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Lost in Cybertrails

Martin Krusche hat als Buch- und Musikalienhändler gearbeitet, bevor er transmediale Kunst und Medienkunst zu seinen Hauptthemen machte. Seit mehreren Jahrzehnten vernetzt und produziert er. Sahra Foetschl stellte ihm viele Fragen zur Philosophie seiner Praxis und versuchte ihn zu überreden, seine Geschichten, Sammlungen und Skizzen auch bald einmal als käufliche Werke in Buch oder sonstiger Form anzubieten.

Martin Krusche © Martin Krusche
Martin Krusche
© Martin Krusche

Du bist Kurator, Redakteur und philosophierst gerne über Medien, noch was?
Ich bin Autor, im Kern Lyriker. Ich hab mir über die Jahre auch visuelle Codes erschlossen und mag konzeptuelle Arbeit. Mich interessieren aber in diesem Zusammenhang weder Markt noch Kulturbetrieb besonders, also sieht man draußen nicht so viel davon. Draußen sieht man mich eben in Rollen und mit Aufgaben, wie du sie erwähnst.

Externe Verknüpfung „Art under net conditions", Externe Verknüpfung „cybertrail" und Externe Verknüpfung „next code" ist eine Art Archiv, das von dir angelegt und über Jahre erweitert wurde.
Art Under Net Conditions wäre dabei das Genre, nicht zu verwechseln mit Net Art/Netzkunst. Ich wollte mich unterwegs nicht mehr auf Grenzen/Abgrenzungen der Genres einlassen, darum die Betonung von „Bedingungen der Vernetzung", also Vernetzung in jedem denkbaren Sinn.

Worum geht es bei dieser Arbeit? Bist du dabei ein Bibliothekar einer Medienbibliothek, der Arbeiten anderer Künstler dokumentiert, oder sind Teile dieses Langzeitprojektes inhaltlich von dir bestimmt?
Ich bin Erzähler. Seit jeher. Stell Dir das Werk wie eine lange Erzählung vor, die wuchert, aus den Geleisen fährt, sich entfaltet, wie es kommt. Es richtet sich nicht nach einem Plan, der auf ein entferntes Ziel gerichtet ist, sondern läuft über Fragen der Folgerichtigkeit. So kann ich aus dem Augenblick heraus Entscheidungen treffen, die - eine nach der anderen - durch die zwei Jahrzehnte führen. Da ich mich kaum um Publikum bemühe, erleben meist nur wenige Menschen, was man als „erste Situation eines Werkes" deuten könnte. Das ist ja überwiegend sehr flüchtig. Ich bin damit alleine, wahlweise mit einigen wenigen Menschen am Tun. Dann gibt's quer durchs Jahr einige Schritte nach außen/going public: Veranstaltungen, Ereignisse, solche Sachen. Das ist aber immer den „inneren Vorgängen" des Projektes nachgeordnet. Es hat keinen Selbstzweck.
Die laufende Dokumentation, hauptsächlich via Web, ist quasi ein Echo, das eine Spur weniger flüchtig bleibt, als das primär Entstandene. Diese Dokumentation verebbt vielfach noch innerhalb meiner Lebenszeit, wird darüber hinaus kaum Bestand habe, außer in elektronischen Fragmenten, die auf Servern herumgeistern.

Irgendjemand hat gesagt, dass dieses Projekt etwas mit Unendlichkeit zu tun hat. Stimmt das?
Naja, was auf 20 Jahre angelegt ist, nämlich der Cybertrail von „The Long Distance Howl", mag manchen wie eine Ewigkeit vorkommen. Das regelt sich alleine schon durch meine begrenzte Lebenszeit und dadurch, dass von meinem Werk nichts bleiben muss. Ich messe ihm über meine Anwesenheit in der Welt hinaus keine Bedeutung bei.

