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Genie und Wahnsinn

Ratrock Tot Sint Jans alias Patrick Möstl und der Glaube an die Eigenständigkeit.

Patrick Möstl © Patrick Möstl
Patrick Möstl
© Patrick Möstl

„Leute, die Songs von Ratrock Tot Sint Jans gehört haben, haben so ein seltsames Lächeln im Gesicht." (Wolfgang Pollanz)

Aufs erste Hören ist die Musik auf den bisherigen drei Alben von Ratrock Tot Sint Jans schroff und seltsam. Für Formatradio-sozialisierte Hörer ist sie vermutlich gar eine Zumutung. Wer jedoch bereit ist, sich dieser Zumutung auszusetzen, dem öffnen sich faszinierende und unverwechselbare Hörerlebnisse. Patrick Möstl, so der bürgerliche Name dieses zwischen Genie und Wahnsinn irrlichternden Singer-Songwriters, fungiert mit seiner Musik als eigenbrötlerischer Verwalter bekannter musikalischer Sehnsüchte und Phantasien. Mit den Externe Verknüpfung Shady Lanes erfreute er vor einigen Jahren mit gefälligem Folk-Rock. Im musikalischen Gewand des skurril-verhuschten Singer-Songwriters macht er aber eine viel bessere Figur. Mit der so genannten Moderne hat er eher wenig bis gar nichts am Hut und bürokratisch auf Markttauglichkeit getestete Musik ist auch nicht sein Metier. Vielmehr vollzieht er mit viel Witz, noch mehr Haltung und ein wenig Selbstironie einen gelungenen Spagat zwischen Traditionalismus und verspieltem Irrsinn, der Album für Album frisch erblüht. Unterstützt von Freunden, Verbündeten und musikalischen Weggefährten wie Klaus Wohlgemuth, Marino Acapulco, Paul Pfleger, David Künstner, Thomas Prietl und Reinhard Schilcher entwarf Ratrock Tot Sint Jans einen musikalischen Bastard aus Weird Folk, Styrian Americana und Country Rock, der heiter-gelassen die verrücktesten Haken schlägt, sich beständig in bekannte, von Patrick Möstl aber hintergründig, verschroben und humorvoll aufbereitete musikalische Genrekleider hüllt, ohne dabei seine Identität aufzugeben.

Augenzwinkernde Rebellion
Musik und Aussehen von Ratrock Tot Sint Jans wirken wie aus der Zeit gefallen und stehen für musikalische Selbstbestimmung und den unerschütterlichen Glauben an die Eigenständigkeit. Das in Wies beheimatete Label Pumpkin Records ist die passende Vertriebsheimat für dieses zwischen verschrobener Hippie-Attitüde, ansteckender Fröhlichkeit und augenzwinkernder Rebellion changierende Werk. Auch wenn diese Musik schwer verkäuflich sein mag - sie hinterlässt Spuren und dient als wunderbarer Assoziationsnährboden für ein interessiertes Publikum. Die Musik von Ratrock Tot Sint Jans funktioniert - wenig überraschend - nicht über Hits; sie definiert sich über ganze Alben, in die man eintauchen kann wie in die Lektüre umfangreicher Bücher. Und wie für dicke Wälzer muss man sich auch für die Alben von Ratrock Tot Sint Jans Zeit nehmen. Belohnt wird man als Hörer mit Geschichten von einem Leben zwischen Aufbruch und Hoffnungslosigkeit, Alltag und Freiheit, Müdigkeit und lebensfroher Heiterkeit. Patrick Möstl erzählt diese Geschichten ohne falsches Pathos und mit der notwendigen Selbstironie und wird so zum glaubwürdigen musikalischen Verwalter allgegenwärtiger Sehnsüchte und Phantasien. Der schräge Country-Folkrock-Entwurf von Möstl ist melancholisch, hintergründig witzig, widerständig und manchmal überaus traurig, immer aber so vorgetragen, dass der tiefe und unverrückbare Wunsch nach Eigenständigkeit zu spüren ist. Vertrautes sucht und findet der Hörer auch - berückende Melodien, weit ausladende Spannungsbögen und traditionelle Klänge, die mitunter einfach gehalten werden, um die klassische Outlaw-Erzählstimme in den Vordergrund zu rücken. So schafft es Ratrock Tot Sint Jans beim Hörer Saiten in Resonanz zu versetzen, die nicht jede mehrheitstaugliche Allerweltsmusik in Schwingung bringen kann. Drei Alben umfasst das Werk von Ratrock Tot Sint Jans mittlerweile: „Silvester Möstl" (2012), „Tapes Of Interest" (2013) und „Mud" (2015) - drei Alben voll herrlich verrückter Songs, die mit viel Charme und Eigensinn ein ganz eigenständiges musikalisches Universum erstehen lassen.

Unverbrauchte Kunst
Immer wieder erstaunt die so einfache wie unverbrauchte Kunst, die aus der Fähigkeit entsteht, sich nicht um den gewöhnlichen, so genannten „gesunden Menschenverstand" zu kümmern, sondern sich dem Unverwechselbaren zu widmen. Auf der faulen Haut liegt Patrick Möstl eher selten: Drei Alben in dreieinhalb Jahren zeugen von Ideenreichtum und der Freude am Musikmachen. Und von der Lust, dem Musikbusiness der Gegenwart, in dem nichts schnell und oft genug verkauft werden kann, mit Individualität, (Irr)Witz und Haltung zu begegnen. So erschienen alle drei Alben ausschließlich auf Vinyl, überraschten einmal mit einer Lemon & Kiwi Side, dann wieder mit einer Bike & Car Side und verzichten bewusst auf markttaugliche Eingängigkeit. Und wenn sich ein Musiker in Anlehnung an einen niederländischen Maler des 15. Jahrhunderts (Geertgen tot Sint Jans) Ratrock Tot Sint Jans nennt, bedeutet das wohl zweierlei: die völlige Unabhängigkeit von kommerziellen Interessen und strategischen Geschäftsmodellen und der unerschütterliche Glauben an die künstlerische Autonomie.

Reinhören: Externe Verknüpfung http://ratrocktotsintjans.bandcamp.com/

Heimo Mürzl
Stand: März 2015