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„Welche der Figuren sind Sie?“

Die Autorin Tanja Paar hat mit ihrem Romandebüt „Die Unversehrten“ 2018 für Aufsehen gesorgt. Nun arbeitet die in Graz geborene Schriftstellerin an ihrem zweiten Roman, der 2020 erscheinen wird.

Tanja Paar © Pamela Rußmann
Tanja Paar
© Pamela Rußmann

Zwei Monate lang standen „Die Unversehrten", erschienen 2018 im Haymon-Verlag, auf der ORF-Bestenliste, dazu kamen zahlreiche Besprechungen in so gut wie allen österreichischen und etlichen deutschen Zeitungen und eine lange Liste an Lesungen in Österreich, Deutschland und Italien. „Die Unversehrten" erzählt eine Dreiecksgeschichte zwischen der Managerin Violenta, dem Arzt Martin und der Molekularbiologin Klara, die von Martin schwanger wird. Zunächst sieht es so aus, als würde Violenta dem Bobo-Familienglück von Martin und Klara nicht im Wege stehen, doch nach einigen Jahren beschließt sie, ihren Ex zurückzuerobern, und ein Drama bahnt sich seinen Weg.

„Wollten Sie immer schon ein Buch schreiben? Wie lange haben Sie am Buch geschrieben? Welche der Figuren sind Sie?" - Das waren, so Tanja Paar, die drei häufigsten Fragen, die ihr bei Lesungen gestellt wurden. Die erste Frage kann man mit Ja beantworten, und die zweite mit „mehrere Jahre", denn für ihren ersten Roman musste sie erst die Form finden. Dabei hat ihr der Besuch der Leondinger Literaturakademie sehr geholfen, genauer gesagt: Der Austausch mit anderen Autorinnen und Autoren während der Akademie-Zeit. Beim ersten Roman war besonders der Kontakt zum oberösterreichischen Arzt und Autor David Fuchs wichtig, der 2018 mit einem Buch ebenfalls im Haymon-Verlag debütierte. Jetzt, wo Paar am zweiten Buch arbeitet, ist der in Berlin lebende Dramaturg und Autor Peter Fuchs, ein Freund noch aus Grazer Zeiten, kollegialer Erstlektor.

„Wir konferieren zwei Mal in der Woche über Skype oder WhatsApp, um ausführlich über unsere Texte zu sprechen", erzählt die Autorin. „Wir sind sehr streng zueinander, aber es funktioniert, und ich bin sehr froh über dieses literarische Ping-Pong."

Vom Theater geprägt

Tanja Paar ist in Graz aufgewachsen und hat in Graz, Wien und Lausanne Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert. Sie war lange als Journalistin tätig: Nach Lehrjahren bei der Grazer „Neuen Zeit" ging sie Mitte der 1990er-Jahre nach Wien zum „Falter", wechselte später zum Nachrichtenmagazin „profil" und zum „Standard". Anno 2011 wurde sie als „Journalistin des Jahres" ausgezeichnet. Das literarische Schreiben kam erst später ins Blickfeld. Eine erste literarische Veröffentlichung im Feuilletonmagazin „schreibkraft" datiert aus dem Jahr 2013.

„Es hat mich überrascht, dass bei Lesungen sehr viel zum Inhalt des Buches gefragt wird und wenig zur Form", sagt Tanja Paar. „Ich hätte mir mehr Fragen zur Form gewünscht." So denn - ein paar Anmerkungen zur Form: Paars literarischer Stil in den „Unversehrten" ist schlank und schnörkellos. In 46 neutral erzählten Szenen wird man sanft an der Hand genommen und in den Abgrund des Zwischenmenschlichen hinabgeführt. Die große Kunst von Tanja Paar besteht darin, die Leser zu täuschen: Man glaubt vom Anfang bis zum Schluss, man befinde sich in einer anspruchsvollen Lifestyle-Erzählung und es werde einer der Protagonistinnen des Buches demnächst die entscheidende Einsicht dämmern und damit die Wendung zum Guten gelingen. In Wahrheit aber ist man schon längst in der griechischen Tragödie angelangt, wo alle Figuren Schuld auf sich laden, weil sie auf Biegen und Brechen nichts anderes als ihr eigenes Glück verfolgen. Aus der Differenz zwischen dem luftigen Erzählton und dem letztlich tragischen Geschehen beziehen „Die Unversehrten" ihre Grundspannung.

Der Vergleich mit einer griechischen Tragödie ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. „Ich bin sehr stark vom Theater geprägt", sagt Tanja Paar. In den frühen 1990er-Jahren, als sie in Graz studierte, explodierte der dramatische Stern des Werner Schwab in der Stadt, und Martin Kušej lieferte hier erste Proben seines Ausnahmetalents als Regisseur ab. Paar selbst hospitierte in der Dramaturgie am Grazer Schauspielhaus und stand im Rahmen einer Inszenierung des mittelalterlichen Kudrun-Stoffes selbst auf der Bühne des Next Liberty.

Das Dramatische zeichnet sich in Tanja Paars Prosa sowohl in den Konflikten ab, die sich langsam zuspitzen, als auch in einer stark auf Dialogen basierenden Erzählweise. Dieser Aspekt kommt nun jener Drehbuchautorin zugute, die derzeit an einer Filmfassung der „Unversehrten" arbeitet - ein Verlag hat sich die Filmrechte gesichert.

Zweiter Roman in Arbeit

Tanja Paar selbst schreibt seit 2017 an einem zweiten Roman, dessen Erscheinen für 2020 vorgesehen ist. Es geht darin um einen Eisenbahningenieur, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Errichtung der  Strecke Berlin-Bagdad zuständig ist. Wieder ist der Roman in zwei Teilen angelegt, aber diesmal ist das Setting historisch, und die Frage „Welche der Figuren sind Sie?" wird der Autorin bei Lesungen und Buchpräsentationen vermutlich nicht mehr gestellt werden.

„Bei der Arbeit an diesem Roman interessiert mich sehr die Frage der Einfühlung ", erzählt Tanja Paar: „Wie nahe kann man einer fiktiven historischen Figur kommen? Und wie nahe will ich der überhaupt kommen? Mir ist der Bruch immer sehr wichtig, denn ich will keinen Naturalismus heraufbeschwören und nicht so tun, als ob wir uns tatsächlich in den anatolischen Bergen herumschlagen." - Klingt ganz so, als würde das nächste Buch erneut subtile Schnitte an der Oberfläche der Dinge setzen, um tiefere Schichten der Wirklichkeit freizulegen.

Externe Verknüpfung www.tanjapaar.at

Werner Schandor
Stand: Juli 2019

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