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Großes Jugendfreistiltheaterkino!

Simon Windisch ist kein großer Freund von Theaterliteratur. Und Jugendstücke mag er sowieso nicht. Deshalb baut er sie mit seinen – oft jungen – Schauspielern selbst. Ein Glücksfall!

Simon Windisch © Clemens Nestroy
Simon Windisch
© Clemens Nestroy

Manches ist am Theater wie im Fußball. Früher mal spielten beim Grazer Athletik Klub Grazer. Oder beim SK Sturm. Oder am Grazer Schauspielhaus. Und das oft ein Berufsleben lang. Heute ist höchstens noch das Geld von hier. Die Ball- wie die Bühnenkünstler leben einen Wanderzirkus. Eine Vereinnahmung von Theatermachern durch diese Stadt oder jenes Land ist längst so fragwürdig wie die Identifikation städtischer Fans mit „ihrem" Torschützenkönig, der in ein paar Monaten eh von der Konkurrenz abgeworben wird. Wann bist du ein Grazer Regisseur? - Wenn du hier geboren bist? Hier studiert hast? Hier inszenierst? Alles zusammen gibt's nicht mehr. Oder doch? Anders als im Fußball ist der Bühnenwanderzirkus keine einseitige Entwicklung geblieben. Während sich die großen Häuser internationalisiert haben, ist in den Städten eine Off-Szene gewachsen, die in Wahrheit viel mehr mit den Menschen und den Bedingungen, will heißen: dem Wesen eines bestimmten Ortes zu tun hat als das sogenannte Stadttheater. Im besten Fall etablieren sich vor Ort kreative Zentren, die irgendwann selbst wieder international ausstrahlen. Das ist dann wirklich „Grazkunst", um einen Autor zu zitieren, der auch eine Zeit lang uns gehört hat.

Der Regisseur Simon Windisch zum Beispiel ist so ein Offszenegrazkünstler. Lebt und arbeitet in der Murstadt. Hat hier studiert, gelernt, gelehrt und ist inzwischen auch dort draußen, außerhalb der Steiermark, gefragt: zuletzt als Gastregisseur am Landestheater Vorarlberg. Aber der Reihe nach. Geboren irgendwann in den 1980er Jahren, als der Kunststudent Werner Schwab noch fern aller Erfolge in der Oststeiermark versumpfte, hat sich Simon Windisch schon als Gymnasiast in der Impro-Schülerliga versucht. An der Karl-Franzens-Universität inskribiert er dann Germanistik und Philosophie, ein Studium, das er intensiv betreibt. Wobei Windisch der Philosophie mit ihrem Anspruch, einen Gedanken konsequent zu Ende zu führen, weit mehr Einfluss auf seine weitere Entwicklung einräumt als dem Deutschstudium: „Ich bin kein großer Freund von Theaterliteratur. Es ist mir lieber, Thomas- Bernhard-Stücke zu lesen, als sie anzuschauen. Viel lieber."

In einem „halbprivaten Schreibzirkel" beschäftigt sich Simon Windisch intensiv mit Dramaturgiekonzepten. Mit der Gruppe „Drahtseilakt" macht er Theater. Dem Kollektiv gehörten auch mehrere Off-Karriere-Kolleginnen an, die heute als „Rabtaldirndln" bekannt sind. Doch über die Jahre verändert sich die Gruppe nicht nur personell. „Wir haben uns dann lange damit beschäftigt, aus irgendeinem Wahnsinn heraus immer wieder neue Räume aufzubauen." Leere Geschäftsräume wurden nicht nur adaptiert, sondern richtig zu Theatern umgebaut - „mit unendlich großem Aufwand." Off-Szene, so lernt man damals, kann auch heißen: „Mit Dieselkanonen heizen, frieren oder ersticken." Zugleich wird von „Drahtseilakt" unter dem Titel „abgelehnt" ein kleines Gegenfilmfestival zur „Diagonale" entwickelt.