Du bist anscheinend jemand, dem in der Region Gleisdorf fad werden würde, wenn er als Kurator und Initiator kultureller Projekte nicht ordentlich zu tun hätte. Wie ist das Leben in Gleisdorf?
Es ist eine Kleinstadt mit hoher Lebensqualität. Ein sehr angenehmer Ort. Aber die Menschen und die Themen, an denen mir liegt, sind ja um die halbe Welt verstreut. Dieser Teil der Welt, also die Welt, von inspirierten Menschen belebt, das ist mein Ort, meine Stadt, was weiß ich. In Gleisdorf hab ich meine Wohnung. Hier hab ich auch ein paar sehr spannende Menschen zur Seite. Diese räumliche Nähe ist angenehm, weil wir uns leicht treffen können. Belgrad oder Prizren im Kosovo, da muss ich schon mehr Aufwand schaffen, um feine Leute real zu treffen.

Was tut ein Medienlabor in Gleisdorf so alles? Welche Leute kommen dorthin, und was tun die in diesem Labor?
Das ist alles nicht an Gleisdorf gebunden. Die neuen Technologien haben diese Situation im Verhältnis Zentrum/Provinz völlig aufgebrochen. Was wir anlassbezogen brauchen, haben wir oder holen wir uns. Beispiel: Unser heuriges Kunstsymposion haben wir in Belgrad begonnen, über Montenegros Bergwelt nach Gleisdorf zurückgeführt. Da waren wir mit einem alten LKW unterwegs, der zu einem mobilen Medienlabor aufgerüstet wurde. Eine laute Bestie, die maximal 80 Sachen fährt und bestenfalls im freien Fall noch etwas beschleunigen könnte.

Deine Interessen haben alle irgendwie mit Austausch und Vernetzung zu tun, wobei viele ländliche Regionen vorkommen, die da auf Symposien und anderen Veranstaltungen miteinander kommunizieren ...
Ab dem 19. Jahrhundert kann man gut sehen, was es vorher schon gab: Wie neue Zentren entstanden, indem sie ihre Peripherie zur Provinz machten. Es kam zu einem Wettkampf der Regionen gegen Provinzen um Standortvorteile.
Ist ziemlich komisch, dass Legionen von Funktionstragenden heute noch so denken und handeln. Sie zentralisieren, was das Zeug hält. Das kann man für sich natürlich leicht abschaffen. Längst ist die ganze Welt meine Provinz. Ein Beispiel für scheinbar unveränderliche Gefälle-Situationen, wo man sich nur abwenden kann, weil die ganze Branche es offenbar hinnimmt: Das Zentrum Graz konsumiert zwei Drittel des kleinen steirischen Kulturbudgets, die übrige Steiermark das Restchen des Budgets. In unserem Metier kann das nicht einmal diskutiert werden.
Mich beschäftigt seit Jahren, was jenseits solcher Denk- und Handlungsmuster alles möglich und machbar ist. Dabei mag ich die Kooperation und Auseinandersetzung mit den Leuten vom Balkan sehr, weil die in ihren Postkriegsgesellschaften nicht so larmoyant und bequem sind, wie viele meiner Leute hier in Österreich.

Was macht diese Kommunikation? Verändert die die Regionen? Wie war das früher ohne solche moderne Institutionen? Alles nur Stammtisch?
Heute haben wir in unseren Projekten mit dem aktuellen Arbeitsansatz zum Stichwort Konvergenz und in gemeinsamem Vorhaben von Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft sehr interessante Situationen, wo dann Fragen und Aufgaben teils mit künstlerischen, teils mit anderen Mitteln bearbeitet werden. Das hat zwangsläufig was Internationales, weil interessante Akteurinnen und Akteure nicht provinziell sind. Da kommt dann einer grade aus Shenzhen zurück, der andere von Nagoya, eine fliegt grade nach Texas, weil sie bei Tesla Motors einen Vortrag hält etc. etc.
Wenn ich gerade nicht reise, tun es die anderen in meiner Community. Irgendwer ist dauernd irgendwo, das fließt ja alles in unsere gemeinsamen Arbeitsschritte ein. Das zeigt schon auch Wirkungen, mit denen hier in der Provinz Veränderungen beginnen oder forciert werden. Der Unterschied zu alten Modi ist vor allem, dass ich da nimmer der Welt verkünden kann: ICH hab's gemacht, weil hier Kollektive wirken. Doch das machen wir primär für den eigenen Erfahrungs- und Erkenntnisgewinn. Wir leiten daraus keine Botschaften für die Welt ab. Es gibt keinerlei Heilsversprechen. Es geht einfach um die Arbeit an den Themen und um einige Aspekte künstlerischer Arbeit.

