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Underground-Utopien und die Essentialität der Wiederholung

Der Grazer Musiker und Komponist Gottfried Krienzer alias Kauders gehört zu den wohl subtilsten Vertretern der hiesigen Musikszene.

Gottfried Krienzer (Kauders) © Gottfried Krienzer
Gottfried Krienzer (Kauders)
© Gottfried Krienzer

So wohlüberlegt, akribisch und charmant wie seine Musik gibt sich der frischgebackene Vater einer Tochter auch im Vieraugengespräch. Der Name Kauders ist eine Kreation, die aus privater Nostalgie und der Vorliebe für das Wort Kauderwelsch und seine Bedeutung entsprungen ist: unverbindlich und unbehaftet, unverständlich, aber möglicherweise trotzdem wohlklingend für jene, die mit Vokabular und Grammatik nicht vertraut sind. Eine potentielle Referenz auf die äußerst inspirierte Unverbindlichkeit, die sich wie ein roter Faden durch das musikalische Schaffen des Gottfried Krienzer zu ziehen scheint. Als wichtigsten Mitstreiter im stillen Kampf des kreativen Prozesses sieht der Künstler ein meist mehr oder weniger strenges, aber sehr konkretes zugrundeliegendes Konzept, dessen selbstreferentielle Wirkung auch maßstäblich zur Effizienz der Umsetzung beiträgt. „Als Solokünstler ist es natürlich gar nicht so einfach durchzuhalten. Der Grundgedanke rettet einen durch die ständigen Zweifel und tendenziell auch aus potentiellen Sackgassen, die man sich natürlich manchmal erst eingestehen muss - oft hilft die subjektiv starke Idee und sehr projektbezogenes Denken." Auf dem stabilen Fundament des Konzeptes treibt es Kauders durch den unendlichen Ozean des Potentials. Weg und Ziel sind einander nicht gewahr, daraus rührt das Experiment, das schließlich den Löwenanteil aus Krienzers Schaffen beschreibt.

Jugendlicher Tatendrang
„Musikalisch komisch geworden" ist der Musiker nach eigenen Angaben im Alter von etwa 12, 13 Jahren. Eine Zeit, in der man noch ohne nachzudenken eine Band gründet und dafür auch noch Gitarrenunterricht belegt. Aus dieser Entscheidung ergab sich die Bekanntschaft mit dem heutigen The Striggles-Bandkollegen Robert Lepenik - damals lokal tätig als Lehrer für Instrumentalunterricht -, der den jungen, suchenden Krienzer, etwa bis zum 18. Lebensjahr, an seinem Instrument begleitete und darüber hinaus mit „interessanter" Musik versorgte. Was für den dankbaren Schüler Krienzer damals essentiell war in einer prä-vernetzten Zeit, in welcher der Musikgeschmack oftmals zum wesentlichen Teil durch das vorherrschende Angebot bestimmt wurde. Nach diversen Schulbands (BG Rein) formierte Krienzer mit Markus Scworcik am Schlagzeug (heute bei Hella Comet) und Christoph Uhlmann an den Keyboards (heute Duo Adé) bereits Anklang, den Vorläufer des später von Kritikern vielgefeierten Quintetts Code Inconnu (2001-2011), in weiterer Folge noch ergänzt durch Andreas „Reas" Klöckl am Bass und Hannes Schauer, Gesang. Auf aus erster Unsicherheit begonnene akademische Anläufe in den Fächern Philosophie und Musikwissenschaft folgte nach einem Jahr der Umstieg auf das Studium der klassischen Gitarre bei Univ.-Prof. Heinz Irmler an der Kunstuniversität Graz. Den universitär praktizierten, im kreativen Kontext sehr abstrakten Formen des Lernens versuchte Krienzer als mündiger Student zu begegnen, was einerseits bedeutete, sich die Rosinen aus dem ansonsten eher trockenen Kuchen zu picken, und andererseits erforderte, eine konstruktive Antihaltung zu dem einzunehmen, was ihm vorgesetzt wurde. Hierzu merkt Krienzer an: „Ich kann da auch niemandem, besonders nicht Prof. Irmler, von dem ich viel gelernt habe, etwas vorwerfen. Ich habe ganz einfach (und eigentlich auch ganz bewusst) mit der klassischen Gitarre eine Studienrichtung gewählt, die etwas an meinem Kerninteresse vorbeiging." Mindestens ebenso stark geprägt wurde die Studienzeit von seiner musikalischen Sozialisation im Umfeld der Grazer Labels und Kunstkollektive Tonto und Chmafu Nocords (mit dazugehöriger Konzertreihe Sonntags-Abstrakt bzw. Mittwoch-Exakt, heute Interpenetration).

