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Affinität zum Basteln

Do it yourself ist das zentrale Element in Arne Glöckners Schaffen. Es zieht sich als roter Faden vom Gitarrensound bis zum umgenähten Pullover durch seinen kreativen Kosmos.

Arne Glöckner  © Alexander Krischner
Arne Glöckner
© Alexander Krischner

Ob als Gitarrist der experimentellen Grazer Avant-Knüppelkapelle „Heifetz“, von Blackmetal inspirierter Liedermacher, Sänger und Wortführer beim Alltags-Kanalisierungsprojekt „Familie Geschrey“ oder grafischer Gestalter und Gründungsmitglied des Kollektivs um die Endzeit-Theaterserie „Nights Im Bunker“ – der ursprünglich aus Essen stammende Musiker und Trash-Künstler Arne Glöckner hat sich durch seine unnachgiebige Unverfälschtheit im Anti-Purismus seines Ausdrucks eindeutig als kreative Entität der hiesigen Subkulturszene „unter dem Radar“ etabliert. Collagenhafte, in sich gebrochene Stil-Variationen und auch Konfrontationen sowohl visueller und klanglicher als auch lyrischer Natur haben es dem multimedialen Tüftler dabei besonders angetan. „Ich hatte immer schon eine Affinität zum Basteln.“ Dass Glöckner mit wachsendem Output-Enthusiasmus inzwischen seine alte Kindersäge, Schere und den Klebstoff gegen Gitarre, diverse andere Klangerzeuger und GIMP (eine Bildbearbeitungs-Software, natürlich Open-Source – aus Prinzip und Pragmatismus) eingetauscht hat, erscheint an dieser Stelle schlüssig. Angesichts des allgemein vorherrschenden digitalen Überflusses gewinnt bei Glöckners Fabrikationstrieb seine Freude zur alten Bastelschule jedoch immer wieder die Überhand. Es sind diese Momente zumeist nächtlicher Arbeits-Trance-Zustände, welche sich dann in beispielsweise mühe- und liebevoll handgeritzten Kirigami-(Papierschnitt-)Arbeiten, besprühten Fliesen oder ent- und um-designten Kleidungsstücken manifestieren. DIY ist zentrales Element in Glöckners Schaffen und zieht sich durch seinen kreativen Kosmos wie ein roter Faden vom Gitarrensound bis zum umgenähten Pullover.

Jim Knut, Club Rosa und die ersten Gehversuche

„Dass ich mal in Graz sesshaft werden würde, hätte ich nie vermutet“, bekennt der frischgebackene Vater eines Sohnes. Glöckners ursprüngliche Haupt-Motivation zum Umzug in die steirische Landeshauptstadt war anno 2001 – neben der Liebe – ein Toningenieur-Studium an der TU Graz. „Ich hatte mir das damals idealisiert als gute Synthese aus Kunst und Technik bzw. als soliden Kompromiss dieser beiden Dinge vorgestellt. Anstatt den Klang von Porsche-Türen herzustellen, lagen meine Interessen aber immer tendenziell eher im künstlerischen Bereich“, wie beispielsweise dem Konzert-Mixing oder eben der eigenen musikalischen Arbeit im gemeinsam gebauten SisiTop-Studio: einer Musikwerkstätte, welche Mitglieder der Grazer Bands Heifetz, Hella Comet, Familie Geschrey, Waikiki Star Destroyer und andere in einem freundschaftlich kollegialen Arbeitskollektiv vereint. Glöckners musikalische Sozialisierung geschah in einem ähnlich kreativen Umfeld mit dazugehörigem Ortsbezug. Was heute für Glöckners Projekte das SisiTop-Studio darstellt, war früher in der Heimatstadt Essen der Proberaum im Keller des Elternhauses von einem guten Freund, aufgrund der geschmacklosen Wandfarbe und Beleuchtung liebevoll „Club Rosa“ genannt. Nach seiner in Kindheitsjahren an der Geige vollzogenen musikalischen Frühbildung, zog es ihn als Teenager schnell in Richtung Gitarre. „Damit konnte ich die Musik, die mir damals gefiel, deutlich besser nachspielen“. In besagtem rosa Keller vollzog Glöckner mit seinem Gitarrenlehrer Patrick Beyer – eine für den damals jungen Glöckner wichtige Bezugsperson und signifikante Quelle für neue Musik (damals noch ohne Internet!) – und weiteren Freunden seine ersten Gehversuche im Bandkontext mit der Formation Jim Knut. Verarbeitet wurde hierbei alles, was gefiel, von diversen Rock- und Metal- Einflüssen bis zu Freejazz, Mr. Bungle und John Zorn. „Das war definitiv eine wichtige und schöne Zeit“, resümiert Glöckner.

