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Praktische Arbeit mit hintergründiger Theorie

Der Künstler Leonhard Müllner erschließt künstlerisch Felder gesellschaftlicher und kultureller Phänomene und bepflanzt sie mit seinen ausgearbeiteten Gedanken und kreiert damit reellen und virtuellen Wirklichkeiten.

Leonhard Müllner  © Leonhard Müllner
Leonhard Müllner
© Leonhard Müllner

Sein künstlerischer Werdegang mutet beinahe klassisch an: Geboren in Graz begann Müllner in jungen Jahren mit dem Zeichnen, besuchte die Ortweinschule mit dem Schwerpunkt Graphik und Design und hantelte sich vom statischen Bild (Fotografie) zum bewegten Bild (Film und Video).

In Linz schloss er sein Studium der bildenden Kunst - Experimentelles Design - erfolgreich ab, in Wien studiert er Medien- und Videokunst und ist gerade mitten in seiner Doktorarbeit für Kulturwissenschaften mit dem neugierig machenden Titel „Fahnenflucht aus dem digitalen Kriegsgebiet". Müllner ist ein Film-, Medien-, Installations- und Performance-Künstler, der sich mit seiner Abschlussarbeit in das Gebiet der theoretischen wissenschaftlichen Forschung und Recherche begibt und Ergebnisse daraus praktisch und damit künstlerisch umsetzt. „Ich realisiere eine praktische Arbeit, um die ich herumtheoretisiere", sagt Müllner. In seiner Doktorarbeit (wie auch in manchen seiner künstlerischen Projekte) geht es um Digital-Kultur und Computerspielforschung (Game Studies). Er produzierte gemeinsam mit Robin Klengel den Film „Operation Jane Walk", in dem das Setting eines Online-Shooter-Spiels modifiziert und in friedlicher Art und Weise umgedeutet wird. Zum Titel: „Jane Walk" sind lokale und spezielle geführte Spaziergänge von Bewohnern durch das eigene Grätzel, im Gedenken an die kanadisch-amerikanische Architektur- und Stadtkritikerin Jane Jacobs, die in den 60er-Jahren eine Bürgerbewegung initiierte und eine groß angelegte städtebauliche Flächensanierung des Stadtviertels Greenwich Village in New York verhindern konnte. Das Konzept stammte vom Stadtplaner Robert Moses, der zwischen den 1930er- und 1960er- Jahren das New Yorker Stadtbild radikal umformte und zum Teil auch sehr umstrittene großräumige städtebauliche Veränderungen durchsetzte. Er war unter anderem verantwortlich für den Bau zehn- bis achtzehngeschossiger Ziegelhochhäuser, für die zuvor ganze Stadtteile abgerissen worden waren, um die sogenannten Slums zu beseitigen. Er baute auch das dichte Stadtautobahnnetz in New York. Sein Werken und Wirken steht auch heute noch im Zentrum städteplanerischer Diskussionen.

Zum Inhalt des Films „Operation Jane Walk": Ein postapokalyptisches New York, schneebedeckt, Autos im Stillstand, menschenleer. Im Film der beiden jungen Künstler schlüpfen die Zuseher zwar in Avatar-Rollen bewaffneter Söldner, die durch dieses virtuell perfekt gestaltete New York streifen, aber eigentlich sind sie Touristen, die eine Stadtführung bekommen. Und dazu erzählen die beiden Regisseure aus dem Off individuelle Geschichten, historische Begebenheiten und besondere Vorfälle der Stadt. „Das ist die friedliche Umnutzung der digitalen Stadt", erzählt Müllner, der sich intensiv sowohl als Künstler als auch als Spieler mit Computerspielen und ihren virtuellen Welten beschäftigt. Er will Krieg künstlerisch verunmöglichen. Zumindest in Videospielen.

Die Absicht ist, die apparativen Strukturen von Computerspielen sichtbar zu machen, denn es ist für einen Spieler unmöglich, aus dem vom Computerspiel vorgegebenen Regel- und Erzählungssystem auszubrechen oder es zu umgehen. Grundlage all dieser Shooter-Computerspiele ist der Antagonismus: Gut gegen Böse. Müllner hebt hervor, dass sich die Technologien und die erzählerischen Hintergründe dieser Computerwelten ständig weiterentwickeln, es gebe auch schon „Antikriegsspiele", in denen es darum gehe, die Schattenseiten des Krieges als ZivilistIn zu erleben. „Man wird herausgefordert, moralische Entscheidungen zu treffen, von denen im Endeffekt aber keine wirklich eine gute ist."

