aus industriell gefertigten Kanalbauelementen in einer Form, die an einen Schützenpanzer erinnert. Gfrerer ging davon aus, dass die etwa 50 Meter entfernten Bauvorgänge an der Mur die Errichtung eines Kunstwerks im öffentlichen Raum seien. Entsprechend auch der Vorgaben der Stadt Graz handelte es sich - beim wirklichen Bau des Kraftwerks nach Gfrerers Interpretation - um eine temporäre Installation, nämlich um das Modell eines Kraftwerks im Maßstab 1:1. Die nun aus dem SINK TANK koordinierten Arbeiten, in deren Verlauf auch der Raum URM gegenüber dem Areal entlang dem Murufer entstand, blieben zeitlich begrenzt. Der vielfach gewünschte Stopp des Kraftwerksbaus erfolgte demnach mit Einstellung der Bauarbeiten an Gfrerers Modellkraftwerk.

Für den kommenden Herbst ist ein Eingriff im Bereich der Kulturpension Feuerlöscher in Prenning geplant. Der hier ansässige Verein Prenninger Gespräche ist immer wieder mit dem sogenannten Prenninger Kreis befasst, der Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime um den Architekten Herbert Eichholzer (1903-1043). Unter Gfrerers Projekttitel Flucht-Treppe werden einmal mehr gedankliche Verbindungen zu historischen Ereignissen respektive inzwischen historischer Architektur angestrebt. Nach Entwurf der Werkgruppe Graz wurde am Hafnerriegel bis 1963 das erste Grazer Hochhaus als Studentenwohnheim errichtet. Nach dessen Verkauf an eine Wiener Investorengruppe im Jahr 2013 und dem Umbau zu einem Wohnhaus wurde auch die markante Fluchttreppe entfernt. In einem Konnex zum „Fluchtort Prenning" will Gfrerer entlang einer unterirdisch verlegten Druckrohrleitung eines Kleinkraftwerkes die Flucht-Treppe als „vertikale Modellanordnung" nach Prenning bringen. Entsprechend seinen Werkprinzipien wieder nur für gewissen Zeit. Es seien eben immer nur „Spuren" anzulegen, die wieder verschwinden werden entsprechend Gfrerers Motto: „Give me a broom for every room."

Wenzel Mraček
Juli 2019

Ausstellungen (Auswahl)

„Außenposten/Baustelle Europa/unt(d)erstand", Graz (2015)
„Haltestelle in der Wüste, Prostor I - raum UND", Sarajevo (2014)
„The artists are present", < rotor >, Graz (2014)
„Landscape", Galerie Rhizom, Graz (2013)
„Delta-Laboratorium für Immunologie/Sektor 1", Bukarest (2013)
„Tarnschriften", Verein Intro-Graz-Spection, UM-Joanneum, Graz (2012)
„Wiederherstellung - ans Licht gebracht", Kulturhauptstadt Maribor, Maribor (2012)
„Im Westen Nichts Neues - Zwischennordsüd", Basilika Mariazell, Mariazell (2011)
„Urbane Kunstpiloten", Verein Intro-Graz-Spection, Graz (2010)
„Continental Drift", Tiflis (2010)
„Parabol", Forum Stadtpark, Graz (2009)

Modell des Modells, Intervallum, Galerie remixx, 2009 Arbeitshandschuhe, Intervallum, Galerie remixx, 2009 SINK TANK, Materialrutsche, 2018SINK TANK, 2018 Konzeptskizze SINK TANK, 2018 „Rückbau West“, Basilika Mariazell, 2011 „Schiffgasse 6“, Graz, 2012,
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