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Der Textarbeiter als literarischer Anarchist

Der Autor Werner Schandor verfügt über eine eigenwillige literarische Stimme, die die Wirklichkeit von ihren tönernen Füßen gerne auf den mit absurd-skurrilen Inhalten gefüllten Kopf stellt.

Werner Schandor © Werner Schandor
Werner Schandor
© Werner Schandor

„Schandor überlegte sich, wie es wäre, ein Buch zu überfallen."

Der 1967 in Fürstenfeld geborene und als Texter, Autor und Journalist in Graz lebende Werner Schandor ist ein Textarbeiter im besten Sinne - ein schreibender Alleskönner, der lektoriert, korrigiert, kritisiert, kuratiert und lehrt. Er betreibt die PR-Agentur „Textbox", ist Herausgeber des Feuilletonmagazins „schreibkraft" und lehrt an der FH Joanneum Storytelling und wissenschaftliches Schreiben - um sich dann wieder mit eigenwilliger Stimme und unverwechselbarem Stil als Autor zu erproben, der sich kopfüber in die Kolportage stürzt, um wenig später die Rolle als solider Erzähler einzunehmen.

Stets ist es die Sprache, die Arbeit mit und die Kritik an der Sprache, die im Mittelpunkt seines schreibenden Tuns steht - erst danach sind es Meinungen und Einstellungen. Schandors Ziel als Autor ist es nicht, Denken und Vorstellungen zu prägen, sondern neue Zugänge zu erschließen, Sehgewohnheiten zu ändern und - nicht zuletzt - zu unterhalten. Weiß er doch, dass gute Literatur keine Meinungen verkaufen, sondern Welt beschreiben und zur Diskussion stellen soll. Und das nicht verkrampft und verkopft, sondern mit Witz und Verve.

Der Autor Werner Schandor hat es sich nie leicht gemacht. Die Gesetze des Literaturmarktes geben vor, dass ein Autor am besten jährlich mit einem neuen Titel vertreten sein sollte. Werner Schandor wollte oder konnte sich aber nie der Logik des Literaturmarktes unterwerfen und hat sich für seinen eigenen Schreibrhythmus und sehr lange Veröffentlichungspausen entschieden und damit wohl bewusst in Kauf genommen, von der Landkarte des Literaturbetriebs zu verschwinden. Was sehr schade wäre. Denn Schandor verfügt nicht nur über eine eigenwillige literarische Stimme, sondern variiert die Wahl seiner literarischen Mittel überaus einfallsreich und vermeidet mit seinem einnehmenden Sinn für Komik, Absurdität und Ironie jede Art von Vorhersehbarkeit und Klischeehaftigkeit.

Aufklärung mit Augenzwinkern
Schandors Texte laufen nie Gefahr zu einer Philippika zu geraten - stets sind Aufklärung mit Augenzwinkern und Bewusstmachung mit Lächeln wesentliche Bestandteile seiner Literatur. Auf gekonnte Art oszillieren seine Texte im Spannungsfeld zwischen Wissen vermittelnder Literatur, wohldurchdachter Bedienungsanleitung für die gesellschaftliche Wirklichkeit und dem mitunter anarchisch anmutenden Spiel mit Sprache und Inhalt. Ein Bündel an Geschichten ersetzt sehr oft die eine „große" Geschichte, assoziative Bewusstseinsströme die klaren und geordneten Gedanken/-welten. Eine lineare Erzählstruktur oder die bloße Nacherzählbarkeit seiner Bücher sind Schandor weniger wichtig als eine Fülle von Ideen, Beobachtungen und Anregungen und deren geschickte Verknüpfung. Bei genauerer Lektüre erweist sich, wie detailliert und subtil Werner Schandor die Verknüpfung von öffentlicher und vermeintlich privater Sphäre erfasst, was für ein Glücksfall seine Literatur mitunter ist. Hat man als Leser doch das Gefühl, er weiß, dass man zuerst die richtigen Fragen stellen muss, um eventuell die richtigen Antworten zu erhalten.