Müllner arbeitet gerne in Kollektiven: „Im gemeinsamen Arbeiten werden meine Unvollständigkeiten durch andere vervollständigt", schmunzelt er. Und hier spürt man einen zweiten inhaltlichen Aspekt, sein Hauptwerkzeug seiner konzeptionellen Arbeit: feinsinniger Humor, der in seinen Projekten steckt. „Der Humor ist eine Rutsche, über die meine Arbeit rezipiert werden kann, außerhalb des hermetischen Rahmens der Kunst", beschreibt Müllner seinen Zugang.

2017 war Müllner als Atelier-Auslands-Stipendiat des Landes Steiermark für zwei Monate in Zagreb, und er schwärmt von dem offenen und freundlichen Klima in der Begegnung mit kroatischen Kunstschaffenden. Die Kunst sei dort deutlich stärker politisch motiviert als in Österreich, was einer weiteren künstlerischen Ausdrucksweise Müllners sehr entgegenkommt: der Konstruktion von Anti-Monumenten, die jeweils ein völliges Gegenstück zu jenen Monumenten bilden, die überfrachtet sind mit historischer, politischer und heldenhafter Bedeutung. Anti-Monumente sind eine Serie, die er gemeinsam mit Dirk Arthofer erarbeitet hat und ein augenzwinkerndes Erlebnis sind, wie z. B. der Duschkabinen-Springbrunnen.

Dazu passt auch folgende Performance: In Anlehnung an die zahlreichen Springbrunnen in Zagreb, die der korrupte Bürgermeister Milan Bandic zur Behübschung im gesamten Stadtraum erbauen ließ, stellte Müllner in der Innenstadt von Zagreb ein Babyplanschbecken inmitten eines Kreisverkehres auf und duschte sich mithilfe eines Gartenschlauchs ab: „Mister Fontain". Manchmal bekamen - mehr oder weniger absichtlich - auch die umfahrenden Autos Duschwasser ab. Müllner erinnert sich, dass die Reaktionen der Vorbeikommenden durchwegs positiv, akklamierend und ermunternd waren. „Ich wollte die Menschen mit Humor überzeugen - und das im öffentlichen Raum, weil daran kommt niemand vorbei", betont der Künstler.

In einem anderen Projekt befasste er sich mit dem starken Postkolonialismus, der vor allem von Österreich ausgeht. Zahlreiche Banken, Bürotürme und Supermärkte in Kroatiengehören  österreichischen Eigentümern -darunter auch die hoch verschuldete Hypo-Alpe-Adria-Bank: Auf den Sitz der Hypo-Alpe-Adria-Bank in Zagreb projizierte Müllner wieder mit Klengel im Kunst-Guerilla-Projekt „Hypology" mittels Outdoor-Beamer in riesengroßen Lettern Entschuldigungen in Deutsch, Kroatisch und Englisch auf die Gebäudefassade: „We deepley apologize ...". Denn von Seiten der Hypo blieben der Ost-Geschäfte-Skandal und die Megaverschuldung durch das Alltagsgeschäft bisher unentschuldigt. Und das stört Müllner, denn „mittels eines internationalen Netzwerks werden die Geschäfte gleich wie immer weitergemacht".

Er freut sich darüber, dass er als Künstler in Kroatien aufgrund der gesellschaftspolitischen Situation des Landes seinen Arbeiten einen politischen Inhalt geben konnte: „Ich wollte immer politisch arbeiten - ich bin ein Homo politicus, hatte aber nicht die richtigen Ideen dazu." In Zagreb organisierte er auch eine Ausstellung mit Werken von Susanna Flock, Robin Klengel, Thomas Kluckner, Sun Li Lian Obwegeser und dem Urbanisten Vladimir Tatomir.

Zu seinem Leben als Künstler hat er einen habituellen Zugang: Ein Leben mit einem geregelten Job und davon losgelösten Hobbys, die diesen wieder kompensieren, sei für ihn nicht vorstellbar. Darum hofft er, dass sein Leben bleibt wie es ist, gibt seinen Projekten weiterhin ein Quäntchen Humor und möchte auch in Zukunft das Publikum kognitiv und emotional berühren.

Petra Sieder-Grabner
September 2017

Fenstersprung © Norbert Artner
Fenstersprung
© Norbert Artner
Roundabout_Stil © Susanna Flock
Roundabout_Stil
© Susanna Flock
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