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Eine kleine Lärmmusik

Noch immer ein Geheimtipp: Hidden By The Grapes und ihr zwischen Einfachheit und Vielschichtigkeit changierender Noiserock.

Hidden By The Grapes © www.hiddenbythegrapes.com
Hidden By The Grapes
© www.hiddenbythegrapes.com

Hidden By The Grapes sind zu dritt und das vielleicht beste Post Irgendwas-Trio Österreichs. Nirvana im Ohr, die Revolte im Kopf und die Experimentierfreude im Blut gründeten Bernhard Jammerbund, Richard Kahlbacher und Christian Steiner 2006 Hidden By The Grapes in St. Margarethen bei Knittelfeld. Juvenile Hingabe, eine ordentliche Portion Renitenz und die ungestüme Freude am Musikmachen bildeten den Nährboden für ihren von Beginn an gegen Konformismus, Seichtigkeit und jede Form musikalischer Gefälligkeit gerichteten Entwurf von Rockmusik. Neben dem Wechselspiel von Krach und Melodie geht es in der Musik des Noiserock-Trios immer auch um Verdichtung und Intensivierung. Die Songs von Hidden By The Grapes leben vom bekannten Spiel mit der Dynamik, von der irgendwann einmal neu und innovativ gewesenen Interaktion von Rock, Punk, Hardcore, Pop und Noise und vom stets spannenden Kampf zwischen laut und leise. 2009 veröffentlichte das Trio in Eigenproduktion sein Debütalbum „Noise-Operated Jazz", das nicht nur mit Krawallgitarren, wuchtigen Bässen und scheppernden Drums zu überzeugen vermochte, sondern zudem mit seinem hingebungsvoll-naiven Do-It-Yourself-Charme, der auch vor experimentellen Spielereien und facettenreichen Soundbasteleien nicht haltmachte.

Zwischen Appell und Appeal
Das steirische Noiserock-Trio tappte nie in die Gefallsuchtfalle und lief so auch nie Gefahr der einlullenden Freizeitgestaltung und gesellschaftlichen Ruhigstellung dienstbar zu sein. Im Gegenteil: Die Band produziert mit Haltung und Anspruch unverwechselbare, eigensinnige und wirkungsvolle Musik, die die nötige Relevanz besitzt, um als zwischen Appell und Appeal wechselnde konspirative (musikalische) Kommunikationsform ihre Wirkung zu entfalten. Mit viel Eigensinn und noch mehr Energie lassen Jammerbund, Kahlbacher und Steiner in ihrer kleinen Lärmmusik Feedback-Gitarren, Schreigesang und gegen den Strich gebürstete Melodien aufeinanderprallen und entwickeln daraus eine stimmige Mischung aus Dynamik, Wucht und roher Energie. Das musikalische Motto lautet unmissverständlich „Mit dem Kopf durch die Wand". Das hat in Zeiten, in denen Rockmusik mehr und mehr rein unterhaltenden und der Ablenkung dienenden Charakter annimmt und viel von ihrer einstigen Relevanz verloren hat, fast so etwas wie eine reinigende Wirkung. Die Dekonstruktion der üblichen, eingeschliffenen Hörgewohnheiten erfolgt jedoch höchst ausgeklügelt und durchdacht. Trotz aller formalen Offenheit zählt rhythmische und kompositorische Stringenz zu den Stärken einer Band, die sich mit Bass, Gitarre, Keyboard, Schlagzeug und Stimme ebenso krampflos wie begeisternd um musikalische Ausdrucksmöglichkeiten abseits von Rockklischees bemühen. Die jugendliche Wut ist einer kontrollierten Form von musikalischem Aufruhr gewichen, die kompromisslose Dringlichkeit sucht jedoch hierzulande weiterhin ihresgleichen. Was sich über die Jahre auch über die Landesgrenzen hinaus herumgesprochen hat - mehr als zweihundert Konzerte führten das steirische Trio nicht nur quer durch Europa, sondern auch zwei Mal in die USA. Nicht übel für eine Hobbyformation und Feierabendcombo, die sich mit ihrer Musik auf schon oft vermessenen Flecken des Planeten Rockmusik bewegt und doch ganz eigenständig und unverwechselbar klingt.

Witz und eindringliche Lärmkathedralen
Der Werkkatalog von Hidden By The Grapes weist mittlerweile drei Studioalben aus. Nach „Noise-Operated Jazz" wurde Wolfgang Pollanz mit seinem ambitionierten Label Pumpkin Records auf das Noiserock-Trio aufmerksam, und das zweite und dritte Album „If Radios Spoke With Their Hearts" (2012) bzw. „I´m Sorry Tschem" (2013) erschienen beim rührigen steirischen Plattenlabel. Der charakteristische Sound ist erhalten geblieben und beide Veröffentlichungen heben sich wohltuend lärmend vom Gros der musikalischen Neuerscheinungen ab. Als wollten sie den Geist von Sonic Youth, Fugazi, Wire oder Helmet nochmals herbeibeschwören, drehen Hidden By The Grapes die Verstärker bis zum Anschlag auf und brettern ordentlich über einem wuchtigen Beat dahin. Schreigesang trifft auf Distortion, geschickt platzierte Breaks wechseln mit lässigen Riffs, offene Songstrukturen treffen auf brutale Soundflächen, infernalischer Krach paart sich mit erhabenen Melodien und dichte Gitarrenklänge werden frei mäandernd zu eindringlichen Lärmkathedralen aufgetürmt. Die drei Musiker von Hidden By The Grapes machen Musik, die lässig klingt, viel Energie freisetzt und beweist, dass Lärm auch interessant sein und Spaß machen kann. Abseits ihrer Kernkompetenz Musik verfügen Hidden By The Grapes auch über eine ordentliche Portion Witz und lieben das Spiel mit der Sprache. Mit Songtiteln wie „Sean Penny Lane", „She Courtney Loves You" oder "Give Pierce Brosnan a Chance" zeigt das Noiserock-Trio einen unverkrampften und vergnüglichen Umgang mit popkulturellem Wissen. Ihre Musik sollte man trotzdem ernst nehmen. Hidden By The Grapes stellen Form und Ausdruck vor wohlklingendem Inhalt, die Klangästhetik diktiert die musikalischen Ergebnisse - und diese klingen spannend und interessant. Die Welt ist angehalten, diese Band bei vorhandenem Interesse möglichst rasch zu entdecken. Oder eben nicht.

Externe Verknüpfung www.hiddenbythegrapes.com

Heimo Mürzl
Stand: November 2015