Was hat deine Leidenschaft für alte Autos (der Marke Puch) mit Kulturprojekten zu tun?
Ich hab ein großes Faible für Sozialgeschichte. Darin hab ich vor Jahren entdeckt, dass Mobilitätsgeschichte als eine Geschichte der individuellen Mobilität für mich enorm interessant ist. Das beginnt mit der Entwicklung des Fahrrades als „Niederrad" im 19. Jahrhundert und zeigt ab da Verknüpfungen in praktisch alle unsere Lebensbereiche.
Später bin ich draufgekommen, dass „Volkskultur in der technischen Welt" ein sehr spannendes Teilthema ist, das kurioserweise breit praktiziert wird, aber weder in den Kulturreferaten noch Feuilletons vorkommt. Inzwischen habe ich viele Jahre im Kontakt mit alten Meistern aus der Industrie zugebracht. Da fasziniert mich, wie die mit Wissen umgehen, vor allem aber mit Nichtwissen; sehr im Kontrast zu Gepflogenheiten eines ermüdeten Bildungsbürgertums, das sich aber eine Menge Definitionshoheit anmaßt, aber an der eigenen, teils selbstverschuldeten Marginalisierung verzweifelt. Über Mythos Puch, heuer zum zweiten Mal realisiert, krieg ich viele verschiedene Milieus in eine Geschichte, unter ein Dach. Leute, die sonst eher nicht zusammenfänden.

Nochmal zu „The Long Distance Howl": Es wirkt für mich wie ein Logbuch, also queerbeet eine Sammlung zu deinen Tätigkeiten und Interessen über Jahre, durch die man sich mehr oder weniger durchklicken kann. Ich kann dieses Werk aber nicht kaufen ...
Was Du im Web siehst, ist bloß das Echo der primären Ereignisse und Werke. Eben die Dokumentation, die einige Zeit der Orientierung nutzen soll, dann aber auch verschwinden wird. Beispiel: Wenn ich mit den Leuten von den „Kollektiven Aktionen" draußen auf der Strecke war, haben wir dort ja erlebt, was es ist, haben etwas gemacht, kommuniziert, das ist auch in die nächsten Schritte eingeflossen.

Ich finde, du solltest verkäufliche Werke aus deinen Thesenpapieren, Skizzen, Sammelsurien machen.
Finden ein paar andere Leute auch. Wir diskutieren derzeit so etwas. Bleibt abzuwarten, was daraus werden will. Wie erwähnt, ich hab Freude am einsamen Arbeiten in manchen Aspekten (m)einer Kunstpraxis, dann aber taugt mir auch die kollektive Kunstpraxis sehr. Das geht dann oft sehr eigenwillige Wege, auf denen nicht bloß zählt, was mir gerade einfällt.

Kollektive Kunstpraxis - das heißt, dass auch da hauptsächlich „Erzählungen" produziert werden? Oder was sind da die Resultate?
Beispiel Externe Verknüpfung „Fiat Lux": Da habe ich jetzt rund ein Jahr mit einem Unternehmer, einem Hardware- und einem Software-Fachmann plus zwei Industriedesignern gearbeitet. Die erste Ausbaustufe steht.
Nun komm Niki Passath aus Wien dazu. Medienkünstler. Schwarmtheorie etc. Steigt in den Prozess ein. Und der Franz Ablinger, technisches Chef-Orakel von monochrom, zieht mit. Parallel in Belgrad Selman Trtovac, exzellenter Zeichner und Maler, der im dortigen Militärhospital mit einem Neurologen experimentiert, weil der eine Maschine hat, mit der man im Kopf des Menschen sehr präzise bestimmte Regionen triggern kann. Was in diesem Prozess entsteht, sind Diskurse, Artefakte, Bilder, Videos, Essays. Das wächst wie blöd. Da müssen wir halt auch diese Komplexität bewältigen.
Da wird es sicher ein Buch geben. Und Videos. Und Konferenzen. Und Ausstellungen.

Mehr von und mit Martin Krusche
Externe Verknüpfung www.van.at
Externe Verknüpfung www.kunstost.at


Sahra G. Foetschl
Stand: November 2015