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Sonst würde unser Hirn explodieren

Markus Steinkellner (aka Idklang), Nadine Haidenbauer (aka Aiko Nada) und Pascal Holper (aka &c) machen als Fa Tech den öffentlichen Raum akustisch erfahrbar.

Fa Tech_urban © Fa Tech
Fa Tech_urban
© Fa Tech

Mit Mikros und Laptops durchstreifen Fa Tech die Straßen von London, Prag, Wien und Berlin, nehmen Geräusche auf von Passanten, Metalltoren, Einkaufswägen, Fahrzeugen, Verkaufsständen vor Geschäften, Kinderspielzeug, Wasser in Kanalläufen, Verkehr, aggressiven Auseinandersetzungen von Bewohnern in vernachlässigten Wohnanlagen, Menschen, die im öffentlichen Raum einkaufen oder in der warmen Jahreszeit dort "abhängen", feiern, kommunizieren, ihr soziales Miteinander dort ausüben ... Sahra Foetschl hat mit Markus Steinkellner und Nadine Haidenbauer über ihre Auftritte im öffentlichen Raum gesprochen.

Was heißt Fa Tech? Als ich den Namen das erste Mal mit euch assoziierte, dachte ich an einen Wettbewerb für Frauen, Elektronik und Technik, der so hieß ...
Nadine Haidenbauer: Fa ist eine Rune, symbolisiert das Ur-Feuer. Wir wollten mit unseren Projekten den Phönix aus der Asche heben, die Geräusche des Alltags, die man nur mehr automatisch wahrnimmt, oder auch weggeworfene Objekte - etwas pathetisch ausgedrückt, aber die Stimmung damals war so.

Was sind eure Erwartungen bezüglich des Audiomaterials, wenn ihr Städte besucht?
Markus Steinkellner: Pascal Holper und ich haben eine Zeit lang in London gelebt, wo wir mit der Band Cameran tätig waren. Wir wussten also, was uns da für eine Fülle von Klängen und Geräuschen erwarten würde. Auch die anderen Städte kannten wir bereits. Natürlich haben wir uns davor nie so aktiv hörend durch sie bewegt.
Nadine Haidenbauer: Wir erwarten und vor allem Sprachsamples - es gibt überall Millionen von Klängen, nur werden die meisten von uns nicht wahrgenommen, sonst würde unser Hirn explodieren. Vor unserer ersten Reise nach London hatte ich eher Bedenken, wie unser Bespielen des öffentlichen Raums ankommen würde. Ich rechnete mit vielen Sounds, aber auch mit Schwierigkeiten.


Im Herbst 2011 kam es einen Tag, nachdem ihr Aufnahmen und öffentliche Samplings in London machen konntet, zu den sogenannten BlackBerry-Riots aufgrund der Tötung von Mark Duggan durch die Polizei. Kann man kollektive Aggressionen oder gesellschaftliche Unruhen, unruhige Tiere im öffentlichen Raum durch Audioaufnahmen schon vorab lokalisieren?
Markus Steinkellner: Nein, so etwas konnten wir nicht feststellen. Wir waren ja auch in einem ganz anderen Teil von London unterwegs. Tiere aber kamen uns immer wieder vors Mikro gerannt. Gerade letztens am Weg zum dramagraz hab ich einen Specht aufgenommen und sein Klopfen gleich gesampelt und beim Idklang-Konzert als Snaredrum verwendet.
Nadine Haidenbauer: Markus blieb noch einige Tage länger in London und konnte - zumindest akustisch - einen Teil der Riots mitverfolgen. Unsere Live-Samplings und Improvisations-Aufführungen zuvor passierten zum Beispiel beim Heygate Estate, einer Siedlung, wo die Menschen zum Auszug bewegt wurden, damit die Häuser abgerissen werden können. Natürlich haben wir auch Tiere aufgenommen. Fa Tech hat sich auch auf unsere anderen musikalischen Projekte Idklang und Aiko Aiko ausgewirkt. In einem unserer Lieder haben wir das Herz meines Katers Ludvik gesampelt und als Bassdrum verwendet.

