Link zur Startseite

Mit der Geige um die Welt

Johanna Kugler zählt auf: Deutschland, Schweiz, Südtirol, Slowenien, Portugal, Polen, Rumänien, Schweden, Irland, Bolivien … Dass die 30-jährige Geigerin schon so viel gereist ist, liegt unter anderem daran, dass sie mit dem Streichquartett Netnakisum von 2006 bis 2010 auf vielen internationalen Festivals aufgetreten ist. Inzwischen gibt es rund ein Dutzend Ensembles, in denen Kugler gespielt hat oder spielt.

Johanna Kugler © Barbara Belic
Johanna Kugler
© Barbara Belic

Schlaflieder, Glockengeläut und Vogelgezwitscher

Das erste, woran sich Johanna Kugler erinnert, ist ihr Vater, der ihr Schlaflieder vorsingt, das Glockengeläute einer Kirche und Vogelzwitschern. Beide Eltern spielen Instrumente und singen gerne; ihre Plattensammlung enthält Klassik, Jazz, Songs von Joan Baez. Mit Volksmusik macht Johanna Bekanntschaft, weil in der Wiener Innenstadt, wo ihre Familie wohnt, während der Oster- und Weihnachtsmärkte traditionelle Gruppen spielen. Auch bei Verwandten im Salzkammergut, im Wechselgebiet und in der Obersteiermark hört sie Volksmusik, die sie schon damals begeistert. Sie singt schon als kleines Kind gern und viel. Mit sieben Jahren erhält sie Geigenunterricht; das Üben macht ihr große Freude.

Musizieren ohne Noten

Mit neun Jahren nimmt sie an der Musikantenwoche im Burgenland teil. Diese leitet Rudolf Pietsch, der für Johanna bald eine prägende Rolle spielen wird. Er fördert das Musizieren nach Gehör, das Spielen ohne Noten, was sie davor nicht gekannt hat. „Rudi Pietsch war für mich damals der wahnsinnige Geiger, der herumhüpft und Schmäh reißt, aber er ist Ethnomusikologe mit Professur und hat die Geigenmusik in Wien wieder präsent gemacht." Von da an fährt Johanna jedes Jahr zu den Musikantenwochen ins Burgenland, lernt viele junge Menschen kennen und musiziert mit ihnen.
Nach Abschluss des Musikgymnasiums Wien studiert Johanna an der Grazer Kunstuniversität bei Anke Schittenhelm klassische Geige.

Karrierestart mit Netnakisum

Johanna nimmt die Stelle von Hermann Härtel in der bereits bekannten Gruppe Netnakisum ein, als der Geiger aussteigen will. Die Geschwister Härtel (Marie-Theres an der Bratsche und Linde am Cello) und Magdalena Zenz (Zweite Geige) kennt Johanna von steirischen Geigentagen, an denen sie als Jugendliche teilgenommen hat. Netnakisum spielen bei kleinen Veranstaltungen und auf großen Bühnen im In- und Ausland. Der Erfolg ist beeindruckend - das Publikum liebt die Gruppe, die Kritiker sind begeistert von der schrägen Mischung, die das Quartett darbietet.
„Wir wurden zu Crossover-Festivals eingeladen, obwohl wir von der Volksmusik gekommen sind, aber unser Sound hatte so viele verschiedene Facetten. Wir haben viel experimentiert, geschrieben und arrangiert, und wir konnten Singen und Spielen verbinden, das geht mit Streichinstrumenten gut, da lassen sich wunderbare Dinge machen", erzählt Johanna.
Zwei Alben entstehen in dieser Zeit. Nebenbei hat Johanna Schulmusik in Wien inskribiert, aber der Erfolg mit Netnakisum ist mit so vielen Reisen verbunden, dass sie zu wenig Zeit zum Studieren hat. 2010 verlässt sie Netnakisum, dankbar für die Zeit mit den Kolleginnen: „So früh so viel mit der Musik unterwegs zu sein, das war eine sehr reiche Erfahrung."

