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Proberunden auf dem Weltmoperl

Hubert Brandstätter verarbeitet in seinen Werken Relikte und Reliquien aus Vor- und Nachkriegszeiten.

Hubert Brandstätter vor einem seiner Aschebilder © Hubert Brandstätter
Hubert Brandstätter vor einem seiner Aschebilder
© Hubert Brandstätter

Wer es gewohnt ist im Reisschüsserl der Kunst mit Essstäbchen zu stochern, den trifft eine erste Begegnung mit dem Künstler Hubert Brandstätter wie eine unerwartete Kopfnuss. Denn da startet einer gleich das ganze Weltmoperl, um ein paar Proberunden zu drehen. Spontan fallen mir sofort vier bis fünf pragmatisierte Kunstliebhaber ein, die bei einer solchen Begegnung eilends die Weichteile verbarrikadieren. Missverständnisse sind also vorprogrammiert.

Hubert Brandstätter, 1959 in Weiz geboren, leitet nicht nur - gemeinsam mit Susanna Bodlos-Brunader - die Kunstschule KO (Kunstordination) in Weiz, sondern er betreut in diesem Haus auch das Hannes-Schwarz-Zentrum, welches das künstlerische Vermächtnis dieses großen steirischen Malers pflegt. Hubert Brandstätter selbst experimentiert leidenschaftlich mit verschiedensten Materialien und ist vor allem auch ein fruchtbarer Neubeleber ursprünglicher künstlerischer Techniken. Wenn er z. B. eine Raku-Keramik brennt, wirkt das ungefähr so, als würde Jules Verne mit hochexplosiven Aschenkübeln die Reise zum Mond antreten. Andererseits ist Hubert Brandstätter aber auch gut strukturierter Gastdozent an der Kunstschule Offenburg in Deutschland.

Es geht ums Ganze
Sofort nachdem sich Hubert Brandstätter für die Kunst entschieden hatte, inhalierte er die Kunstgeschichte und durchlief wie ein rasender Embryo sämtliche Entwicklungsstadien vom Reptil bis zum Flugwesen in atemberaubender Geschwindigkeit. Rasch auch breitete er seinen eigenen Weltteppich aus und baute an der Saurierfalle für den großen Gott: Niemand. So geht es bei Hubert Brandstätter immer ums Ganze: um den Menschen, um das Opfer, um den Krieg, um die Spur ...
Immer meinen seine Bilder und Objekte das Prinzipielle und Allgemeine, immer auch geht es Hubert Brandstätter um das Sinnliche des Materials, immer experimentiert er mit neuen Materialien, um seine Arbeiten noch direkter an die Wahrnehmungskanäle des Betrachters zu bringen.

Wald, Stein, Sumpf, klares Wasser, hungrige Antimaterie, Auslöschung, Asche ... Es scheint, als würde Hubert Brandstätter die Natur an die Grenzen ihrer Daseinsmöglichkeiten tragen wollen. In der Sprache passieren ihm zwar manchmal Tautologien, nicht aber in seiner Kunst. Vielleicht ist es dieser melancholische Schleier, der ihn vor Ironie bewahrt. Es ist ihm ernst! Einatmen-Strich-Ausatmen. Ein Zen-minütlicher Ewigkeitskalender. Bei einer solchen Arbeit ist man fast schon tot.

Ordnung
Die Stärken von Hubert Brandstätters Arbeit liegen sicher dort, wo sie sich direkt an die Wahrnehmung, direkt an die Sinne richtet, wo das Auge Asche und Rost, aber auch Farbe ertasten lernt. Ausdrucksstark sind auch die Bilder, die sich an einer archaisierenden, geometrisch klaren Einzelform orientieren. Die klare geometrische Form suggeriert ja immer eine tragfähige Ordnung. Wenn die Welt auch zum Teufel geht, ein Quadrat bleibt ein Quadrat, also bleibt wenigstens das große Fliesenmuster der mikro- und makroskopischen Weltordentlichkeit erhalten.

Es sind das aber keine nihilo-materialistischen Quadrate und Scheiben, die in Hubert Brandstätters Bildern auftauchen, sondern verlässliche Bojen. Da könnte eine Scheibe fast schon eine Sonne sein - oder aufgepumpt zur Kugel ein von außen betrachteter Planet. Wie aber sieht es mit den Bewohnern solcher Planeten aus?

Mensch
Porträts findet man in Hubert Brandstätters Werk nicht, also keine individuelle Ausformung der Gattung Mensch. Einschränkung: Neuerdings beschäftigt er sich mit Körperporträts und gerade eben mit dem Individuum. Wohl aber fanden sich früh schon Körperabdrücke, also Spuren des Menschlichen. Torso und Abdruck sind natürlich immer romantische (Vanitas-)Themen, weil ihr Ganzes eben nur als Fragment auf uns kommt, und weil die Ergänzung außerhalb der Wahrgenommenen liegt - also jenseits. Die Zeit hat etwas aus diesen ursprünglich ganzen Menschen gemacht, das ist seine Fragwürdigkeit, nur ein Teil ist noch sichtbar.

