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Der Alltäglichkeit eine subtile fotografische Bühne geben

Die Künstlerin Julia Gaisbacher hat sich über die Kunstgeschichte einen Weg in die bildende Kunst gebahnt, hängen geblieben ist sie bei der Fotografie.

Julia Gaisbacher © Arnfried Großmann
Julia Gaisbacher
© Arnfried Großmann

Es ist ein spannender Werdegang, den die 34-jährige Künstlerin Gaisbacher bislang hingelegt hat. Nach einem in Graz abgeschlossenen Kunstgeschichtestudium und dem Besuch der Meisterklasse für Bildhauerei an der Ortweinschule hat es sie nach Dresden verschlagen, wo sie an der Hochschule für bildende Kunst Bildhauerei bei Carl Emanuel Wolff und Martin Honert studierte. Dresden kam ihren künstlerischen Anfängen entgegen, weil man dort zuerst ein zweijähriges Grundstudium zu absolvieren hat. „Ich habe immer schon gerne fotografiert, mir dienten Fotos auch als Vorlage für Druckgrafiken", erzählt Gaisbacher, die in der Dreidimensionalität verschiedenste Techniken und den Umgang mit unterschiedlichsten Materialien erlernt hat. Bis sie dann das Gefühl bekam, in und mit ihrer Arbeit nicht weiterzukommen. In Dresden hatte sie die Chance, alle Werkstätten ausprobieren zu dürfen. Aus diesem Arbeitsprozess und bestärkt von ihrem Professor Honert vertiefte sie sich in die Fotografie und brachte sich Wissen und Techniken der Fotografie selbst bei: Beobachtung, Wahrnehmung und Inszenierung. Doch sie bleibt nicht nur im reinen fotografischen Abbilden, gesellschaftliche und soziale Komponenten fließen aktiv mit ein.

In einem ihrer jüngsten Auftragswerke (steirischer herbst 2017) nahm sie das partizipatorische Wohnprojekt „Eschensiedlung" in Deutschlandsberg (Weststeiermark) genauer unter die Lupe. Zwanzig Jahre lang wurde nach der architektonischen Idee von Eilfried Huth dort sozialer Wohnbau errichtet, bei dem den BewohnerInnen ein gewichtiges Mitspracherecht eingeräumt wurde. Zwischen 1972 und 1990 entstanden über 100 Wohneinheiten, in denen es den BewohnerInnen ermöglicht wurde, ihre individuellen Vorstellungen von einem Eigenheim umsetzen zu lassen. Gaisbacher sah sich in der Siedlung um, besuchte BewohnerInnen, sprach mit ihnen und hielt das Gesehene fotografisch fest. „Es war sehr faszinierend für mich zu sehen, wie stolz die Bewohner auf ihre Häuser sind." In einem anderen Siedlungsprojekt in der Grazer Terrassenhaussiedlung (Stadtteil St. Peter) ging die Künstlerin der Frage nach der Verwendung von Gemeinschaftsräumen nach. Dieses Projekt mündete in „Das Fest", das auf einer Gemeinschaftsterrasse veranstaltet und zu einem Miteinander unterschiedlichster Generationen, die in der über 1000-Menschen-Siedlung wohnen, wurde. Laut Gaisbacher blieb es den BetrachterInnen verborgen, ob es sich bei „Das Fest" um dokumentierten Alltag oder Inszenierung durch die Künstlerin handelte. „Die Grenzen von Projektion, Inszenierung und Alltag sind in ,Das Fest‘ fließend."

Ein ganz anderes Projekt verbirgt sich hinter dem Titel „Francis am Morgen". Hier sind Fotografien auf Acrylglas gedruckt, die übereinandergeschichtet eine sanfte Unruhe oder eine zarte Bewegung vermitteln. Der Titel spielt auf Francis Bacon und seine Arbeiten mit Fleisch oder Fett an und auf das Frau-Mann-Thema. Eine eigentlich weiche rosafarbene Daunendecke wird zu einer fleischigen Masse, zu einem Landschaftshaufen, in dem Francis eine Leerstelle ist. Gaisbacher geht in diesem Projekt auch der Frage nach: „Wie kann man ein bewegtes Bild fotografisch festhalten?"

Gaisbachers Fotos sind nicht restlos erklärend, sie bewegen sich im assoziativen Raum. Durch unterschiedliche Präsentationsformen möchte die Künstlerin die Wirkung der Fotos verstärken, daher auch die Idee mit den Acrylplatten. Ihr Bildhauereistudium ist ihr bei der Auswahl von Materialien, die von Dias bis zur Schwarz-Weiß-Fotografie reichen, dienlich.

Die Künstlerin war 2017 als Atelier-Auslandsstipendiatin in Belgrad und erforschte und dokumentierte das umstrittene Belgrader „Waterfront Project". Ausländischen Investoren aus Dubai wurde für ein mega-städtebauliches Architekturprojekt ein prominenter Stadtteil an der Save zur Verfügung gestellt. Dafür wurden und werden Gebäude abgerissen, darunter auch ein Bahnhof, und Menschen wurden zwangsumgesiedelt. Zwei Monate war Gaisbacher zu Fuß unterwegs gewesen, in denen sie den Stadtteil erforscht hatte. Zwei dominante neue Wolkenkratzertürme stehen bereits, und es gibt kaum einen Ort in der Stadt, von dem aus diese beiden Gebäude nicht zu sehen sind. In der Wahrnehmung der Belgrader Bevölkerung ist aber vieles ausgeblendet. Gaisbacher geht es in vielerlei Hinsicht um die Sensibilisierung der Wahrnehmung: Sie war zufällig an dem Tag dabei, an dem auf dem Bahnhofsgelände ein Illegales Flüchtlingslager, das seit Jahren dort geduldet wurde und in dem 1300 Männer wohnten, binnen weniger Stunden von den Behörden zwangsgeräumt wurde. Sie hielt den Abriss der Baracken in Bildern fest. Die finale Fotoserie davon kommt ganz ohne Menschen aus - Gaisbacher möchte damit dem medialen, voyeuristischen Interesse etwas entgegenstellen.

Was tut sich weiter im Leben der Künstlerin?

Gaisbacher betreibt gemeinsam mit der Künstlerin Catharina Bond ein Gastatelier in der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs in Wien. Sie möchte ihr Eilfried-Huth-Projekt weiterverfolgen und plant, sich für ein weiteres Atelier-Auslandsstipendium des Landes Steiermark zu bewerben. Diesmal für Sarajevo.

Externe Verknüpfung http://www.juliagaisbacher.com/

Oktober 2017
Petra Sieder-Grabner

Acaciapark © Julia Gaisbacher
Acaciapark
© Julia Gaisbacher
Das Fest © Julia Gaisbacher
Das Fest
© Julia Gaisbacher
Gleis 1 © Julia Gaisbacher
Gleis 1
© Julia Gaisbacher
Liebling © Julia Gaisbacher
Liebling
© Julia Gaisbacher
O.T. © Julia Gaisbacher
O.T.
© Julia Gaisbacher
Public Exercise © Julia Gaisbacher
Public Exercise
© Julia Gaisbacher
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