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Birnbaumers Widerstand

„perspektive“-Mitherausgeber Helmut Schranz schreibt in „Birnall“ die Welt kurz und klein.

Helmut Schranz auf der Leipziger Buchmesse 2015 © Werner Schandor
Helmut Schranz auf der Leipziger Buchmesse 2015
© Werner Schandor

20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer. Der ganze Literaturbetrieb ist von profitgierigen Buchhändlern, bestsellergeilen Lesern und devoten Schriftstellern besetzt. Der ganze Literaturbetrieb? - Nein, eine kleine Gruppe Literaten leistet seit 1989 unermüdlich Widerstand im Namen der Avantgarde: „perspektive" ist ihr Name, eine zwei Mal jährlich erscheinende Zeitschrift ihr Medium und Helmut Schranz eines der Häupter des kämpferischen Zirkels, der schon mal, wenn es sein muss, mit gezückter (Spielzeug-)Pistole Diskussionspodien stürmt, um „die Avantgarde" vor dem Ausverkauf durch literaturkanonisierte Kompromissler zu schützen. So geschehen bei der legendären „Aktion Solitude" in der Nähe von Stuttgart im Feber 1999.
Helmut Schranz wurde 1963 geboren und wuchs in Kirchberg an der Raab auf. Er studierte an der Uni Graz Germanistik und ist seit 1988 Mitherausgeber der „perspektive". Auch Besuchern von Dichterlesungen in Graz und Wien mag Helmut Schranz bereits aufgefallen sein als einer jener Zuhörer, die aus dem Dunkel der letzten Besucherreihe besonders schön erscheinende Textpassagen, die am Lesetisch kredenzt werden, mit ätzenden Kommentaren versehen oder schlicht mit Lachanfällen vernichten, was auf unbescholtene Freunde der Belletristik mitunter irritierend wirkt. Wo sich Genussleser an einer eleganten Metapher erfreuen, sieht Schranz nur die hohle Phrase im verstaubten Versuch, die Welt mit so genannter „realistischer" Literatur nachzustellen.

Anfängliche Anleihen bei Konrad Bayer
Helmut Schranz selbst setzt in seinen Texten bei der Wiener Gruppe und den Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts an. Seine Arbeiten wurden hauptsächlich in der „perspektive" veröffentlicht, alle 10 Jahre erscheint ein Buch von Schranz: 1988 sein Abgesang aufs Erzählen, „Gute Nacht Geschichte", im Selbstverlag, 1998 die Ich-Vernichtung „Schöner fehlen" im kurzlebigen Verlag NN-fabrik, und im Frühsommer 2009 schließlich ist „Birnall. Es ist unter der Haut" bei Ritter erschienen. „Birnall" ist so etwas wie eine Reise durch den literarischen Kosmos von Schranz, denn der Prosaband versammelt - oder besser: sampelt - Texte aus über 20 Jahren. In drei Kapiteln wird hier der Weg deutlich, den der Autor seit Ende der 1980er-Jahre literarisch gegangen ist: von den anfänglichen Anleihen bei Konrad Bayer, wo lustvoll-absurd gängige Kausalitäten und die herrschende Logik auf den Kopf gestellt werden, hin zu den assoziativ aneinandergereihten Wort- und Satzketten, die jede „Metaphersik" (© Helmut Schranz) weit hinter sich lassen, die viele Deutungen offen lassen und manchmal auch jede Deutung verbieten. Zitat aus „Birnall": „Wie gehabt dem voraus (das du kommst von den andern) ein Gerede nachging oder Busse (der Liniendrangsaal) das goldene Fließ darunter die weiße Krone, ein Prickeln."

Singuläre Semantik
Hier tut sich, wie der „Buchkultur"-Rezensent Helmuth Schönauer schreibt, „ein seltener Kosmos auf, der manchmal knapp an der Oberfläche der Begriffe, dann wieder unter der Schutzschicht einer singulären Semantik seine Substanz herausschüttet." All jene, denen es in der Literatur um Handlung, Psychologie oder Unterhaltung geht, können getrost zum nächsten Kehlmann greifen. Bei Schranz steht die Weigerung im Vordergrund, in den allgemeinen Kanon einzustimmen, d. h. in die sprachliche Beliebigkeit, mit der wir uns die Realitäten gerne zurechtzimmern. Schranz schreibt die Welt kurz und klein und besetzt sie mit seinen Kopfgeburten namens Birnbaumer, Paolo und Lydia, deren Namen sich als einzige Konstanten durchs „Birnall" ziehen. Der Rest ist semantisches Granulat, das sich zu kryptischen Sätzen aufreiht, in denen dann und wann ein Sprachwitz aufleuchtet, zum Beispiel: „Sag mir wer du bist und ich sage dir was du sagst".
Wenn man der Intention des Autors gerecht werden will, kann man darin den literarischen Widerstand gegen ein Weltbild sehen, das ab 1989 den Kapitalismus mit seinen Segnungen des Marktes als allein glücklich machende Gesellschaftsform aufs Podest hob, während in der Literatur zeitgleich das so genannte „neue Erzählen" seinen Siegeszug antrat - bei gleichzeitiger Verbannung alles Experimentellen. Jetzt, in der viel beschworenen Krise, kehrt es wieder.

Werner Schandor
Stand: Juni 2009

*Update September 2015
Helmut Schranz starb am 6. September 2015 in Graz an den Folgen einer Krebserkrankung.
Er hatte 2013/14 das österreichische Staatsstipendium für Literatur erhalten; 2014 wurde sein Hörspiel „Kleiner Pelz StrichCode Suada" mit dem lime_lab-Preis des Festivals steirischer herbst ausgezeichnet. Helmut Schranz‘ letztes Buch, „BIRNaLL Suada. LyrikVulgoProsa", ist im Frühjahr 2015 im Ritter Verlag erschienen.