Straßenmusik - wie verläuft das in Zeiten von Big Brother und massiver Überwachung der öffentlichen Räume durch Kameras und Polizei?
Markus Steinkellner: Man merkt schon, dass der öffentliche Raum oft nur zum Teil "öffentlich" ist. Bei Fa Tech okkupieren wir für eine kurze Zeit ein Stück öffentlichen Raumes.
Nadine Haidenbauer: Beim Londoner Festival "Hackney Wicked" verlief unsere erste Session unproblematisch; an einem anderen Ort mussten wir allerdings unser Equipment wieder einpacken, da die Polizei gerade dabei war, Versammlungen auf der Straße aufzulösen. Im Heygate Estate wurden wir während der Impro von zwei Wachmännern beehrt, die sogar kurz zuhörten, aber dann ohne Beanstandung weiterzogen. In Camden, wo einige Straßenmusiker ihr Glück versuchen, hat uns ein Polizisten erklärt, dass es verboten sei, hier zu spielen, woraufhin wir in den Park in der Nähe gezogen sind - natürlich mit viel weniger Publikum.

Sind eure Sound-Produkte dann melodisch und arrangiert oder dokumentarisch?
Markus Steinkellner: Die Musik entsteht in Echtzeit. Wir bestimmen ein Tempo und beginnen zu spielen, die Improvisation startet abstrakt - hier ein paar Sounds, dort ein paar Töne oder ein Melodiefragment. Aus dem Zusammenspiel ergeben sich aber immer Melodien oder Drum-Loops, die über dokumentarische Klanglandschaften hinausgehen. Wir versuchen auch, "auf- und abzubauen", mit der Dichte der Klänge zu spielen, auf Höhepunkte hinzuarbeiten und melodische wie thematische Wechsel einzubauen.

Wenn dann spontan ein Geiger mit euch improvisiert ...
Markus Steinkellner: Eine schöne Erweiterung dieses Konzeptes. Bei einer Jam-Session beim Holocaust-Mahnmal in Berlin kam ein Musiker zufällig bei uns vorbei und war sofort bereit, mit uns zu spielen. Die Session war toll.
Nadine Haidenbauer: Es war für uns alle eine sehr emotionale Erfahrung, dieses mächtige Denkmal, wie Grabsteine aufgestellte Monolithe, in dessen sehr enge Gänge, durch die die Sonne an dem Tag gestrahlt hat, wir uns geklemmt haben; die Geschichten der Musiker, "unsere" Geschichten als Österreicher - das alles hat zu einem ziemlich magischen Erlebnis beigetragen.

In Wien habt ihr an einer künstlerischen Straßenparty mit dem programmatischen Titel "Reclaim the streets" mitgewirkt. Wieso ist der öffentliche Raum so kritisch im Moment?
Markus Steinkellner: Der öffentliche Raum verschwindet immer mehr ...
Nadine Haidenbauer: ... oder ist nur mehr mit Genehmigung und hohen Gebühren zu bespielen oder generell zu nutzen, und insofern nicht mehr öffentlich im Sinne von "für alle".

Wie gut kann man sich finanzieren mit so aufwendigen Projekten: Reisebudget, Transport des Equipments in zahlreiche Städte, Tournee sozusagen, aber ohne zahlendes Publikum?
Markus Steinkellner: Die Fa-Tech-Reisen haben wir zum größten Teil selbst finanziert. Es gab ein wenig Förderung von der Gesellschaft zur Förderung österreichischer Musik.
Nadine Haidenbauer: Es ist geplant, ein Album der Impros zusammenzustellen. Natürlich wird es weitere Live-Sessions geben, und natürlich ist unser Ziel, wieder in einer Stadt im Ausland zu spielen. Da wir nicht alle Reisen selbst finanzieren können, sind wir auf Förderungen angewiesen. Trotz des Hutes, der vor unseren Improvisationsteppichen liegt, ist das straßenmusikalische Geschäft kein ertragreiches.

Externe Verknüpfung http://fa-tech.tumblr.com/


Sahra Foetschl
Stand: Dezember 2014