Es gibt genug Autoren, die wenig oder nichts zu erzählen haben, das aber ununterbrochen tun. Werner Schandor hat etwas zu erzählen, und er tut es gekonnt, prägnant und unterhaltsam, mit aberwitzigen Erzählideen, absurden Geschichten und skurrilen Romanfiguren - und stets seinen Themen adäquat. Zudem versteht er es geschickt, seine Tonlagen zu ändern, die realistische Grundierung seiner Texte mit einem literarischen Anarchismus zu verknüpfen. Den Nachweis für diese Behauptungen liefern seine Bücher - neben den drei Romanen „Glücksfall" (1999), „Thomas Feigl will die Kunst des Liebens lernen" (2005) und „Mein kleines, lumpiges Leben" (2008) stehen da bisher in seinem Werkkatalog: der Gedichtband „Plastik. Masken. Kryptichon" (2001), die Prosasammlung „in flgranti" (2000), die Kurzgeschichtensammlung „Ruby lebt" (2011) und der literarische Comicband „Peter Sterner. Das Geheimnis seines Erfolges" (2002, gemeinsam mit Zeichner Roman Klug). Dieser schreibende Alleskönner fühlt sich in jedem Genre wohl und versucht sich an jedem literarischen Format. Schandor beherrscht sein Handwerk - und das vor allem, weil er die Sprache beherrscht: spielerisch, konkret, welthaltig, mit und ohne Zwischenton.

Realismus und Aberwitz
Viele der Geschichten von Schandor lesen sich so, als hätten sich Jaroslav Hasek, Charles Bukowski und Rolf Dieter Brinkmann an einen Schreibtisch gesetzt und beschlossen, gemeinsam einen zwischen Realismus und Aberwitz, Experiment und wüster, überbordender Phantasie changierenden Roman zu schreiben. Zu ernst nehmen darf man Schandors Helden nicht. Aber Spaß haben kann man mit ihnen und ihren Erfolgen und Niederlagen, vermeintlichen Eroberungen und abenteuerlichen Erfahrungen. Was Schandor sie da so, stets mit ironischem Blick und einer melancholisch-lakonischen Weltsicht beobachtend, erleben und erleiden lässt, legt nahe, dass diese Schilderungen durchaus auch realistische und autobiographische Essenzen beinhalten.

Zum Fremdschämen komisch, führt Schandor in seinen Büchern die hohe Kunst der provinziellen Verlotterung und des hedonistischen Verkommens vor. Der Erzählband „Ruby lebt" vereint ein Paar auf der heimtückischen Erfahrungssuche im Swingerclub, verhinderte Rockstars und ihre Erinnerungen an ein Konzert in der Chinakohlhalle und einen verschrobenen und tagebuchschreibenden UFO-Gläubigen. Schandor schreibt über die Liebe, den Alltag, die Musik und über Frauen und Männer und ihr (Zusammen-)Leben - schräg, witzig, klug, wüst und berührend. Ob es sich um den chaotischen Radiomoderator Ingobert und seinen Autor Ernst E. Witz in „Mein kleines, lumpiges Leben" oder um den für Unfälle und Kriminalfälle zuständigen Lokalredakteur der Zeitung anständiger Bürger (kurz ZaB) Franz Ignaz Gur in „Glücksfall" handelt oder ob sich das Geschehen um Thomas Feigl dreht, den ambitionierten Germanistikstudenten mit Beziehungsproblemen und amourösen Verstrickungen in „Thomas Feigl will die Kunst des Liebens lernen": Seine Figuren sind auf einem langen, ebenso mühsamen wie erheiternden Weg zu sich selbst. Und sie kommen schließlich alle an - wenn auch selten da, wo man es erwartet.

„Bauch einziehen, Luft anhalten und den Reißverschluss hochziehen."

Heimo Mürzl
Stand: November 2015