Stilbrüchigkeiten und eine Aversion gegen Kitsch

Auch sein Interesse an visuellen, speziell grafischen Inhalten, entwickelte der Künstler über den Umweg der Musik, nämlich hauptsächlich bei der Beschäftigung mit den Artworks von Tonträgern. „Mich faszinierte dabei die oftmals gelungene und ansprechende Fusion aus musikalischen und visuellen Inhalten.“ Gerade die Collagen- und Bastelhaftigkeit sowie der Detailreichtum vieler Produktionen im Kontext der Xerox-Ästhetik des Punk und Hardcore der späten Achtziger- und frühen Neunziger-Jahre, beispielsweise von Winston Smith (Gestalter zahlreicher Artworks der Dead Kennedys, Butthole Surfers, NoMeansNo etc.), haben es ihm angetan und lassen sich als wiederkehrende Stilmittel, Zitate und Methoden in zahlreichen seiner Arbeiten erkennen. Auch zählen inzwischen diverse Comics und Graphic Novels mehr und mehr zur seinen präferierten Inspirationsquellen – „aber nicht unbedingt die Superheldenstories.“ Wie auch in anderen Bereichen birgt hier eher das Dunkle, Abstruse und Brüchige für Glöckner die meiste Faszination, „weil ich die Welt als abstrus und in sich gebrochen empfinde. Außerdem erhöht sich bei mir mit der emotionalen Leichtigkeit die Gefahr, in Kitsch zu verfallen, welcher die wirkliche Schönheit verdeckt. Und wenn etwas wirklich schön ist, finde ich es sehr schade, wenn man es verkitscht.“

Geschrey, Gefetze, Alltagsprobleme und Überforderung

Dinge, die passieren, „wenn man sich hier einfach nur auf der Straße umguckt; das, was alles schieflaufen kann, und wo man hofft, dass so die Welt nicht im Ganzen funktioniert“ sowie der Alltag und die damit einhergehenden Komplikationen sind weitere Themen, die Glöckner mit der Formation Familie Geschrey äußerst klang- und bildgewaltig inszeniert. Hier zeichnet er für jegliche textlichen und musikalischen Inhalte hauptverantwortlich.
Dem Zelebrieren einer Brutalo-Koketterie mit dem Konzept der Ersten Welt, Informations- und Nahrungsübersättigung, medialem Terror, einer zeitgenössischen Bilderflut oftmals minderwertiger Qualität sowie generell einfach der Überforderung zollt Glöckner, seit etwa 2004, beim Duo Heifetz Tribut – quasi die in Gitarrenmusik verwurzelte personifizierte Bandwerdung oben genannter Stilbrüchigkeit und „ein klarer Fixpunkt und wichtige Plattform für und in der eigenen Entwicklung. Trotz aller Pausen immer stabil!“ Dass nicht der Wunsch nach kommerziellem Durchbruch zum Mainstream den Mittelpunkt von Glöckners Schaffen darstellt, ist selbstredend. „Was der Betrachter oder Hörer rauszieht, liegt letztendlich nicht mehr in meiner Hand, aber wenn‘s ein paar Leute erreicht oder überfordert, stimmt mich das schon glücklich“, erklärt Glöckner. Wichtig seien für ihn der emotionale Ausdruck und der kollektivistische Aspekt des Miteinandermusizierens oder Gestaltens, sprich das soziale und zwischenmenschliche Element. Neben aktuellen Beschäftigungen, wie unter anderem die Betreuung der Haustechnik im Forum Stadtpark, das dritte Album von Familie Geschrey, zahlreichen anstehenden Veröffentlichungen mit Heifetz sowie Performance und Poster-Design bei bzw. für die Veranstaltungsreihe „Nights im Bunker“ im Forum Stadtpark, genießt Arne Glöckner die Freuden seiner Vaterschaft und spielt gelegentlich „Metal Gear Solid 2“.

Patrick Wurzwallner
Stand: März 2016

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