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EIN HÜNE HAT DEN BLUES

Seine Musik ist auf das Wesentliche reduziert. Er liebt John Lee Hooker und Dean Martin. Er sammelt Originalaufnahmen von Johnny Cash. Er heißt Christian Masser und kommt aus Graz.

Christian Masser © Christian Masser
Christian Masser
© Christian Masser
Die Bluesmusik gleicht einer Education sentimentale, die von einem einzigen Thema bestimmt wird: der Mensch wandert unaufhaltsam in Richtung Tod und hat mehr Probleme als Zeit. Diese Direktheit und Klarheit hat Christian Masser schon als Teenager fasziniert. Das Hören von Blues- und Countrymusik weckte in ihm sehr bald den Wunsch das Gitarrespielen zu erlernen und als er im Alter von 17 Jahren zusammen mit seiner Mutter ein Konzert von Johnny Cash in Wien besucht hatte, fand er Gefallen daran, wie hier in musikalischer Form einfache, aber immer auch existentielle Geschichten erzählt werden, und er wollte selbst auf die Bühne. Mit 19 Jahren begann Masser unter der kompetenten Anleitung seines Bruders, der klassische Gitarre studierte, mit den ersten Akkorden und erlernte daraufhin das Spiel der Bluesgitarre autodidaktisch. Ab 1992 tingelte der großgewachsene Musiker dann durch die Blues- und Countryclubs Österreichs - zuerst mit seinem Bruder und der Band Memphis Feel und später mit eigener Band, den Mysterious Bluesmen und immer öfter auch als Solokünstler. Ein nicht immer einfaches Unternehmen und mitunter hartes Pflaster, sind die Originalinterpreten doch echte Größen und die Songs echte Klassiker. Und nicht nur Gralshüter und Puristen, sondern sogar freundlich gestimmte Musikfreunde rümpfen bei Blues- und Country-Interpreten aus deutschsprachigen Ländern oft verächtlich die Nase und liefern auch gleich die Erklärung für ihr Missfallen mit: fremdes Songmaterial, zu oft gehört, zu oft interpretiert, zu weit weg von Entstehungszeit und Entstehungsort der Musik. Christian Masser begegnet diesen (Vor-)Urteilen ganz gelassen und unprätentiös: „Beim Singen werden sie zu meinen Liedern und ich zum Verwalter ewig gültiger Musik." Womit er wohl Recht hat, stellt er die Songs doch nicht nur einfach nach, sondern versucht ihnen mit steirischem Zungenschlag und eigenen Lebenserfahrungen neue Dimensionen hinzuzufügen.

Tonspur des Lebens
Nicht „neu" oder „alt", progressiv oder rückschrittlich sind die Kategorien, die bei der Bewertung und Einschätzung von traditioneller Blues- und Countrymusik zählen, sondern die Frage, ob die Musik eine Verbindung mit unseren tief verwurzelten Sehnsüchten und Ängsten eingehen kann. Der 1966 in Graz geborene Christian Masser weiß das, mehr noch, er kann das. Weil der sympathische Hüne hat ihn: den Blues, den ihn sein eigenes nicht immer „rund" und „geradeaus" verlaufendes Leben gelehrt hat. So diente Masser das Musikmachen als spirituelle Rettung in bestimmten Lebensphasen. Die Blues- und Countrymusik hat ihm dabei geholfen durchzuhalten, weiterzumachen, zu sagen und tun, was er auf dem Herzen hatte, seine Träume zu bewahren und Gefühle unverstellt und offen zu zeigen. Ob es sich um Lebenskrisen, Beziehungsprobleme, ein abgebrochenes Studium oder prekäre Jobs im ÖKO-Service oder als Ikea-Regalbetreuer in frühen Morgenstunden handelte - die Musik bot nicht nur Rückhalt, sie schildert auch auf aufrichtige Art und Weise das Schlingern zwischen Annäherung und Entfremdung im Umgang mit dem eigenen Leben. Christian Massers Repertoire umfasst derzeit knapp einhundert Country- und mehr als fünfzig Blues-Songs - von Johnny Cashs „I Still Miss Someone" über Bruce Springsteens „Highway Patrolman" bis zu Tim Hardins „Reason To Believe", und er gibt seine Interpretationen seit mittlerweile mehr als zwanzig Jahren bei Konzerten in einschlägigen Clubs und auf bekannten Festivals zum Besten. Christian Massers Kunst, seine Neudeutung fremden Songmaterials, zeichnet vor allem eines aus: ein stoisches Beharren, ein Nicht-aus-dem-Weg-Gehen und eine Umwandlung von Unterdrückung und Leid in etwas Kämpferisches und Freudvolles.

Auf das Wesentliche reduziert
Eine Studienreise zu den Wurzeln der Blues- und Countrymusik, von Memphis über Nashville nach New Orleans, bestätigte Massers Meinung, dass Blues- und Countrymusik weniger mit bestimmten Orten oder Landschaften zu tun hat als mit Einstellungen und Haltungen, die auf ökonomischen, sozialen und emotionalen Rahmenbedingungen beruhen. So sind es keine explizit politischen Themen, die Blues- und Countrymusik verhandelt, und Masser spricht davon, dass Blues- und Countrymusik immer beim unverwechselbaren Individuum ansetzt und darüber nachdenkt, was es bedeutet, am Leben zu sein. Jeder Song reflektiert über das Leben - von Systemen, Ideologien oder Staaten ist in diesen Liedern nichts zu hören. Deshalb hatte Masser auch nie das Bedürfnis, einmal in den USA zu spielen: „Ich bin hier verwurzelt und agiere gern von meiner Heimatstadt aus. In Graz und in der Steiermark kann man genauso gut den Blues haben wie in Amerika." Diese Einstellung passt gut zu Massers musikalischer Maxime des „Weniger ist mehr". Laut Masser funktioniert Blues- und Countrymusik auf das Wesentliche reduziert am besten, da Reduktion den Songs den nötigen Raum lässt - Raum für große Gefühle und tiefe Emotionen.
Nach zwanzig Jahren Tingelns mit verschiedenen Live-Programmen reifte in Masser der Wunsch heran, seine Musik auch auf Tonträgern zu verewigen. Mittlerweile hat der sympathische Hüne zwei CDs veröffentlicht - „15 Country Songs" und „Cool Water" - und erweist sich darauf als glaubwürdiger musikalischer Sachwalter ewig-gültigen Liedguts. Die dezent-sparsamen Arrangements ergänzen sich stimmig mit Massers unprätentios-trockenem Vortrag in sonorer Stimmlage. Seinen musikalischen Alltag bestimmen aber auch in Zukunft die Live-Auftritte in den einschlägigen Clubs, Konzerthallen und Spelunken in Österreich, Slowenien und Süddeutschland, die - nicht ganz unsympathisch - mehr mit der Freude am Musizieren und einer bestimmten Lebenseinstellung zu tun haben, als mit Gedanken an schnöde Profitmaximierung.

Heimo Mürzl
Stand: Juni 2015