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Ein Mann mit interessanten Träumen

Nicht Knall auf Fall, sondern langsam, Schritt für Schritt betrat Mario Hladicz vor einigen Jahren die literarische Szene.

Mario Hladicz bei einer Keiper-Lesung © Ulrike Rauch
Mario Hladicz bei einer Keiper-Lesung
© Ulrike Rauch

Er kam mit leichtem Gepäck: mit Traumprotokollen und Alltagsbildern, kurzen, pointierten Prosatexten, die alsbald in dieser und jener österreichischen Zeitschrift zu lesen waren, in der „schreibkraft" und im „ausreißer", in „etcetera" und in „erostepost", im DUM, im „Sterz" und in den LICHTUNGEN. Bald verfolgte er ein erstes Buchprojekt; es sollte „Worte und Fenster" heißen und eine Sammlung jener Prosaminiaturen sein, für die er 2014 den Literaturförderpreis der Stadt Graz erhielt. Aus den Worten aber wurden schließlich Verse, den Prosaisten verschlug es zur Überraschung nicht weniger Beobachter in die Lyrik. Doch blieb er auch hier ein Geschichtenerzähler. Seine Gedichte sind weder Stimmungsmalerei noch Landschaftsbetrachtung, weder Selbstbespiegelungen noch Sprachspaltereien; vielmehr zeigen sie handelnde Figuren in klar umrissenen Situationen. Nicht selten enthalten sie, in kondensierter Form, den Stoff für einen Roman, wie etwa der folgende „Bericht der Söhne":

Wir sehen ihn nicht, nur seine Spuren,
die er hinterlassen hat in der Nacht;
in der Spüle leere Bierflaschen und
einen vollen Aschenbecher auf dem Tisch;
eine offene Schranktür, eine Lücke dort,
wo seine Hemden lagen und etwas Geld
gleich neben dem Foto, auf dem wir mit ihm
zu sehen sind; einer auf seinen Schultern,
der andere auf seinem Arm, mit ernstem Blick,
als stünde etwas zu befürchten.

Diese Verse, Ausdruck einer prägenden traumatischen Verlusterfahrung, stehen in der Sammlung „Gedichte zwischen Uhr und Bett", die 2017 in der von Helwig Brunner herausgegebenen Reihe „keiper lyrik" erschien. Der harmlos klingende Titel ist trügerisch. Die Texte dieses Bandes künden nämlich keineswegs vom Glück im stillen Winkel, von der Geborgenheit in den eigenen vier Wänden, sondern von den Rissen im Gemäuer, vom Zerfall einer Familie, vom Verlust der Kindheit und dem Ende der Schonfrist, vom Leben auf engem Raum, in beengenden Verhältnissen, und der ungestillten Sehnsucht nach einem anderen, ganz und gar anderen Leben.
Ein literarisches Debüt auf Umwegen, erschienen die „Gedichte zwischen Uhr und Bett" weder zu früh, noch zu spät, sondern genau zur richtigen Zeit. Der knapp hundert Seiten starke Band ist mehr als nur eine Talentprobe und weitaus mehr als nur ein Versprechen, er wirkt in hohem Maße ausgewogen und ist von großer innerer Geschlossenheit, kurzum: eine runde Sache.
In Erstlingswerken geschieht es nicht selten, dass der Verfasser des Guten zuviel tut und dazu neigt, sich an der eigenen Sprache, am eigenen Idiom zu berauschen. Nichts davon ist hier zu spüren: Hladicz setzt seine Mittel sparsam ein, mit großer Zurückhaltung und Disziplin. Souverän reiht er Wort an Wort, fügt behutsam Vers an Vers und tut dies ohne angestrengte Dichterpose, ohne jedes Haschen nach Wind. Gerade weil er es nicht darauf anlegt, mit extravaganten Wendungen und kühnen Zeilensprüngen Eindruck zu schinden, gelingen ihm so eindrucksvolle, bestechend schlichte Gebilde wie das Gedicht „Der Gärtner":

Er bezog Quartier bei uns
an einem Tag im Mai. Warum,
weiß heute keiner mehr genau.
Sogleich begann er, Böden
umzugraben und streute
Samen aus im ganzen Haus.
Gefährlich blitzte seine Harke.
Nachts blieb er lange wach,
um zu erfahren, was gerade noch
im Begriff war zu bleiben.
Im Winter blickte er seltsam froh
hinaus auf die erstarrte Landschaft.
Heute ist er alt. Er sieht die vielen
braunen Flecken schlicht nicht mehr
und auch das Unkraut nicht, das
fröhlich wuchert in den Zimmern. 

Das lyrische Ich tritt bei Hladicz kaum je in den Vordergrund. Wenn es seine Stimme erhebt, so tut es dies zumeist stellvertretend, als Teil eines - mehr oder minder anonym bleibenden - Kollektivs, mag es sich nun um eine Familie handeln, um die Bewohnerschaft eines Hauses, wie in den zuletzt zitierten Versen, die Einwohner einer Kleinstadt, ein Paar in einem Restaurant, spielende Kinder (Beim Baum/ zählt das Kind/ von hundert herab, / dreht sich um - // und ist allein) oder eine Gruppe von Schülern, die nach der letzten Stunde zögern, ins Freie zu treten, hinaus ins Leben: „Wir blieben noch eine Weile, / schlichen durch die dunklen Gänge/ mit unseren Zeugnissen in Händen." 

Die beste Schule für den Autor freilich ist der Traum. Mario Hladicz hat diese Schule durchlaufen und durchläuft sie weiter, Nacht für Nacht. Im Traum hat sich sein Realitätssinn geschärft, sein Sinn für das Mögliche wie das Unmögliche. Seine Prosasammlung „Die Dauer der Scham", eine erweiterte Neufassung von „Worte und Fenster", die im Herbst 2019 bei Keiper erscheint, wird dies einmal mehr beweisen.  Bei einem Traumkünstler wie ihm kann es aber auch nicht wundernehmen, dass er gelegentlich von seinem Arbeitsplatz träumt: „Ich sitze am Informationsschalter einer Buchhandlung. Ein Kunde kommt und fragt, ob Band 2 der Suche nach der verlorenen Zeit, ‚Im Schatten junger Mädchenblüte‘, vorrätig ist. Ich muss so laut lachen, dass ich davon erwache."

Die Grazer Buchhandlung, von der hier die Rede ist, öffnet nicht nur im Traum, sondern hat reale Öffnungszeiten und eine reale Adresse. Seit bald neun Jahren tut Mario Hladicz dort seinen Dienst. Noch vor Abschluss seines Germanistikstudiums im Jahr 2011 (mit einer erzähltheoretischen Diplomarbeit über die Prosa von Kehlmann und Glavinic) stieg er in den Buchhandel ein. Dieser Beruf bedeutet ihm mehr als nur reiner Broterwerb; hier ist er ganz in seinem Element. Gelassen sieht er Jahr für Jahr die Flut der Neuerscheinungen heranrollen und wieder verebben, sieht mit eigenen Augen, was als Strandgut zurückbleibt und was in der Flut alles untergeht - und wird dennoch nicht müde, seine Flaschenpost aufzugeben, in Form von Gedichten und Geschichten: bisweilen tröstliche, bisweilen traurige, immer aber erstaunliche Nachrichten vom Rande der Tage.

Christian Teissl
März 2019

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