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Wikipedia weiß auch nicht alles

Der Aufstieg der Grazer Band Farewell Dear Ghost im Jahr 2013 ging so rasch vor sich, dass keine Zeit blieb für die Produktion von T-Shirts oder Vinyl. Das nächste Mal aber wird alles anders.

Philipp Szalay © Lena Prehal
Philipp Szalay
© Lena Prehal

Als der gebürtige Ennstaler Philipp Szalay 2013 seine CD „We colour the night" aufnahm, merkte er, dass er einen Bandnamen - oder nennen wir es ruhig eine Marke - brauchte, die mehr darstellen sollte als „nur" eine Person. Ob mit weiteren Musikern auf der Bühne oder doch alleine musizierend, das sollte dabei keine Rolle spielen. Farewell Dear Ghost, der Name, stammt von einem Song von Monta, dies wiederum ist ein Soloprojekt des Musiker Tobias Kuhn. Der Begriff Seelenverwandtschaft wäre vielleicht zu dick aufgetragen, aber eine Inspirationsquelle ist Kuhn für Szalay sicherlich. Wobei Größen wie Oasis und The National auch eine gewisse Rolle bei der musikalischen Sozialisation des Philipp Szalay spielten.

Die zehn Songs von „We colour the night" waren für einen Newcomer ausgesprochen professionell produziert und fanden auf Anhieb großen Anklang, speziell auf dem Radiosender FM4. „Durch diesen Kanal haben wir eigentlich eine einzigartige Situation in ganz Europa", sagt Szalay, „nur sind wir uns dessen meist nicht bewusst". Die Unterstützung durch FM4 merkte man vor allem am Besucherandrang bei den Konzerten, wobei die schönste diesbezügliche Anekdote aus Berlin stammt und ausgerechnet von einem lokalen Printmedium handelt. Farewell Dear Ghost spielten als Supportact für die Caged Animals und nach dem Auftritt kam der einzige ältere Gast zu Szalay an den Verkaufstisch. Der Mann erzählte von seiner Tochter, die er in Berlin besuchen würde und dass er in seiner Bezirkszeitung irgendwo im hohen Norden Deutschlands von diesem Farewell Dear Ghost und seiner CD gelesen habe. Das habe sein Interesse geweckt und ihn zum Konzertbesuch motiviert. Am besagten Merchandising-Stand wird wohl nicht nur dieser Fan die heute wieder so gefragte Vinylplatte ebenso vermisst haben wie das eine oder andere Band-Shirt. Dafür war angesichts der unerwartet flotten Entwicklung vom Nobody zum gefragten „New act" schlicht keine Zeit und auch kein Geld da, sagt Philipp Szalay.

Die beiden Grazer Christofer Frank und Georg Hartwig gaben entscheidende Inputs dafür, dass Farewell Dear Ghost schon mit dem ersten Erscheinen eine grenzüberschreitende und bis zu einem gewissen Grad sogar stadiontaugliche Wirkung entfachen konnte. Bei den finalen Arbeiten an der CD wurde kein Aufwand gescheut, das Produzentenduo flog sogar extra nach Reykjavik, um dort die Songs abzumischen. Dass der Sound so „sphärisch und flächig" klingt, führt Philipp Szalay ganz wesentlich auf die Distanz zwischen Island und Graz und auf die Abgeschiedenheit im Studio zurück. Interessanterweise war es zuvor der isländische Musiker Helgi Jonsson, der die beiden Steirer Szalay und Frank zusammen brachte, indem er dem Produzenten ein Demotape des Musikers weitergab.

Und warum singt einer, dessen Texte unzweifelhaft literarische Qualitäten haben, nicht in seiner Muttersprache? „Ich hatte von Anfang an Schwierigkeiten, im Deutschen nicht zu profan zu werden, nicht in Belanglosigkeiten abzugleiten", sagt Szalay und weiter: „Englisch hat mehr Melodie und für mich auch mehr Poetik". Eine gewisse Fachkenntnis kann man ihm da nicht absprechen, denn hauptberuflich ist Philipp Szalay Englisch- und Geografie-Student, Musik bezeichnet er als „teures Hobby". So naiv ist er nicht, dass er glaubt, der internationale Durchbruch sei klar vorgezeichnet, insofern ist die Option, eines Tages Lehrer zu sein, keine schlechte. Aber sein Herzenswunsch wäre es schon, irgendwann von der Musik leben zu können, auch das bestreitet er nicht.

Zur Zeit ist Farewell Dear Ghost ausgesprochen gut gebucht, wobei die Gagen gerade dazu reichen, um die Ausgaben zu decken. Das viele Equipment, das notwendig war, um auf eine ausgedehntere Tour zu gehen, das hat Philipp Szalay aus eigener Tasche finanziert. Im Wiener Gasometer und in München konnte der junge Steirer in den vergangenen Monaten tatsächlich schon ansatzweise Stadionatmosphäre schnuppern und vor einer Menge von 1000 bis 2000 Besuchern spielen. Die sozialen Medien, in seinem Fall neben Facebook auch Youtube, Twitter und Instagram benutzt Szalay sehr intensiv, um herauszufinden, wie man mit diesen Kanälen ein neues Publikum erreicht und diesem einen Blick hinter die Kulissen ermöglicht. Weil wir schon beim Thema Internet sind: Über den Wikipedia-Eintrag eines unbekannten Autors hat sich Szalay sehr gefreut, auch wenn nicht alles korrekt ist. Das Gründungsjahr der „Band" etwa ist dort mit 2010 angegeben, was schwer nachzuvollziehen ist.

Offline, im richtigen Leben sozusagen, ist das Netzwerken in der Musikerszene gerade in Österreich immer noch leicht möglich, sagt der Steirer. Zu seinen Kontakten gehören neben Label-Kollegen wie Viech auch die in Deutschland derzeit stark gehypten Bilderbuch, für die Szalay bereits mehrmals die Vorband machen konnte. Und wie klingt das alles nun? Erstaunlich international, stellenweise sehr ruhig, dann wieder nach Breitwand und großen Gefühlen. Am besten wird es sein, Sie hören und sehen sich das selbst an. Informationen dazu gibt es auf der nach wie vor charmant unfertigen Website Externe Verknüpfung www.farewelldearghost.com

Wolfgang Kühnelt
Stand: Juli 2014