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Der Zirkusdirektor in der Satellitenschüssel

Oder: Der Künstler als abflugbereiter Düsenjäger. Über das One-Man-Kunstorchester Christian „Motor“ Polansek

Christian "Motor" Polansek © Erwin Michenthaler
Christian "Motor" Polansek
© Erwin Michenthaler

Man stelle sich einen abflugbereiten Düsenjäger vor, eingeschweißt in eine kleine goldene Keksdose, verpflanze diese in einen Körper balzacscher Vitalität, denke sich aus jedem Triebwerk Girlanden voller Ideen und Projekte, und siedle solches Lebewesen in der braven Übersichtlichkeit einer zweitgrößten Stadt an, so hat man einen ungefähren Eindruck von Christian „Motor" Polansek in Graz.

Welche Kunstsparte genau bedient nun das One-Man-Orchester von der Statur eines Wagnertenors? („In Siegfried tät ich Ihnen schon machen, in Drachn a, eventuell, wenn's ein bissl eine Marie auslassen ...) Christian Polansek malt, schreibt, singt, organisiert ... und kommuniziert dabei körpersprachlich zwischen „Dazöh ma nix" und „Hurch amol zua!"

Erfrischend pragmatisch und gleichermaßen legendär zeigt ihn exemplarisch sein Youtube-Video, worin „Motor" Christian einen selbstverfassten Text rappend vorträgt. Ein Mann mittleren Alters, energisch geladen bis in die aufmüpfigen Haarwurzeln, er selbst also, schaltet die Kamera ein, postiert sich vor dieser in geziemender Entfernung und legt los, schippend und wippend: „Jump into the water, jump into the water, jump into the water, and swimm!" Hockneys „a bigger splash" rappt mit. Nach drei Minuten geht der Mann wieder auf die Kamera zu und schaltet sie ab.

Solch unprätentiöse Geradlinigkeit eines Künstlers muss genauer beleuchtet werden.
Geboren 1965 in Graz und maturiert in Voitsberg, absolviert Christian Polansek seinen Zivildienst in der Verkehrsabteilung der Grazer Polizei (!), wo er auch gleich eine Ausstellung kreiert über die Labyrinthe von Behördenwegen.

Danach studiert er, faustisch verzweigt, herum in Graz: Architektur, Verfahrenstechnik, Meteorologie, Medizin ... aber nichts davon gibt seinen vielfältigen Ambitionen feste Kontur.
Mit 30 stellt er fest: „Ich habe keinen Beruf."

Immer schon kunstaffin, wird er Modell und gleich auch Unterrichtender für Aktzeichnen. Schon malt er auch: Fische! Fische für Brüssel, Fische für Banja Luka, Bikinifische, steirische Fische für die Welt! Manche dieser Fische wurden offensichtlich ausgebildet in der Fleischfressabteilung des Amazonas: Strotzend vor Zähnen schwimmen sie da, nie ohne Humor, allesamt so quicklebendig, dass man in Paul Klees lyrischen Unterwasserwelten wohl Doppelwachen aufgezogen hätte; andere wiederum erwecken aufgrund ihrer gewellten und gedellten Kontur den Eindruck, als wären sie bei mehrmaligen Ausbruchsversuchen aus dem Bildquadrat vehement gegen die Aquariumwände gedonnert. Allesamt sind sie fröhlich farbig wie die Socken der Pipi Langstrumpf.

Auch viele andere tierisch abstrahierte Lebensformen sieht man auf Polanseks Bildern, reich ornamentiert wie Weihnachtsgebäck und springlebendig wie Volksschüler im Pausenhof. Würden wir solche Bilder in internationalen Kunstzeitschriften sehen, wir würden uns vor Entzücken gegenseitig in die Rippen stoßen, sie als Postkarten in New York oder Kuala Lumpur entdecken und im Dutzend nach Hause schicken, um zu zeigen, dass es uns gut geht.

Doch auch: Christian „Motor" Polansek kuratierte für die FH Joanneum. Brachte ein Buch heraus, das 100 steirische Künstler beinhaltet, las und organisierte Lesungen ... Natürlich gab‘s bei solcher Vielfalt manchmal auch Brösel, denn so Vielgestaltiges unter einzelne Hüte zu versammeln, ist praktisch unmöglich; dass es trotzdem immer wieder gelang, ein Wunder.

Damit Polanseks fröhliches Mal-Biotop auch fresstechnisch überlebensfähig bleibt, entsteht gleich eine Hundertschaft an Katzenbildern, kühn im Strich, tollkühn als Existenzform. Dazwischen liegt aber auch eine zweijährige Amtszeit Polanseks als Zirkusdirektor der Grazer Zirkusschule.

„Um Gottes Willen, welche Sparte war da die deine?"
„Seiltanzen und Feuerspucken. Ich war der einzige Feuerspucker, der auch mit dem Publikum gesprochen hat. Also, ich hab zum Beispiel gesagt, ich werd jetzt die Welt abheizen und so ..."

