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Der schüchterne Frechdachs

Franz Weinzettl und seine Suche nach dem Glück zwischendurch

Franz Weinzettl © Werner Schandor
Franz Weinzettl
© Werner Schandor

Ein Blick auf die Liste seiner Literaturpreise macht klar: Franz Weinzettl ist ein bedeutender steirischer Schriftsteller. Franz-Kafka-Literaturpreis 1979, Landesliteraturpreis 1990, manuskripte-Preis 1997, Hermann-Lenz-Preis 2005, rotahorn-Preis 2015 ... Dennoch fällt sein Name nur selten auf den Kulturseiten der Tageszeitungen, sind Lesungen mit ihm rar, von Weinzettl‘schen Beiträgen zu den Aufregungen des täglichen öffentlichen Diskurses ganz zu schweigen. Kein Wunder, dass er in einem Radiofeature kürzlich als „einer der Stillen im Land" bezeichnet wurde.

Tatsächlich umgibt den 1955 in Feldbach geborenen Autor die Aura einer angenehm unzeitgemäßen Zurückhaltung, ja, Bescheidenheit. Seine Prosa-Bücher, dick genug, um anderswo als „Romane" vermarktet zu werden, nennt er stets „Erzählungen". Über ihre genretypisch lobpreisenden Klappentexte sagt er, leise: „Wenn nur die Hälfte stimmt von dem, was da steht, bin ich schon ... überglücklich ..." Und Artikel, die von ihm selbst handeln, lese er, wie er lächelnd berichtet, „oft erst nach Wochen, Monaten ..." Nachsatz: „Wenn überhaupt."

Andererseits ist er sich durchaus bewusst, dass zum Schriftsteller-Dasein, bei aller Bescheidenheit des Charakters, eine gehörige Portion Mut, ja, Unverschämtheit, gehört. „Ich hatte schon als Kind den Wunsch, gleichzeitig weltberühmt zu sein und keinem einzigen Menschen bekannt", erzählt er. Widersprüchlichkeiten wie diese ziehen sich durch sein Leben und Werk.

Unvermutet unverschämt etwa jene Aktion im Herbst 1974, als er, ein schüchterner 18-jähriger Germanistik-Student aus Gossendorf in der Oststeiermark, den damaligen Literatur-Popstar Peter Handke im Grazer Café Nordstern anspricht: „Ich bat, ich weiß nicht, woher ich die ,Frechheit´ nahm, um ein Autogramm", erzählt er, „hatte aber nur einen Zettel bei mir, auf den ich gerade erst ein Liebesgedicht geschrieben hatte. Kein Mensch hatte mich je SO gefragt, ob er das von mir Geschriebene lesen dürfe, und schon gar nie jemand etwas von mir so aufmerksam gelesen." ...

Der Rest ist (Literatur-)Geschichte: Handke empfiehlt den schüchternen Frechdachs bei Alfred Kolleritsch, dieser publiziert erste Texte von ihm in den manuskripten, und schon 1979 gibt Handke die Hälfte des mit dem Kafka-Literaturpreises verbundenen Geldbetrages an den erst 24-jährigen weiter.

Schon damals kennzeichnet Weinzettls Texte so etwas wie gewagte Zurückhaltung, widmen sie sich doch ausgerechnet dem Reiz dessen, was gemeinhin als reizlos gilt - des Alltäglichen, Unauffälligen, allzu leicht Übersehenen. Gerhard Melzer spricht von einer „Poetik kleiner Dinge" - kleiner, bodennaher Dinge, könnte man ergänzen. Gräser, Pilze, Schatten, aufgelassene Gleise und zuletzt, in der Erzählung „An der Erde Herz geschmiegt", Gräber sind es, die seine Sprach-Bilder nicht nur präzise beschreiben, sondern immer auch, auf spektakulär beiläufige Weise, mit den Brennpunkten des menschlichen Innen- und Zusammenlebens verbinden.

Wenn etwa die „Erinnerungen an das Pilzesuchen" in die unstillbare Traurigkeit münden, nicht „jener eine" gewesen zu sein, der mit dem Kind, das nichts fand, „geteilt hätte" ... Oder wenn es über den vierblättrigen Klee heißt, ihn „zu suchen, / statt das Gras zu sehen", sei: „der Irrtum der meisten" ... Oder wenn die Berührung einer Fingerkuppe von „IHR" fast ausreicht, um die „Durchsicht" ins „Innere" des Erzählers freizugeben - „wie bei einer vereisten Fensterscheibe" ...

Diese „Bilder", „Beobachtungen ganz kleiner Geschehnisse" seien es, die ihm in der Literatur, der eigenen und der anderer, mehr als jede actionreiche Story bedeuteten, erzählt Weinzettl - „das ist Gold für mich", sagt er, und: „Das versetzt einen in eine Stimmung, in der man einen frischen Blick kriegt - ah ..." Nicht umsonst lautet der Titel des ihm liebsten unter den eigenen Büchern: „Das Glück zwischendurch".

Dieses überhaupt wahrzunehmen, ist schon eine Kunst für sich. Um es aber durch seine dichterische Arbeit mit anderen teilen zu können, muss Weinzettl, wie er berichtet, immer wieder aufs Neue den Widerstand eines „radikalen inneren Kritikers" überwinden, „der mit seinen Bemerkungen (,Was hast du denn da hingeschrieben?´ ,Als ob das überhaupt jemanden interessieren würde.´ Usw.) ständig hineinpfuscht."

Zum Glück, vor allem dem seiner Leser!, verfügt Weinzettl jedoch über die entsprechende Unverfrorenheit, die Zwischenrufe dieses Angstmachers zu ignorieren. Und so geht ihm das Schreiben zwar nicht spielerisch von der Hand, aber doch spielend: „Das Wichtigste ist, dass man Lust am Spielen hat. Wenn die in mir ist, dann habe ich das überwunden."

Im Alltag kämpft Weinzettl mittlerweile freilich nicht nur gegen die eigene Angst, sondern steht, als Psychotherapeut in Graz und Weiz, auch anderen zur Seite. Zuhause erwarten ihn dann seine beiden Kinder, die er Abend für Abend mit möglichst handlungsreichen Gute-Nacht-Geschichten beglücken darf. Und „nebenbei, schleppend, ausweichend, verschiebend, aber dann doch" verfolgt er seine Arbeit als Schriftsteller, und zwar gleich „zwei, drei Sachen auf einmal."

Angesichts eines derart erfüllten Lebens wäre allzu große Bescheidenheit tatsächlich fehl am Platz.

Andreas Unterweger
Stand: Mai 2017

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