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Veranschaulichen und Vergegenwärtigen

Die aus dem Iran stammende und im oststeirischen Weiz lebende Künstlerin Marjan Habibian legt in ihren Bilder eine Sichtweise an den Tag, die einem gleichermaßen vertraut wie fremd ist.

Marjan Habibian © Franz Sattler
Marjan Habibian
© Franz Sattler

Wenn es geschieht, dass einem beim Betrachten von Bildern, der Blick sofort verlockt und die Wahrnehmung neu in Stand gesetzt wird, dass man, wie selbstverständlich mit „anderen" Augen sieht, dann hat man es mit echter Malerei zu tun. Denn augenblicklich ist man an den malerischen Atem dieser Bilder gebunden.

Marjan Habibian, in Teheran geboren und dort auf der Kunsthochschule ausgebildet, hat sich eine malerische Freiheit erworben, ein vielgestaltiges Vermögen, das wie zugeflogen scheint und in ihren Bildern alle Farbwerte so leicht, elementar und frei verfügbar macht, dass dabei alle Farbmaterie in Klänge und emotionelle Biotope verwandelt und selbst Dunkelheit immer als Sinnform nachvollziehbar wird.

In der Malerei wird ja viel über Gefühle bloß geredet, in Marjan Habibians Bildern werden sie aber tatsächlich bildnerisch verarbeitet. Auf diese Weise können auch energische Prozesse, dynamische Eingriffe und expressive Skrupellosigkeiten in ein Ganzes eingegliedert werden, ohne ihre Charakteristik einzubüßen, weil sie in eine Struktur eingewoben werden, die aus dem Arbeitsprozess selbst erwächst und durch Abwägen und Ausgleichen, durch Abbremsen und Anfeuern sich als Ganzheit in Schwebe halten.

Dieses Abstrahere, also Abziehen, Reduzieren und Verdichten der anschaulichen Wirklichkeit, in dem menschliche Silhouetten, Gesichter und Dinge die gestisch erzeugte, farbliche Grundstimmung strukturieren, sie wie traumhaft im Farbmilieu aufsteigen lassen, mal eingegrenzt als Kontur und bespielt mit Sinnesorganen, mal eine Binnenformen bildend, zur näheren Bestimmung, mal ausufernd über die einfangende Linie, was den Verwandlungsvorgang einsichtig macht, ohne ihn zerlegbar zu machen, dieses Abstrahere also, das ein Notwendiges zeigt und ein assoziatives Weiterspinnen begünstigt, ermöglicht ein freies Zwiegespräch, das einem nachdrücklich erhalten bleibt. In den Bildern von Marjan Habibian entsteht dadurch ein Wahrnehmungsfluss, innerhalb dessen Verdichtungen vorgenommen werden, in dem Realien auftauchen, die aber nicht im allgemein symbolisch Sprachlichen aufgelöst werden können, sondern vage unerlöste Erinnerungswirbel und Gedankeninseln im allgemein Malerischen bilden. Natürlich haben sie persönliche, bedeutungsvolle Ursprünge, bleiben aber außersprachlich mehrdeutig und begünstigen gerade dadurch beim Betrachter emotionelles Einleben und verstricken ihn so in ein verbindendes Wahrnehmen.

Abgefasst sind diese Bilder in einer malerischen Universalsprache, die man nicht spezifisch in Marjans Heimatland Iran lokalisieren kann, obwohl man merkt, dass die farbliche Gewürzmischung nicht aus den kühlen Landstrichen des Expressionismus stammt. Mit Habibians Bildern wird einem eine Sichtweise vor die Welt gelegt, die einem gleichermaßen vertraut wie fremd ist. Vertraut scheint alles, weil es eine Ganzheit bildet, weil alle Einzelheiten sinnvoll aufeinander bezogen und in einem lyrischen Rhythmus gehalten sind; und fremd, weil zwar nicht neu, aber erneuert und frisch, einem ein solches Ganzes ein unbestimmbares Gefühl für Schönheit und Sinn abverlangt.

Man gewinnt Anschauung und Einblick, ohne dass sich das Bild in der Bezeichnung erschöpft, vielmehr bildet sich auf diesen Bildern ein künstlerischer Anspruch, bewegt vom Anorganischen zum Vegetativen, von der Schliere zum Regen, von der Bewegung zur Ruhe, vom Weiß zur Farbe, hin zur Tastatur des Auges und letztlich zur Anschauung.
Marjan Habibians Bilder sind Vergegenwärtigungen von Menschen und Dingen, von Orten und Atmosphären, angesiedelt im Zwischenreich des Abstrakten und Konkreten, Metamorphosen von Körpern und Plätzen, von freier Bewegung und andeutender Benennung, die wiederum Raumfluchten erzeugen um farbige Inseln anzusiedeln. So locken sie uns in mehrdeutige, aber freundliche Labyrinthe. Und im Ganzen nehmen sie uns einfach gefangen.

Marjan Habibian, aufgewachsen in Teheran, lebt und arbeitet in Weiz.
Studium der Malerei an der Azad University of Arts and Architecture, Teheran
Ausstellungen im Iran, Oman und Österreich
Externe Verknüpfung http://www.marjanhabibian.com/ 

Erwin Michenthaler
Stand: September 2016

die stille spricht © Marjan Habibian
die stille spricht
© Marjan Habibian
Eíne Reise auf Wolken © Marjan Habibian
Eíne Reise auf Wolken
© Marjan Habibian
Der sanfte Regen  © Marjan Habibian
Der sanfte Regen
© Marjan Habibian
Geliebte, Geliebte © Marjan Habibian
Geliebte, Geliebte
© Marjan Habibian
Azizam dot com © Marjan Habibian
Azizam dot com
© Marjan Habibian
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