Als weiteren Charakterzug von Christian Polansek können wir vermerken: die fröhliche Didaktik. Bei der Präsentation seines Porträts des böhmischen Königs Ottokar (bereits in Brüssel gezeigt und in MM‘s Künstlersalon erläuternd vorgestellt), der ja auch weit in die Steiermark herein regierte, sehen wir weniger ein männliches Porträt mit allen Sterblichkeiten, sondern vielmehr Antlitz gewordene Taten, mehr noch eine Art Grundriss einer Wehranlage in Form eines Gesichts, ebenso in eine Schleife gelegt (wie es Ottokar mit Leoben tat) und neu befestigt (wie es durch Ottokar mit Bruck und Radkersburg geschah). Nach dieser lehrreichen Einführung wirft Christian Polansek briefmarkengroße Katzenbilder in das entzückte Publikum.

Nähern wir uns nun des „Motors" schriftstellerischem Werk. Neben einem Sachbuch über das Segeln, (vergriffen, aber noch in der Stadtbücherei zu lesen) umfasst es mittlerweile vier Bücher. Bei den ersten dreien verrät schon der Einband das mobile Gesamtkunstwerk „Motor", und zeigt liebevoll multiplizierte Kleinstpiktogramme in Minifliesen aufs Cover gekachelt. Solches gibt es übrigens mit verschiedenen Motiven auch als Geschenkpapier.

1. „Die Gedichte". Männergedichte! Kälte, Geld, Sehnsucht! Da gibt es kaum einen Bruch durch Ironie. Der da schreibt, dem geht's nicht gut, und er macht kein Hehl daraus. Drei Gedichte tragen das Datum der Weihnachtsfeiertage 2010, die waren offensichtlich echt beschissen.
2. „Die Reise nach Kastanien". Eine satirische Science-Fiction-Geschichte. Ein, physikalisch durch grauen Nebel abgeschirmter und mit besten Absichten zum Idealstaat verlangweilter Ort, mit grauem und einfältigem Kulturleben, eingekeilt zwischen zwei Ländern, deren eines bloß kalt ist und eine geringere Rolle spielt, während das andere unsere Helden beherbergt, welche sind Randolf, der brave Schäfer, und Kurt, der vom Blitz des quadratophobischen, von einem Nebelwall umgürteten Kastanien getroffen, nun kurzfristig zu dessen polymobilem Resonanzkörper wird. Und es gibt Judit, die Ärztin, der in Kurts Akte etwas auffällt, und oben im Orbit kreisen Conny und Sergej, um festzustellen, wie lange es ein einzelnes Paar gemeinsam im Weltraum aushält, und dabei machen auch sie eine merkwürdige Entdeckung, was den Schutzschirm von Kastanien betrifft ...
3. „Der Radetzkyschars", der mittlerweile auch zum Drehbuch umgearbeitet ist, und in dem der Autor dem cineastischen Terrorismus ebenso überraschende Facetten abnötigt wie er der Stadt Graz ein kulinarisches und verkehrstechnisches Denkmal setzt (und wo sich der Autor selbst als glühender Europäer zu erkennen gibt). Stark vereinfacht gesagt geht es um die Entführung einer Straßenbahn, um Filmgeschichte zu schreiben. Dabei wechseln die Identitäten, nicht aber die Schienen. Die ganze Welt ist betroffen, die weibliche Heldin schlägt zurück, der Tourismus boomt!
4. Brandaktuell: „Der Anfang vom Beginn". Nach einer wahren Begebenheit. Der Bomberpilot Thomas Klein wird gegen Ende des Zweiten Weltkrieges über Graz abgeschossen. Er kann sich mit dem Fallschirm retten. Es gelingt ihm die Flucht aus dem Polizeigewahrsam zurück zu seinem Stützpunkt. Schon heute der weltweit am meisten verkaufte Roman zum Thema Graz-Gösting. So geradlinig steht es am Klappentext. Innen aber entfaltet sich, neben der realen Begebenheit, die bombastische militärische Phantomatik der Zukunft, bis schließlich alles wieder ins verbürgte Strafverfahren mündet.


Zu erwähnen sei auch noch, dass Christian „Motor" Polansek erst kürzlich seine Europavignetten präsentierte, eine augenzwinkernde Reaktion auf die übergreifende Überregulierung im Überregionalen, die es dem Aufkleber gestattet, sämtliche auf der Vignette abgebildete Tätigkeiten EU-weit problemlos durchzuführen.

Und auch 2014 wieder organisiert Christian Polansek den „Lesesommer" mit zahlreichen bekannten Literaten in der Grazer Landesbibliothek. Lauter Aktivitäten, die sich bei karger Finanzierung nur in Form energischster Selbstausbeutung vorantreiben lassen. Mit einem Wort, wenn der Mann g‘sund bleibt, ist ihm auch fürderhin alles zuzutrauen, und nichts davon ist abzusehen.

Externe Verknüpfung www.kulturinstitut-graz.com
Externe Verknüpfung www.kawwa.at

Erwin Michenthaler
Stand: März 2014