Kann sich der Mensch nur mehr teilweise realisieren? Wird aus dem Menschen nur mehr der brauchbare Teil extrahiert? Die Körperfragmente in Hubert Brandstätters Bildern "verhalten" sich zueinander aber als Ganzes (z. B. Begegnung), sie scheinen ihre reale Unlebbarkeit in ihrer Bildwirklichkeit nicht wahrzunehmen.

Zwischenzeitlich malte Hubert Brandstätter aber auch ganze Figuren, wie z. B. die Bildserie der Frauen mit verbundenen Augen. Hier haben wir es mit zwei Bezugsebenen zu tun: Eine Ebene steht im Verhältnis zur sozialen Wirklichkeit (warum sind die Augen verbunden?), also zu Zivil- und Strafrecht (fragt also nach dem Was), während die andere im Verhältnis zur malerischen Bildwirklichkeit steht, also zu den Gesetzen von Farbe und Form (das fordert die Bewältigung im Wie). Verlangen die Widersprüche auf der inhaltlichen Ebene kausale Erklärungen, so fordert die Bildebene formale Lösungen. Die Figuren jedenfalls heben sich scharf vom Hintergrund ab, während die Körpermodellierung sich stellenweise aus dem natürlichen Rhythmus ausklinkt. Mittelalter oder industrielle Stanzform?

Religion & Politik
Immer wieder findet man im Werk Hubert Brandstätters Reminiszenzen ans Religiöse: Reliquien, Devotionalien, Totems, Altäre, Schriftrollen etc. Erinnern wir uns an die eingangs erwähnte Saurierfalle: Gerade ohne formuliertes Gottesbild sind Opferstätten, sehnsuchtsvolle Verbindungsanliegen zum Ursprung, ein "absurdes Ordnungs- und Heilsignal" in Anbetracht eines absurden Daseins mit willkürlich hereinbrechenden Katastrophen. Und nochmals: Hubert Brandstätter nimmt nie Zuflucht zur Ironie, auch nicht bei dem "Altar" für George Bush. Bier und Asche - Lebenselixier und letztlicher Aggregatzustand? Die Biere für die Arbeiter tragen ebenso wenig eine ironische Botschaft wie die Bush-Ikone, und auch die Spielzeugpanzer sind zwar symbolisierend, aber nicht ironisch. Amerikanische Machtpolitik ist nicht ironisierbar, weil tödlich vorgetragener Kitsch (gemeint ist die Pathoskrücke) nicht relativierbar ist.

Ich möchte trotzdem eine ironische Frage stellen: Wie würde Rambo seinen Hausaltar
gestalten? - Popcorn statt Asche, Cola statt Bier?

Überleben in Grabbezirken
Wer so oft Ordnungen schafft wie Hubert Brandstätter und Zufällen nur in abgesteckten Bereichen Platz lässt, der versucht nicht nur die zwei Seelen in seiner Brust zu einer Synthese zu bringen, sondern den locken auch die Bereiche der Todesähnlichkeit. Körperliche Verausgabung, Meditation, Stille, Panik, das wären solche Erfahrungsplätze. Der Mann war auch Taucher und ungefährlich war das nie! Manches an Hubert Brandstätters Arbeiten erinnert daran, dass da jemand versucht, sich sein Nichtsein vorzustellen, der Überbleibsel dieser Entlassungsgründe immer wieder neu arrangiert, um sich in ihnen spekulativ zu ergehen oder zu verlieren. Ein Wiedergänger also, der die Fragen nach seinem rätselhaften Verschwinden immer wieder neu stellen muss?

Ich unterstelle Hubert Brandstätter, dass er sich fallweise in einen Nistplatz des Jenseitigen zurückzieht, um den Tod zu üben. Also doch ein Romantiker! Vielleicht deshalb die neuerliche Zuwendung zur Menschenmalerei, als Überprüfung dessen, was wir zurücklassen?

Externe Verknüpfung www.atelier-ko.at


Erwin Michenthaler
Stand: September 2014

 

Bei der Arbeit an einem Bild aus dem Zyklus "Zeitzeichen" © Hubert Brandstätter
Bei der Arbeit an einem Bild aus dem Zyklus "Zeitzeichen"
© Hubert Brandstätter
Aus dem Bilderzyklus "Körperabdrucke" © Hubert Brandstätter
Aus dem Bilderzyklus "Körperabdrucke"
© Hubert Brandstätter
Beim Anfertigen einer Raku-Keramik © Hubert Brandstätter
Beim Anfertigen einer Raku-Keramik
© Hubert Brandstätter
Aus dem Bilderzyklus "Rekonstruktionen", Acryl/Öl auf Leinen 120 x 120 cm © Hubert Brandstätter
Aus dem Bilderzyklus "Rekonstruktionen", Acryl/Öl auf Leinen 120 x 120 cm
© Hubert Brandstätter