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Zwischen Hosenrolle und Rivalin

Die junge Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser hat als Ensemblemitglied der Grazer Oper schon mehrfach aufhorchen lassen.

Dshamilja Kaiser © Werner Kmetitsch
Dshamilja Kaiser
© Werner Kmetitsch

Benannt nach einem kirgisischen Liebesroman, geboren und aufgewachsen in Detmold, auf der Opernbühne in Hosenrollen ebenso glaubhaft wie als junges Mädchen - die Sängerin Dshamilja Kaiser vereint Exotisches und Bodenständiges auf glaubhafte Weise. Auch ihr Gesangsstudium beruhte auf einer praktischen Entscheidung, denn zunächst lerne sie Geige. „Als mein Geigenlehrer umzog und die Warteliste für neuen Unterricht in der Musikschule ewig lang war, fragte mein damaliger Jugendchorleiter, ob ich nicht einmal Gesangunterricht ausprobieren wolle, er hätte einen Platz frei. Da war ich 18. Seitdem singe ich professionell im klassischen Fach", schildert die junge Sängerin. Ein bestimmtes Erlebnis, das in ihr den Wunsch auslöste, auf der Bühne zu stehen, gab es nicht: „Eigentlich war es erst einmal ein Versuch ... Ich dachte, ich probiere die Aufnahmeprüfung an verschiedenen Musikhochschulen, und wenn das klappt, werde ich Sängerin. Sonst hätte ich vielleicht Biologie oder Germanistik studiert", so Kaiser.

Für die junge Mezzosopranistin stehen stimmfachbedingt immer wieder Hosenrollen auf dem Programm, aber auch die oftmals intriganten Rivalinnen der Heldinnen, manchmal ältere Frauen. „Hosenrollen sind toll für eine junge Sängerin, weil man meistens den ‚jugendlichen Liebhaber‘ spielen darf, wie als Cherubino, Oktavian, Romeo. Da ich relativ groß bin, passte das auch immer ganz gut. In die Rivalinnen wächst man langsam rein - mit fortschreitender Erfahrung im Leben. Und in den Rollen der älteren Frauen bin ich bis jetzt noch nicht so oft eingesetzt worden, als es doch einmal vorkam, haben mir Kostüm und Maske sehr geholfen", beschreibt die Sängerin ihre Erfahrungen.

2008 hat Dshamilja Kaiser ihre Ausbildung abgeschlossen und ist seit 2009 im Ensemble des Grazer Opernhauses. Aufhorchen ließ die Künstlerin nicht nur mit ihren exzellenten Leistungen als Waldtaube in den „Gurreliedern" oder als Elisabetta in „Maria Stuarda", sondern zuletzt auch in der Titelrolle von Donizettis „La Favorite". Trotz dieser Erfolge bezeichnet die Sängerin die Unsicherheit als das berufliche Problem, mit dem sie am meisten zu ringen habe: „Wie schaffe ich es, meine Stimme immer frisch zu halten, wie entwickelt sich meine Stimme, wenn ich dieses und jenes singe; mag mich das Publikum, die Theaterleitung, der Dirigent, werde ich nächste Saison verlängert? Und wie lange werde ich meinen Beruf insgesamt ausüben können?", zeigt sie sich nachdenklich. Auch Familie und Kinder sind ein Thema: „Ich denke auch darüber nach, wann es wohl am besten passen könnte, eine Familie zu gründen. Natürlich ist klar, dass man durch eine Schwangerschaft und Stillzeit - wenn man das möchte - erst einmal als Sängerin ausfällt. Und danach mit Schlafmangel und Kinderbetreuung als Solistin wieder einzusteigen, stelle ich mir sehr anstrengend vor. Für Männer fällt zumindest die Schwangerschaft weg, rein körperlich haben sie es deshalb sicher leichter."

Vorläufig steht die Karriere aber im Vordergrund, schon in der kommenden Saison 2014/15 warten große Aufgaben an: In Graz wird Dshamilja Kaiser unter anderem in Händels „Xerxes" in der Regie von Stefan Herheim singen, in der Wiener Volksoper ist sie in der Neuproduktion von „Cosi fan tutte" als Dorabella besetzt.

Gibt es bei so vielseitigen Aufgaben auch Wunschpartien? „Oh ja, ich würde wahnsinnig gern Charlotte in Massenets ‚Werther‘ singen, außerdem im ‚Rosenkavalier‘ Octavian."

Zur Erholung fährt die Künstlerin gerne mit dem Fahrrad die Mur entlang, oft zwei Stunden lang: „In dieser Zeit merke ich, wie sich meine Gedanken lösen und sich Probleme klären." Gerne liegt sie auch einfach nur mit einem Buch in der Sonne und entspannt sich. Obwohl - Nervosität ist nicht unbedingt ein Problem für Dshamilja Kaiser, auch nicht vor Premieren: „Die Nervosität gehört für mich dazu und bringt mich in eine gute Konzentration. Eine gewisse Anspannung finde ich durchaus positiv. Zum Glück bin ich niemand, dem die Nervosität auf den Atem schlägt und deshalb merkt man sie mir oft nicht an. Durch die sechswöchigen szenischen Proben und die Wiederholungen in Haupt- und Generalprobe lässt sich für mich das Lampenfieber auch gut in den Griff bekommen. Sicherheit macht mich ruhig."

Karin Zehetleitner
Stand: Juli 2014