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Verfeinerung des Sensoriums

Nichts weniger als die Synthese von Kunst, Wissenschaft und Pädagogik trachtet der Universitätsprofessor, Dirigent und musikalische Allrounder Wolfgang Hattinger in seinem Denken und Wirken zu vollziehen.

Wolfgang Hattinger © Werner Schneider
Wolfgang Hattinger
© Werner Schneider

Wolfgang Hattingers Antwort auf die Frage, was diese drei Bereiche - Kunst, Wissenschaft und Pädagogik - miteinander gemein hätten, holt aus und nimmt den Fragenden mit auf eine Reise durch Emotionalität, Rationalität, Verstehen, Vermitteln, schwelgerischem Genießen, Lachen, Psyche, Kulturgeschichte, Spiritualität und endet dort, wo sie angefangen hat: beim Menschen und dem nicht zu entschlüsselnden Mysterium des Seins. Kunst beginnt da, wo der Handwerker sich wahrhaftig für das Leben interessiert, möglichst mit einem weiten, vorurteilslosen Blick. "Spezialistentum ist mir verdächtig, weil ich denke, dass neugierige Menschen immer in viele Richtungen denkend ausschwärmen."

So bewegte sich der 1962 in Bruck an der Mur geborene Wolfgang Hattinger auch in viele Richtungen. Nach dem Studium von Philosophie, Psychologie und Pädagogik, Komposition (Andrzej Dobrowolski und Hermann Markus Preßl) , Klarinette (Karl Steinwidder) und Dirigieren (Martin Turnovski und Milan Horvath) folgten zwei Magister- und seit 2012 auch ein Doktortitel. Er dirigierte für das niederösterreichische Externe Verknüpfung Tonkünstler-Orchester, das Externe Verknüpfung Klangforum Wien, das PPCM-Ensemble der Kunstuniversität Graz, Externe Verknüpfung das Orchester des Stadttheaters Klagenfurt , Externe Verknüpfung recreation Graz, Externe Verknüpfung die slowenische Philharmonie , das Externe Verknüpfung ensemble plus und Externe Verknüpfung die Vereinigten Bühnen Wien - Letzteres unter anderem in Zusammenarbeit mit Roman Polanski und Phillippe Arlaud.

1995 gründete Wolfgang Hattinger das Ensemble szene instrumental (www.szene-instrumental.com), ein Kammerensemble für heutige Musik, welches projektbezogen arbeitet. In den letzten 20 Jahren entstanden mit diesem Ensemble circa 80 Einspielungen und Rundfunkaufnahmen, u. a. für den ORF, RAI, HR, BR und rtvSLO.

Hattingers 2013 erschienenes Buch "Der Dirigent. Mythos, Macht, Merkwürdigkeiten" behandelt Fragen zur zeitgenössischen Kunstästhetik, zum Dirigierhandwerk und zur Interpretation. Das Buch schließt Lücken der Dirigierausbildung, indem es essentielle Themen des Dirigierens behandelt, welche im Unterricht chronisch zu kurz kommen - zum Beispiel der Umgang und das Konfliktmanagement mit hochspezialisierten Gruppen wie einem Orchester -, weiters aufführungspraktische Fragen im Umgang mit Partituren und Rollenverständnisse von Dirigentinnen und Dirigenten.

Pädagogik ist Kunstvermittlung
Neben dem Vermitteln von Inhalten ist es ihm noch wichtiger, Menschen mit der Essenz ihrer vorhandenen Qualität kurzzuschließen, also „das rauszuholen, was schon in ihnen steckt, aber nicht erkannt ist", ihnen zu helfen, persönlich zu werden. Die gesamte Pädagogik versteht Wolfgang Hattinger als Kunstvermittlungsprojekt. Insbesondere zeigt sich das an vielen Kunstprojekten mit Kindern und Schülern (Klangnetze, Konfrontationen), an Kunstprojekten an Schulen und moderierten Konzerten. Auch in die Arbeit mit Ensembles und Orchestern fließt diese Haltung ein.

Als ein derart typisches Unterfangen widmen sich aktuell die "Young People Concerts" (ein Projekt mit „recreation Großes Orchester Graz") der Vermittlung musikalischer Aspekte durch Publikumsteilnahme und Einbeziehung von Schülern (Mitmusizieren, Dirigieren usw.). Hier schließt sich ein Kreis: „Qualität, die in der Lage ist, auch andere zu erreichen, bekommt man von Musikern nicht, indem man anschafft, was sie tun sollen, sondern indem man ihnen Vertrauen und Verantwortung gibt, sich mittels ihrer eigenen Fähigkeiten in den Prozess einzubringen." Dazu bedarf es einer Horizont- und Wahrnehmungserweiterung, in welche es sich nach seiner Ansicht zu investieren lohnt. Dies gilt für Kindergartenkinder gleichermaßen wie für Profimusiker.

Kunst zur Sensibilisierung der Wahrnehmung
Andere Menschen wahrzunehmen bedingt eine Verfeinerung des eigenen Sensoriums - es lässt sich in anderen ja nur erkennen, was man in sich selbst sieht. "So wichtig Musik in meinem Leben ist, so ist sie doch auch nur ein Vehikel, welches die existentiellen Fragen der Menschen ausleuchtet, bricht oder spiegelt". D. h. Musik bleibt nie dem Selbstzweck überlassen, sondern wird zu einem Moment der Vertiefung, einer Art Passage zu den Menschen hin. Weil Musik ein reines und klares Format sein kann und - wenn sie gelingt - von grober Psychologie frei bleibt, kann in ihr Konzentration, Ernsthaftigkeit und Ruhe besser und tiefer gelingen als in anderen Medien. Anstatt zu definieren und damit "zuzumachen" öffnet musikalische "Sprache" für Existenz im Allgemeinen und überspringt verstandesmäßige Hürden, die zum Trennungsmoment werden können.

Hattinger sieht wissenschaftliche Arbeit als eine spezielle Form des Denkens - im Wissen, dass das, was Musik letztlich ausmacht, unbeantwortbar bleiben muss. Das Faszinosum Musik, welches durch Jahrtausende hindurch ungebrochen die Menschen beschäftigt, dreht sich in unterschiedlichen Verkleidungen um die immer gleichen Fragen, und die dem Menschen inhärente Lust an diesem Spiel scheint tief eingeschrieben in seine Psyche. Die spiralige Entwicklung dieses Spiels scheint dabei kein Ende zu haben und kennt (hoffentlich) keine definitive Antwort. „Man muss nichts von Musik verstehen, um an ihr teilhaben zu können, aber es hilft." Wolfgang Hattingers Arbeit und Musik stellt sich gegen die falsche Trennung von Emotionalität und Rationalität: Wenn „es" gelingt, gehen beide ineinander auf.

Aktuell arbeitet Hattinger wieder intensiv mit dem Ensemble „szene instrumenal". Weitere Infos: www.szene-instrumental.com

denovaire
Stand: Februar 2015