Repetitio est mater intellegendi
Beim Versuch seine Arbeitsweise zu beschreiben, fällt Krienzer spontan György Ligeti ein, dessen Autobiografie er vor Kurzem gelesen hat. Dessen Methode, Dinge von Grund auf akribisch neu zu denken, quasi jedes Mal eine neue Grammatik, ein neues System zu formulieren, ist auch bei Kauders oft Prämisse. Die eigene Wahrnehmung und Empfindung stets aufs Neue zu hinterfragen und umzudefinieren, gilt als die höchste Herausforderung, eine inhärente Neugierde auf das unprognostizierbare Ergebnis als fundamentaler Impuls. Eine mögliche Versinnbildlichung dieses Zugangs spiegelt sich in Krienzers aktueller Arbeit wieder: eine Komposition, die möglichst ohne Wiederholung auskommen, trotzdem aber einen gewissen Grad der Nachvollziehbarkeit gewährleisten soll - vergleichbar mit dem Versuch des Intuitiv-vor-sich-hin-Singens. Das Prinzip der Nicht-Wiederholung wird hierfür auf alle musikalischen Parameter ausgedehnt, sprich Rhythmik, Melodik und Klangfarbe. Idee für dieses Stück lieferte die intensive Hinterfragung der Tatsache, dass die Wiederholung als selbstverständliches Mittel zur Strukturbildung verstanden und verwendet wird. Die durch ihre Abwesenheit entstehende Komplexität veranschaulicht nach Ansicht des Künstlers beispielhaft die Effektivität der Repetition als musikalisches Grundelement und Fundament für das Verständnis des Hörers. Der Informationsvorsprung des Erschaffers vor dem unbedarften Hörer ist ausschlaggebend. „Der Hauptgrund dafür, dass einem Dinge nicht gefallen, hat meistens damit zu tun, dass man sie nicht versteht, deswegen funktioniert die Wiederholung so gut, sie gibt dem Hörer die Möglichkeit, Dinge beim ersten Mal zu checken. Es ist eine Herausforderung für mich, mit diesem Experiment Musik zu gestalten, die auch als solche verstanden wird, obwohl sie ohne Wiederholungen auskommt." Trotzdem, oder gerade deswegen, ist Kauders speziell bei diesem Projekt mehr denn je auf die Wahrnehmung des Hörers bedacht und betrachtet diese Arbeit als den Versuch, ebendiese adäquat zu reflektieren.

Emanzipation des Undergrounds als methodisches Gegenmodell
Gottfried Krienzer sieht sich als Teil eines Undergrounds in Form einer tatsächlichen Gegenbewegung, einer ideologischen Antithese zu systembestimmenden Prozessen und Abläufen in Markt und Industrie, distanziert sich dennoch bewusst von diesem Terminus. „Was sich als Underground bezeichnet, sollte sich methodisch grundlegend vom Mainstream unterscheiden und sich nicht, wie man häufig beobachten kann, als dessen kleines Geschwisterchen gerieren." Kauders sehnt sich, wie viele andere, nach einer Bewegung in der, unabhängig von Stilistik, die humanistische Komponente im Vordergrund steht. Die Art der Interaktion, des Verbindungen-Knüpfens sollte ethisch motiviert und nicht durch „Marktwert" getrübt sein, welcher selbst in diesen Maßstäben eine zur Größe indirekt proportional wichtige Rolle zu spielen scheint. „Das Schöne an Musik und generell Kunst ist, dass nicht nur die Werke und Ergebnisse Beispiele für Gegenmodelle liefern, sondern auch deren Entstehung." Als Motivation für sein Musikerdasein konstatiert Krienzer: „Es ist eine Möglichkeit, dem Leben möglichst kreativ und schadlos zu begegnen und bestenfalls einen gewissen Grad der Erfüllung zu erlangen - ein toller Weg zur privaten Sinnkonstruktion."

Unverpflichtet unermüdlich
Existenzgrundlage bildet für Krienzer das instrumentale Unterrichten an der Gitarre, in welchem er sich äußerst unprätentiös in den Dienst seiner Schüler stellt und die Suchenden unter ihnen, wie er selber einer war und geblieben ist, zu Eigenständigkeit ermutigt. Aktuelle Band-Projekte beinhalten die hervorragenden Avant-Rock Bands The Striggles (mit Robert Lepenik, Martin Plass und Slobodan Kajkut) und Automassage (mit Rok Vrbančič, Samo Ismajlovič und Slobodan Kajkut, der 2011 Markus Sworcik ersetzt hat), sowie das Improvisations- und Etüdenprojekt Duo Adé mit Langzeitkollegen Christoph Uhlmann.

Externe Verknüpfung http://kauders.mur.at/

Patrick Wurzwallner
Stand: April 2015