Ausflüge in den Jazz mit dem String Sydicate

Während der Zeit bei Netnakisum ist Johanna Kugler auch Mitglied des String Syndicate, einer großen Formation, gegründet vom Geiger Igmar Jenner, die Wert auf einen offenen Arbeitsprozess legt. „Facettenreiche und spannende Musik, die irgendwo zwischen Jazz und Klassik, Tango und Folk ihre Identität findet", schreibt die JazzWerkstatt Graz. Und Johanna erinnert sich: „Bei String Syndicate habe ich Techniken kennengelernt, die in der Klassik nicht so oft vorkommen, Harmoniefolgen aus dem Jazz und Improvisieren, das fließt nun in anderer Form bei der Arbeit mit den Tanzhausgeigern ein."

Geigen reparieren in Bolivien

2010 verbringt Johanna vier Monate in einer kleinen Stadt in Bolivien. Sie arbeitet in der Musikschule, die zugleich der Ort ist, an dem Kinder aus armen Verhältnissen ihre Freizeit verbringen können. „Die Schule war sehr schlecht ausgerüstet, ich habe dort Geigen repariert, beim Geigenunterricht und mit dem Chor gearbeitet. Ich hab mir auch aus Österreich Noten schicken lassen, weil sie in der Schule so wenig hatten. Für die Kinder, die ihre Freizeit dort verbracht haben, war ich eine Ansprechperson, habe auch privat geholfen, wenn es nötig war." Danach bricht Johanna ihre Zelte in Graz ab. Sie studiert in Wien Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik, zwei Jahre lang außerdem Geige in Eisenstadt. Das Rhythmikstudium schließt sie 2016 ab.

Forschen und zum Tanz aufspielen: Die Tanzhausgeiger

Die Tanzhausgeiger, die aus dem Freundeskreis von Johanna Kugler und Herman Härtel entstanden, gehören zu Johannas Herzensprojekten. Das Quintett erforscht im Institut für Musikethnologie, im Volksliedwerk und in der Nationalbibliothek Ländler- und Csárdás-Musik. Ernie Ströbitzer, die die dreisaitige Bratsche spielt, arbeitet im Archiv des Volksliedwerks, Hermann Härtel forscht zusammen mit dem Drehleierspieler Simon Wascher, der alte Handschriften dokumentiert und veröffentlicht. Alle fünf lernen auf Reisen von älteren Musikanten und organisieren für ihre Lehrer aus Transsilvanien Workshops in Österreich. Johanna Kugler: „Csárdás ist der österreichischen Musiktradition sehr nahe, die Geige spielt eine wichtige Rolle. Die Musik wird meist mündlich weitergegeben. So etwas interessiert uns. Aber wir mischen auch gerne verschiedene Stile, spielen z. B. Jodler auf eine Art, die dem Csárdás verwandt ist. Wir spielen also vor allem traditionelle Musik, die fast nie konzertant aufgeführt wurde. Das ist eine schöne Musizierform."

Singen bei Black Market Tune

Seit 2016 ist Johanna Teil von Black Market Tune, einem - natürlich - ebenfalls experimentierfreudigen Quintett mit einem schottischen Akkordeonisten. Die Band kombiniert eigene Kompositionen unter anderem mit schottischen Trinkliedern, irischen Melodien und Jodlern. Mit irischer Musik kam Johanna durch ihre Freundin Claudia Schwab in Berührung, der Geigerin aus dem Härtel-Umfeld, die seit Langem in Irland lebt. Doch am liebsten singt Johanna Kugler die Songs, die Bandleader Paul Dangl zu Texten eines schwedischen Dichters komponiert hat.

Die Tanzhausgeiger im Internet: Externe Verknüpfung http://www.tanzhausgeiger.tradmus.org/

Barbara Belic
Stand: Jänner 2019

 

War diese Information für Sie nützlich?

Danke für Ihre Bewertung. Jeder Beitrag kann nur einmal bewertet werden.

Die durchschnittliche Bewertung dieses Beitrages liegt bei ( Bewertungen).