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Dichterleben im Selbstversuch

Der Dramatiker und Romanautor Joachim J. Vötter verbindet in seinen Texten Humor mit Intellektualität.

Joachim J. Vötter © Ulrike Rauch
Joachim J. Vötter
© Ulrike Rauch

Im Jahre 2000 brach Joachim J. Vötter sein Architekturstudium auf der TU Graz ab. Bis dorthin war es ein „sinnlicher Beruf, voller Gerüche und Materialien". Es war gerade die Zeit der großen Umstellung, als die aquarellierten Handzeichnungen verschwanden und die Pläne am Computer erstellt wurden. Den Weg wollte Vötter nicht mitmachen: Als haptischer und sinnlicher Mensch nahm er Papier und Tusche zur Hand und wurde Dichter - im besten Sinne des Wortes.

Gleich zu Beginn wollte er es wissen, „ob sich das ausgeht", und nahm ein Mammutprojekt in Angriff: „Ich habe meinen 1.000 Seiten starken Roman ‚Genius Morbi‘ niedergeschrieben" -ein Werk, dem das Leben des (an Österreich) gescheiterten Architekten Ferdinand Schuster zugrunde liegt. Dazu musste jedoch Geld für den Lebensunterhalt verdient werden: „Ich war zwei Wochen im Monat als Hilfsarbeiter am Bau und konnte es mir so leisten, die restliche Zeit zu schreiben."

2002 begann Vötters Zusammenarbeit mit der Intro-Graz-Spection (ICS), unter anderem für das prozessuale Kunstprojekt „Fortsetzung folgt ...", welches im Farbenhaus Kaspar Harnisch am Grazer Glockenspielplatz realisiert wurde. Die Zusammenarbeit mit „der Intro" und Mastermind Christian Marczik trug Früchte: Heraus kam die Realisierung von Vötters erstem Theaterstücks „Die Walzermembrane - eine Annäherung", eine Koproduktion von ICS und den SHOWinisten (Wien). Als Regisseur konnte Hubsi Kramar, der Doyen der Wiener Off-Szene, gewonnen werden.

Für den Dramatiker Vötter war das Zusammentreffen mit Kramar wesentlich, denn auch seine weiteren Stücke wurden von Kramar umgesetzt. Unter anderem „Schreber - eine Nervenromanze", ein Stück über den Jahrhundertwende-Autor Daniel Paul Schreber, sowie das Stück „Der Weltintendant", inspiriert von Christoph Kolumbus. Aber was machen nun die Vötter-Stücke aus? „Es ist eine eigenwillige Kombination aus intellektuellem Jonglieren und Humor", antwortet Vötter fast verlegen, denn über sich selber oder seine Arbeit redet er nicht gerne, das überlässt er lieber den Kritikern in den Zeitungen.

Natürlich kann man Vötter auch in der Tradition eines Thomas Bernhard oder Gert Jonke lesen und natürlich widmet sich Vötter einem großen Thema der österreichischen Literatur, dem Scheitern: „Das Scheitern der Figuren in meinen Stücken ist nicht vorsätzlich geplant, es passiert ganz einfach", sagt er, lacht rauchig und nimmt einen Schluck Kaffee. „Das Individuum stolpert halt immer wieder über sich selbst." Vötters Individuen sollen stolpern und dürfen Fehler machen: „Mir geht es um die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen, das ist auf der Bühne nicht anders wie im wirklichen Leben."

Theaterstücke schüttelt man ja nicht so locker aus dem Handgelenk, Vötter hat hierfür einen kreativen Modus gefunden: „In der Entwicklungsphase schreibe ich in Graz oder Wien an die 700 Seiten mit der Hand vor." Und dann zieht er sich aus dem urbanen Raum zurück, nach Eschenau im Pinzgau, wo übrigens auch O. P. Zier beheimatet ist. „Dort bin ich mit dem Stoff und mir alleine, da schreibe ich meine Stücke in sieben Wochen fertig."

Vötter jedoch auf einen Dramatiker zu reduzieren, wäre falsch: „In den letzten Monaten habe ich an einem Libretto für Bernhard Langs Oper ‚Hemma‘ gearbeitet, die 2015 am Stadttheater Klagenfurt uraufgeführt wird." Das war monatelange Arbeit, denn „am Anfang musst du dir einmal im Klaren sein, was eine Oper wirklich ist und wohin du mit deinen Gedanken willst, aber ich bin zum Glück zeitgerecht fertiggeworden!", freut sich der Dichter. Und irgendwann schließen sich die Kreise, denn in Bälde wird sein Roman „Genius Morbi" („auf 450 Seiten abgespeckt"), bei der Edition Splitter publiziert. Dem ist aber noch nicht genug: So wird „Yorick stirbt" 2015 von Ernst M. Binder (dramagraz) realisiert werden. Das „Projekt Vötter" läuft also auf Hochtouren und wird immer wieder für Überraschungen sorgen, dazu passt seine knappe aber prägnante Selbstbeschreibung: „Mein Selbstversuchsleben!", meint er, lacht, raucht und trinkt Kaffee.

Martin G. Wanko
Stand: Juli 2014

Joachim J. Vötter - Werdegang
Geboren 1968 in Schwarzach im Pongau, lebt in Graz und Wien. Ausbildung zum Bauingenieur an der HTBL Saalfelden, Architekturstudium in Graz bis zur Exmatrikulation im Jahr 2000.
• Zahlreiche interdisziplinäre Kunstarbeiten (u. a. für Intro-Graz-Spection), Erzählungen und Texte zur bildenden Kunst. Herausgeber des Kunstbandes „Der Kunstvermalungsverführer" über den Grazer Maler Günter Schimunek (Bibliothek der Provinz, Weitra, 2004).
• Theaterstücke:
o „Die Walzermembrane" (2006), „Schreber" (2008), „Der Weltintendant" (2010), „Kopf im Rachen der Natur" (2013), „Was wollen denn alle von Shakespeare?" (2015), alle unter der Regie von Hubert Kramar
o „Yorick stirbt" (2015), Regie: Ernst Binder.
• Lyrische Texte für das Art Visuals & Poetry Festival Wien (2012 u. 2013) und eine Kurzfilmproduktion (2014, Produktion: Sigrun Höllrigl) für das Poetry-Filmfestival „Zebra", Berlin.
• Prosasammlung „Wörter die der Nacht gehören" (edition keiper, Graz 2011).
• Roman „Genius Morbi" (Edition Splitter, Wien 2015).
• Libretto für die Oper „Hemma" (2015) des Komponisten Bernhard Lang, im Auftrag des Stadttheaters Klagenfurt.

Mehrere Auszeichnungen und Preise, u. a. Literaturpreis der Akademie Graz, österreichisches Dramatikerstipendium für „Der Weltintendant"; die Stücke „Schreber" und „Die Walzermembrane" wurden jeweils mit einer Prämie des BMUKK ausgezeichnet.