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Junger Mann mit Hut oder Selfie mit Thomas Pynchon

Thomas Antonic trägt gerne Hut und tummelt sich in (fast) allen Sparten der Kunst. Er wurde 1980 in Bruck an der Mur geboren, ist Germanist, Wissenschaftler und Herausgeber, Romanautor, Musiker und einiges mehr.

Thomas Antonic © Thomas Ringhofer
Thomas Antonic
© Thomas Ringhofer

Das Kind
Schreiben lernt er schon, bevor er in die Volksschule geht, und zwar nicht mit der Hand, sondern mit der Schreibmaschine seines Vaters. Bald beginnt er kleine Geschichten zu schreiben. Auch Bücher interessieren ihn früh: Nach eigener Aussage hat er „Oh wie schön ist Panama" von Janosch rund 50 Mal gelesen. Mit sechs oder sieben Jahren stellt er die ersten Mixed Tapes zusammen, Kassetten, auf denen er seine Lieblingslieder aufnimmt, die im Ö3-Hitpanorama gespielt werden. Er klimpert auf der elterlichen Bontempi-Orgel, „komponiert" erste Lieder und singt dazu. Als er bei einem Schulkollegen zuhause dessen Schlagzeug ausprobieren darf, weiß er: Das ist es. Mit zwölf bekommt er ein eigenes Schlagzeug und schreibt sich in die Musikschule ein; drei Jahre später kommt Klavierunterricht dazu.
Ins Gymnasium hingegen geht er nicht gerne: „Meine Schullaufbahn war katastrophal", sagt er heute. Was ihn interessiert, findet außerhalb des Klassenzimmers statt - und das ist vor allem die Musik.

Der Germanist und Wissenschaftler
Er verwirft die Idee, Jazz-Schlagzeug zu studieren, und entscheidet sich für deutsche Philologie. Daneben besucht er Vorlesungen in Musikwissenschaft und Philosophie. 2003 entdeckt er bei einer „manuskripte"-Lesung Wolfgang Bauer für sich, kauft die gesamte Werkausgabe von Bauer und schreibt seine Diplomarbeit über ihn. „Das war der Ausgangspunkt", sagt Thomas Antonic, „Autoren und Autorinnen, die gegen den Mainstream arbeiten, experimentell unterwegs sind. Ich dachte mir, über die lohnt es sich zu arbeiten, denn von den meisten Germanisten werden sie nicht wirklich beachtet."
Seine erste Veröffentlichung ist eine Mediografie über Wolfgang Bauer, die dokumentiert, was Bauer veröffentlicht hat und was über ihn geschrieben wurde. Zwei Bücher mit Texten aus dem Bauer-Nachlass folgen. Derzeit arbeitet Antonic an einer Bauer-Biografie; sie wird 2016 erscheinen.

Der Musiker
Mit 17 gründet er die erste Band: „Heumond aus Mitteleuropa" besteht von 1997 bis 2008 in unterschiedlichen Besetzungen, am Ende als Trio. Anfangs spielen sie Rockmusik mit deutschen Texten, die Antonic schreibt, später sind sie eher experimentell unterwegs. Als ihnen 2005 der Sänger abhanden kommt, übernimmt Antonic auch dessen Part. Ab dem Jahr 2000 veröffentlicht die Band einige CDs im Eigenverlag, das letzte Album kommt 2008 beim steirischen Label Pumpkin Records heraus und trägt den griffigen Titel: „Aus dem Sumpf kommt ein Monster mit einer Fischhaut ... und das ist Liebe."

Der Literat
Einige seiner Songtexte werden u. a. in der Anthologie der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte abgedruckt. Auch Prosatexte entstehen.
2002, während des Studiums, beginnt Antonic an einem umfangreichen Roman zu arbeiten, erhält dafür 2007 ein Literaturstipendium des Landes Steiermark. Ein Jahr später ist der Roman fertig. Antonic schickt ihn an einige Verlage, aber keiner will ihn veröffentlichen. „Jetzt bin ich froh, dass es so gekommen ist", sagt er, denn mittlerweile interessiert ihn lineares Erzählen nicht mehr.

Das österreichisch-finnische Künstlerkollektiv William S. Burroughs Hurts
2007 lernt Antonic in Finnland den bildenden Künstler Janne Ratia kennen. „Ein glücklicher Zufall", wie er meint, „denn als ich seine Bilder sah, dachte ich sofort, mit dem möchte ich unbedingt etwas machen".
Die Zusammenarbeit zweier kreativer Geister, die Konventionen meiden wie der Teufel das Weihwasser, nimmt ihren Anfang: Thomas Antonic schreibt einen Text und Janne Ratia malt Bilder dazu. Das Resultat: ein Roman, der bis heute in der Schublade liegt.
Dann beschließen die beiden, eine Band zu gründen. Ratia fliegt nach Wien und innerhalb von fünf Tagen entstehen im Zusammenwirken mit befreundeten Musikern 50 (!) kurze Songs, die niemals auf Sendern wie Ö3 gespielt werden. 2011 kommt unter dem Bandnamen „William S. Burroughs Hurts" die CD „Flat Cat Bonfire" im eigens gegründeten Label Absurdia Records heraus. 2012 folgt die Vinyl-LP „Four Guys Chopped Off Their Feet", 2013 die CD „Limits of Control".

2011 bekommt Thomas Antonic von seinem finnischen Freund - als Weihnachtsgeschenk - den Anfang einer Geschichte. Antonic nimmt den Faden auf, spinnt die Geschichte fort: Der Roman „Der Bär im Kaninchenfell" entsteht per E-Mail, im virtuellen Raum zwischen Tampere und Wien. Er ist ein Verwirrspiel rund um einen Rockstar und einen Journalisten, das die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert, aber auch sehr vergnüglich ist. „Wir wollten zeigen, wie wenig verlässlich Erzähler nicht nur in Romanen sind, sondern auch in den Medien, wo Journalisten manchmal etwas weitergeben, was gar nicht stimmt."
Im Mittelpunkt des zweiten Romans, Joe 9/11, steht wieder ein Künstler, diesmal ein Fotograf, und ein weiteres Mal wird das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität hinterfragt. „Wir versuchen, konventionelle Romanplots im Laufe der Geschichte zu zerstören. Es geht uns nicht darum, Geschichten zu schreiben, denn wir sind Gegner von Geschichten. Wir eignen uns die Waffen der Gegner an, um sie mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen", sagt Antonic und lacht.
Der letzte Roman dieser Trilogie, „Selfie mit Thomas Pynchon", hat einen Schriftsteller als Protagonisten; wann das Buch veröffentlicht wird, steht noch nicht fest.

„William S. Burroughs Hurts" ist nicht nur der Name der oben erwähnten Band, es ist auch der Name eines Künstlerkollektivs, das u. a. Filme macht und eine eigene Website hat. Hauptakteure sind - wie könnte es anders sein - Thomas Antonic und Janne Ratia. Man darf gespannt sein, was die beiden kreativen Querköpfe noch alles aushecken werden.

Links: Externe Verknüpfung www.wsb-hurts.com, Externe Verknüpfung http://editionatelier.at/thomas-antonic-und-janne-ratia.html

Barbara Belic
Stand: November 2015