Link zur Startseite

Mit Hebeln und dampfenden Ventilen

Über Patrick Wurzwallners Traumfragmente, die sich zu Klang verdichten und wieder auflösen.

Patrick Wurzwallner © Alex Krischner
Patrick Wurzwallner
© Alex Krischner

... durchs All trudelnde Raumstationen, verlassene Hightech-Städte, stolpernde Roboterarbeiter, denen der Rost die Gelenke zerfrisst, totalitäre Wissensgesellschaften, wild expandierende Nanowesenheiten, selbst entwickelnde Systeme, interstellare Kulturen, blutrote Synergien zwischen Muskel und Biorobotik, Mensch-Maschine-Symbiosen, aufgegebene, stürzende Gottheiten, verrottende Bücher, der große Attraktor, wie ein Mahlstrom der Kausalität realitätsgebärend und -verschlingend ... nach dem Gespräch mit Patrick Wurzwallner mögen dies die Traumfragmente sein, welche einen durch die Nacht begleiten, welche sich zu Klang verdichten und sich wieder auflösen, denn es scheint mehr um das Erzählen von Prozessen und das freudvolle Beobachten dystopischer Metamorphosen zu gehen als ums Festhalten an etwas, das manche „Style" oder „Genre" nennen.
Aufgrund des Misstrauens gegenüber Kulturindustrie und Traumfabrikmaschinerie, aus einer Haltung der Konsumkritik heraus bahnt sich die Musikmaschine des Patrick Wurzwallner ihren Weg.

Metaorganismus Drumset
Das Drumset als hyperintelligenter Metaorganismus, untrennbar sind Stahlträger, Knochen, Trommelfell und Haut verwachsen, das taktile resonante Gedächtnis der Membranen im neuronalen Netzwerk mit Nervenzellen, Herz und Leber vereint. Das Begreifen des Realen als Metaorganismus, der neue Bedürfnisse hat, sich neue soziale Realitäten erfindet, sich Platz schafft im darwinistischen Getümmel, lässt jegliche schnöde marktangepasste Funktionalität verblassen, ein neuer Behemoth betritt die Szene ... und taucht wieder unter im Dunst der Jahre ... wie ein verwinkelter Groove kommt, sich entwickelt und wieder entschwindet.
Wie Soundtracks zu Comics, Filmen, Romanen, hören sich die Tracks an, welche im Rahmen unterschiedlicher Bandkonstellationen entstehen. Im Vordergrund steht jeweils das gemeinsame Erarbeiten von musikalischem Material sowie dessen „In-Zeit-Setzung". Diese ist ein integraler Bestandteil und gehört zur Komposition, denn jede Aufnahme, jede Liveversion beinhaltet einen Splitter des Gesamten und konstituiert damit das Werk, ist kein Abziehbild oder billige Kopie.
Demnach ist auch die chaotische Komponente Teil des Verständnisses, seien das großformale oder mikromorphologische Random-Strukturen; der Sound handelt weniger von Geschichten als von Prozessen, weniger von Hyperrealismus als von imaginiert-gefühlten Essenzen. Musiker haben also weniger Notenblätter (Formel) am Pult als eine Storyline, ein Sketchbook (Duftfläschchen), aus welcher die Musik extemporiert wird.

Mikroklima für kreative Akte
Angst, die Dinge nicht im traditionellen Verständnis „schön" umzusetzen, habe er keine, denn zu oft werden solche Kategorien als Etiketten mit Kalkül benutzt, zu oft entfernt sich dann der Sound von der systemkritischen Kontraposition. Der Zusammenprall diverser Charaktere innerhalb eines Musikerkollektivs schafft das Mikroklima für kreative Akte, welche einfach geschehen, intuitiv, nicht-rational. Die Scifi-Welten schaffen eine sensorische und energetisch-semantische Brücke in die Welt der Klänge und Rhythmen, vollenden ihre transmediale Reise aber erst nach mehreren Umdrehungen - oder niemals.

Zukunft und Dämmerung
Er denke und handle futuristisch dystopisch, lokal jedoch utopisch und hoffnungsvoll optimistisch und idealistisch, meint der autodidaktische Drummer, angesprochen auf das Verhältnis von Zukunft und Dämmerung. Der Weg zum Licht führe eindeutig auch über den Körper, den Schmerz, die diesseitige Erfahrung, über das Lernen und das Neue. Die Reise der Menschheit mag einer Achterbahnfahrt gleichen, was davon bleibt, ist letztendlich einerlei. Leben, um gelebt zu werden. Menschen als (noch) unausgereifte biologische Maschinen, deren Möglichkeit aber bestehe, sich selbst als solche zu begreifen, relativiert und humoristisch.
Die Geschichten in futuristische Welten und Roboteruniversen zu transferieren, hat oft auch den Grund, dass diese jeglicher Zwänge und Moralvorgaben enthoben sind, vor allem auch der Belastungen der menschlichen Geschichte nicht ausgesetzt sind. Unschuldig und unbefangen gelingt so eine frische Sicht auf Material und Altlast der Geschichte und wird genau als solches entlarvt: Schrott, Junk, Trash - damit werden die Dinge zum Instrument, zum Spielzeug, die Hallen des Establishments zum Spielplatz einer entarteten, weil entmenschlichten, dekontextualisierten und pervers schizophrenen zwischen emotionaler Reinheit und kaputter Imperfektion pendelnder Mechanik.

Unerbittlich repetitive Loops
Die außermusikalische Stilistik, der sich Patrick Wurzwallner bedient, das Faszinosum der SciFi-Kulturgeschichte schlechthin, ist eine Mischung aus Cyberpunk und Steampunk - die futuristisch analoge Welt. Wie beispielsweise Stanislav Lem sich in den 1950er-Jahren Zukunft vorstellte, analog, mechanisch, mit Hebeln und dampfenden Ventilen, so bauen sich auch Patricks Welten - und das kommt einem Drummer natürlich entgegen, in Form von stampfenden Beats, rauchenden Hi-Hats, scheppernden Crashes, smarten Grooves, stolpernden Workflows und unerbittlich repetitiven Loops grauer antizipierter Alltage posthumaner Gesellschaften.
Patrick Wurzwallner will kein Groove-Drummer sein. Die Sterilität eines Jojo Mayer oder Dave Weckl ist für ihn ebenso wenig Ansinnen wie die Sonifikation scheiternder, selbst entwickelnder, und lernender Automationsprozesse (und als ein solcher kann die Anthropogenese ebenfalls verstanden werden). Als Instrumentarium dienen ihm neben dem Drumset Bleche und Alltagsgegenstände und die Zuspielung von Samples. Außerdem Stimme, Sprache und Performance.
Zu den aktuellen Bandprojekten Patrick Wurzwallners zählen das Ukulele-Drums-Duo Waikiki Star Destroyer, das oft als Trio auftretende Duo Heifetz (Gitarre, Bass, Schlagzeug) sowie die Bands Izen und facenomore, als auch Zusammenarbeiten mit Düzgün Celebi und Gernot Tutner.
Zudem nimmt Wurzwallner 2015 auch an der dritten Staffel der im Grazer Forum Stadtpark performten „Nights im Bunker" teil: Die dystopische Mysteryserie mit Vera Hagemann und Johannes Schrettle dient als performative Projektionsfläche für intermediale Kollaborationen mit Gästen aus der nationalen und internationalen Kunstszene.

Homepage: Externe Verknüpfung http://wurzi.klingt.org


Denovaire
Stand: November 2014