Simon Windisch ist inzwischen - eher zufällig - am „TaO! Theater am Ortweinplatz" gelandet. Erst ist er dort Theaterpädagoge, dann Dramaturg und seit seiner ersten, sehr erfolgreichen Inszenierung „Das heilige Kind" immer öfter Regisseur. Heute trägt fast jede große TaO!-Produktion seine Handschrift. Und bis vor Kurzem war er Koordinator und Leiter des gesamten TaO!-Werkstättenbetriebs. Mit „Follow the Rabbit", einem professionellen Schauspieler-Duo, das aus dem Stadttheater-Ensemble stammt und - Wanderzirkus ade - einfach in Graz geblieben ist, verbindet ihn ebenfalls eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit.

Grazkunstbrutstätte
Das von Manfred „Ossi" Weissensteiner geleitete TaO! folgt als offizielle Grazkunstbrutstätte dem Credo, Theater für junge Menschen stets mit jungen Menschen zu entwickeln. Jugendliche unterschiedlichster Altersgruppen dürfen in den Werkstätten am Haus die Bühne kennenlernen, auf Werkstadtpräsentationen folgen professionelle Theaterproduktionen mit oder unter Beteiligung der am Haus angelernten Jungdarstellerinnen und Jungdarsteller. Prominente Mimen wie die Grazer Münchnerin Andrea Wenzl oder der Grazer Hamburger Christoph Luser haben hier Theaterluft geschnuppert. Und Lunte gerochen. Für Simon Windisch war es mehr als nur das. „Ich habe, als ich ans TaO! gekommen bin, meine Lehrjahre absolviert - vor allem, was die Ästhetik betrifft, die bei Ossi gepflegt wird." In der Auseinandersetzung damit hat der Regisseur Simon Windisch zu seinem Stil gefunden. „Ich mache gerne Jugendtheater. Als Regisseur musst du dich da immer fragen: Was ist das Positive, das Einzigartige an meinen Darstellern, oder einfach: Was können nur die? Sonst würde diese Arbeitsweise künstlerisch keinen Sinn machen."

Es ist die Balance zwischen sozialer und künstlerischer Kompetenz, Einfühlungsvermögen und theatraler Kompromisslosigkeit, zwischen Zuhörenkönnen und Ansagen machen, die die Regie von Simon Windisch auszeichnet. Nicht zuletzt, weil genau das so vielen seiner Kolleginnen und Kollegen, die im Wanderzirkus der Stadttheater verheizt werden, fehlt.

Das Gros der TaO!-Stücke wird von Windisch für sein Ensemble und mit diesem gemeinsam konzipiert. Das liegt nicht nur an der TaO!-typischen Arbeitsweise, sondern auch an Windischs Haltung zu möglichen Vorlagen. „Ich habe kaum Jugendstücke gelesen, die ich ertrage." Die faszinierende Fähigkeit, aus allem und mit jedem eine perfekte Dramaturgie stricken zu können, stammt ebenfalls aus der jahrelangen Jugendtheater-Erfahrung. „Es ist eine gute Übung, ständig irgendwelche Kursgruppen abzuschließen und mit ihnen kleine Präsentationen zusammenzubauen."

Die Palette von Simon Windischs Regiearbeiten reicht folglich von dramatisierten Romanen oder Kinderbüchern („Nichts - was im Leben wichtig ist", „Zwerg Nase") über die Theatersoap „Anne & Sophie" und die musikalisch-theatralische „Sozialistische Eingreif Druppe (SED)" bis zu Stückentwicklungen rund um Problemzonen der Adoleszenz („Stilles Blut", „A free porn version of love"). Und obwohl es jedes Mal wieder darum geht „noch Fragen zu finden, auf die es vielleicht sogar eine Antwort gibt", ist kein Ende der Vielfalt abzusehen.

Fast sieht es aus, als hätte Simon Windisch seinen Ort gefunden. Und er wehrt sich auch nicht gegen diesen Eindruck. „Ich mag das, wenn ich die Leute, mit denen ich arbeite, schon kenne." Was bleiben da noch für Wünsche an die Zukunft? „Die Verbesserung des Alltagslebens. Mit einem professionellen Team arbeiten zu können, in dem jeder für das, was er tut, auch genug bezahlt bekommt." Die Dieselheizkanonen sind nicht vergessen.

Hermann Götz
Stand: September 2014