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Futurismen und Chaosmodelle

„Welten vernetzen“ lautet das Credo des Komponisten, Musikers und Performers Denovaire.

Denovaire © Peter Purgar/www.jazzimbild.at
Denovaire
© Peter Purgar/www.jazzimbild.at

Der versatile, in Graz lebende Musiker, Performer und Komponist Denovaire ist ein pragmatischer Allrounder und an entrückten Zuständen und Welten sowie deren Färbung, schnellen Gegenschnitten und emotionaler Enthebung interessiert. Dieselben sucht er mit seiner großen Bandbreite von Einflüssen, Interessen und Inspirationen - die sich von der Natur und Geschichte des Lebens und des Kosmos über Spiritualität bis hin zu Systemtheorie, den digitalen Welten und utopischen Futurismen spannen -, auf organische Art und Weise zu verweben, um scheinbar Unvereinbares miteinander zu verschmelzen. „Musik ist durch die Möglichkeit zur Textur ein wunderbares Mittel nicht nur menschliche Zustände zu manifestieren bzw. zu sonifizieren. Es ist die Verpflichtung des Sounds, sich diesen Prozessen anzunehmen." Der Fantasy- und Science-Fiction-Fan ist beim Vernetzen jener Welten kein Freund großer Gesten, hat aber doch eine Vorliebe für ein gewisses, durchaus ironisches Pathos - „aber bitte mit Maß, Ziel und möglichst frei von unnützem Ballast", fügt er lächelnd hinzu.

Chaos als Methode
Gerade für seine Kompositionen unterjocht Denovaire das Chaos und beginnt den Zufall zu lenken und zu manipulieren, um diesen dann wieder mit exakt gemeinsamen Momenten zu kontrapunktieren. Inspiration dafür liefert ein emotionsloser Blick auf die Natur (die reelle und virtuelle). Besonders die Bereiche des mikrobiologischen Kosmos sowie künstliche Zufallsgeneratoren (wie beispielsweise Open-world- und Sandbox-Formate in Videospielen) haben es ihm angetan. Die Faszination liegt im Bestreben, dem Betrachter und Interpreten ein individuelles, unverwechselbares Erlebnis zu ermöglichen. Dazu schreibt er seinen Musikern auch gerne Stücke auf den Leib. Was Denovaire in diesem Zusammenhang besonders auszeichnet, ist seine Präzision im Ausdruck und ein Anspruch an perfekte Dokumentierbarkeit sowie das Bewusstsein für das Grafische. „Wenn es darum geht, musikalische Events zu visualisieren, wird bei diesem Teil der Arbeit aus jedem Komponisten auch bis zu einem gewissen Teil ein Grafiker." Als besondere orthografische Manifestation dieser Philosophie sei die von Denovaire entwickelte Chaosfermate zu erwähnen, die den interpretierenden Musikern die Freiheit einräumt, bestimmte Parameter wie beispielsweise Länge und Intensität verschiedener Fragmente im Rahmen ausformulierter Spielregeln, Klangerzeugungsrezepte und Zufallsfenster selber zu bestimmen. Lesen beispielsweise zehn Musiker dieselbe Stimme, erhält jeder die Möglichkeit, sich bis zu einem gewissen Grad miteinzubringen, was letztendlich das individuelle Potential hervorhebt und mit sehr einfachen Mitteln chaotische dichte, komplexe Strukturen erzeugt. Diese Summierung der Einzelteile hat die „Entsklavung" des Musikers vom Kontrollwahn vieler Komponisten zum Ziel, welcher im 20. Jahrhundert um sich zu greifen begonnen hat, und äußert sich hörbar in einer enormen Erhöhung der Authentizität des Gesamtwerks und dessen Interpretation.

In Kontakt mit der Quelle
Seine bereits frühjugendliche Begeisterung für Klänge, gepaart mit einem gewissen Unwillen, andere Musik nachzuspielen, führten den jungen Deno Kaufmann an die Kunstuniversität Graz, wo er sich dem Studium der Komposition unter Georg Friedrich Haas, Gerd Kühr, Pierreluigi Billone und Beat Furrer widmete. Darauf folgten Studien des traditionellen indischen Streichinstrumentes Esraj und klassischer indischer Musik bei den Meistern Ustad Arshad Khan in Delhi und Pandit Sukhdev Mishra in Benares. Überhaupt waren und sind es die Einflüsse außereuropäischer Musik, die eine Art roten Faden in Denovaires Schaffen vermuten lassen. Sein asiatisch inspirierter Zugang zu Klang und dessen Produktion sowie formale Konzepte unterscheiden sich nach eigener Angabe sehr stark vom europäischen Ansatz. Daher rührt auch seine Faszination für „Sound, der nichts will"; jeder Klang ist - nach Sufi-Tradition - Teil einer persönlichen Realitätskonstruktion. „Immer in Kontakt mit der Quelle bleiben", ist eines der Leitmotive des Komponisten. So ist auch die soziale Komponente in seinem Wirken von großer Bedeutung. Ein ständiges Hinterfragen und mitunter auch Aufhebung oder Vermischung vorhandener hierarchischer Strukturen ist logische Konsequenz in vielen seiner Werke.

„Eins plus eins ist viel"
Auch wenn es um die Präsentation und Inszenierung seiner Werke geht, lässt Denovaire asiatischen Gleichmut miteinfließen. Natürlich lassen sich ab und an Kompromisse nur schwer vermeiden, fundamental gilt dennoch die Prämisse des Chinesischen „eins plus eins ist viel": Die eigentliche Bedeutung liegt in der Generierung eines Mehrwerts für alle am musikalischen Event Beteiligten - „die Funken müssen sprühen und überspringen" bzw. „Sound is passion" -, und ob diese Leidenschaft, oder besser „Befreiung", nun in meditativen Feldern oder abenteuerlich dichten Jagden gefunden wird, ist einerlei.

Aktuelle Projekte
Aktuelle Live-Projekte beinhalten beispielsweise die dem India-Fusion-Projekt „Dancing Shiva" nachfolgende orientalische Märchen-Soundtrack-Bigband „Grand Vizier's Chest" sowie die regelmäßig monatlich in Graz stattfindende „Klangnacht": Dem reinen Konzertrahmen enthoben, erwartet die Besucher ein holistisches Erlebnis mit Räucherungen, Meditation, Sitz- und Liegemöglichkeiten und improvisierten Konzerten (Gastmusiker mit Denovaire an Keys und Esraj). Des Weiteren arbeitet Denovaire auch im universitären Bereich, komponiert kammermusikalische Werke für diverse Ensembles, produziert eigene und fremde Tonträger, ist als Musiker und Dirigent Teil der Improszene und engagiert sich in zahlreichen Kinder- und Jugendprojekten wie „Styria Cantat", „Konfrontationen" und „Prof. Scieman".

Denovaires Homepage: Externe Verknüpfung www.denovaire.at

Patrick Wurzwallner
Stand: Jänner 2015