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Der Keramikkünstler als Knochenarbeiter

Konzeptionelle Tiefe und gewitzter Umgang mit dem Werkstoff Ton zeichnen die künstlerischen Arbeiten von Daniel Wetzelberger aus.

Daniel Wetzelberger  © Miriam Raneburger
Daniel Wetzelberger
© Miriam Raneburger

Wurde ein keltisches Gräberfeld ausgehoben? Oder ein mittelalterliches Gebeinhaus entrümpelt? - Diese Fragen stellt man sich unweigerlich, wenn man vor Daniel Wetzelbergers Werk „Knochenarbeit" steht, einer 4 mal 5,5 Meter großen Fläche im Raum, die dicht mit Knochen ausgelegt zu sein scheint, sich bei genauerer Betrachtung jedoch nur aus knochenähnlichen Keramikteilen zusammensetzt. Der Künstler hat sie 2012 für seine Masterarbeit an der Kunstuniversität Linz geschaffen. Im theoretischen Teil dieser Masterarbeit beschäftigte sich Wetzelberger mit Simulacren, d. h. Dingen, die einander ähnlich sind bzw. aneinander erinnern, aber eigentlich einem Konzept produktiver Fantasie entspringen. So wie jene aus Ton geformte „Knochen", die zwar ausschauen wie Knochen, aber keine sind. „In ‚Knochenarbeit` geht es um den Aspekt der assoziativen Dringlichkeit und - davon ausgehend - um die Frage, wie Vorbild und Abbild, Realität und Imagination in unserer Wahrnehmung oft miteinander verschmelzen", beschreibt Wetzelberger sein Werk, das als eine der besten Masterarbeiten 2012 an der Kunstuniversität Linz ausgestellt war, und für die er 2015 den Anerkennungspreis im Rahmen der Salzburger Keramikpreise erhalten hat.

Künstlerischer Freiraum Keramik
Daniel Wetzelbergers Weg zur Kunst führte über die Ortweinschule in Graz. Der 1981 in Bad Radkersburg geborene Künstler hat in allen Abteilungen dieser Schule geschnuppert, bevor er sich für die Keramikabteilung entschieden hat. Ursprünglich, so sagt er, hätte ihn Zeichnen und Grafik mehr interessiert, aber er hatte die Keramikklasse von Irmgard Schaumberger in künstlerischer Hinsicht als freier und offener empfunden. Nach dem Abschluss der Meisterschule inskribierte Wetzelberger an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz das Masterstudium der plastischen Konzeption/Keramik. Hier lernte er, die Formen klassischer Keramik - vom Häferl bis zur Vase - aufzubrechen und hinter sich zu lassen, wozu ihn auch sein Lehrer, der Bildhauer Frank Louis, ermunterte. Wetzelberger begann, für seine Arbeiten andere Materialien und Methoden zu verwenden, und plötzlich entdeckte er in der Keramik den gesuchten Freiraum für Experimente und für Konzeptkunst, die sich Richtung Bildhauerei bewegt. „Ich will bewusst keine Arbeite kreieren, die an und für sich nett sind", sagt der Künstler. Die Arbeitsprozesse seien langwierig und jede Entscheidung werde bewusst getroffen.

Gewitzte Arbeiten
Wetzelbergers Projekte bewegen sich im Spannungsfeld von Konzeptkunst und aktueller Gegenwartskunst. Seine Werke erheben nicht nur einen ästhetischen Anspruch, sondern sind auch in ihrer Funktion hinterfragbar und entwickeln ein assoziationsreiches Spiel mit Bedeutungen. Beispiel: die Arbeit „Karriereleiter". Ihre Seitenteile sind gewöhnlichen Holzstandleiter entnommen, aber ihre Sprossen bestehen aus ungebranntem Ton. Dadurch wird ein Vorankommen, entgegen der eigentlichen Bedeutung einer Karriereleiter, unmöglich gemacht. Das Material Ton wird auf gewitzte Weise zum Stolperstein auf ebendieser Leiter.

Sein bevorzugtes Material in all seinen Dimensionen auszuloten - auch darum geht es Wetzelberger in seinen Arbeiten. Etwa in seiner Abschlusspräsentation „Tonverstärker", die er 2014 als Artist in Residence im Atelier im Schwimmbad der Kulturinitiative Kürbis Wies zeigte: Die bis zu menschengroßen kegelförmigen Lehmobjekte stattete er mit Tonabnehmern aus, um die akustischen Eigenschaften seines bevorzugten Werkstoffes unter die Lupe zu nehmen. Die Besucher durften die Tonobjekte anfassen, in den Lehmkegeln bohren und die Werke verformen. Die bei diesen „Tonmodulationen" entstandenen Geräusche wurden elektronisch verstärkt in den Ausstellungsraum übertragen. Die Doppeldeutigkeit wirkt auf der begrifflichen Ebene.

2015/16 kann Wetzelberger dank eines Kunstraum-Stipendiums des Landes Steiermark seine Projekte in seinem Atelier in Deutsch Goritz der Nähe von Bad Radkersburg verwirklichen. Zum Ausgleich zu seinen plastischen Arbeiten beschäftigt sich der Keramikkünstler immer wieder mit der Grafik, wobei es ihm hier ebenfalls das Prinzip des Simulacrums angetan hat. In seiner Arbeit „Rorschach" etwa hat er 300 Bilder der Tintenkleckse, die in der Psychologie zu Assoziationszwecken eingesetzt werden, wie Schmetterlinge mit Stecknadeln aufgespießt und in Rahmenkästen verstaut. Wetzelberger nennt sie ironisch seine „Neurosensammlung".

Petra Sieder-Grabner/Werner Schandor
Stand: November 2015

 

Rorschach © Daniel Wetzelberger
Rorschach
© Daniel Wetzelberger
Rorschach (Detail) © Daniel Wetzelberger
Rorschach (Detail)
© Daniel Wetzelberger
Knochenarbeit © Daniel Wetzelberger
Knochenarbeit
© Daniel Wetzelberger
Strange Tools © Daniel Wetzelberger
Strange Tools
© Daniel Wetzelberger
Work In Progress © Daniel Wetzelberger
Work In Progress
© Daniel Wetzelberger