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Zielstrebig, aber ohne vordefinierte Ziele

Die junge Tänzerin Jasmin Hoffer legt den roten Faden ihrer Kunst an der Grenze zwischen bildender Kunst und Tanz.

Jasmin Hoffer © Alfredo Barsuglia
Jasmin Hoffer
© Alfredo Barsuglia

Bewegungsdrang und der Impuls, die eigenen physischen Möglichkeiten und Grenzen auszuloten, stehen häufig am Beginn einer jugendlichen Tanzkarriere; Ruhiges, Stilles folgt zum Teil später. Anders, nämlich offen gegenüber unterschiedlichen Möglichkeiten unterschiedlicher künstlerischer Ausdrucksformen, präsentiert sich der bislang relativ kurze Werdegang der Grazerin Jasmin Hoffer.

Zwar wollte sie sehr wohl mit 12 Ballett machen, doch der Verweis, sie sei nun schon zu alt dafür, schickte sie undifferenziert hinter Schranken. Das Bedürfnis, der turbulenten Gefühlswelt eines Teenagers (Spiel-)Platz zu verschaffen, ließ sie schließlich einerseits bei ihrer Ausbildung an der Pädak neben anderem „bildnerische Erziehung" wählen und sich andererseits dafür entscheiden, von 2006 bis 2008 die Meisterklasse für Malerei an der Ortweinschule zu belegen: Nicht unbedingt, um Malerin zu werden, sondern „Künstlerin". Der konzeptionellen Kunst galt ihr Kunstinteresse ganz allgemein, der Performance-Kunst und der darstellenden Kunst im Besonderen. Und dafür schien das breitgefächerte Angebot des gewählten Lehrers Richard Frankenberger gut geeignet.

Gleichzeitig begann sie 2007, im ersten Jahr an der Ortweinschule, zu tanzen: bei Tomas Danielis‘ (SK) Work-in-progress-Projekt „zeittotschlaggerät - zur Förderung junger TänzerInnen auf dem Weg ...". Diese Erfahrung wurde für Hoffer zum Schlüsselerlebnis, wusste sie nun doch, dass sie den Körper als Medium verwenden möchte. Heute ergänzt sie: Die Komplexität des Körpers sei ihr wesentlich; ebenso, dass er in der Performance - im Unterschied zu Musik oder Malerei, wo er „Verlängerung" des Mediums sei - nicht allein Werkzeug sei und nicht instrumentalisiert werde.
In den folgenden Jahren besuchte sie zahlreiche Workshops: in Graz bei der Bühnenwerkstatt, weitere in England und Schottland. Dort war es, wo sie die Bedeutung von Tanztechnik erkannte: als Voraussetzung nämlich dafür, eigene Bewegungen zu entwickeln, um Ureigenes ausdrücken zu können.

Zu einem weiteren, wesentlichen Schritt verhalf ihr Anfang 2011 die ungarische Tänzerin Marta Ladjanszki, die sie beim ersten großen Solo „Linescaping" im Rahmen von "tanz schritt weise" coachte und dabei mit ihren tänzerischen Schwachstellen konfrontierte. Einen roten Faden verfolgte Hoffer allerdings schon seit ihren ersten Präsentationen: einen, der zwischen bildender und darstellerischer Kunst verläuft; einen, der das Moment der Ruhe und Stille in das Performative bringt und das Verbindende zwischen beiden Sparten aufzuzeigen versucht.

Dass Jasmin Hoffer im Herbst 2010 nach Wien ging, hatte zwei Gründe: Sie suchte Abstand zum Vertrauten; ein weiterer war, dass es damals in Graz noch kein kontinuierliches Training im Sinne einer Contemporary-Dance-Ausbildung gab. Was sie im WUK Theater erstmals kennenlernte, war eigene Entwicklung im Rahmen kollaborativer Zusammenarbeit. Ihr folgender Aufenthalt als Tanztrainerin in Palästina im Mai 2012 lag für sie auf einer interkulturellen Ebene wie auch von spartenübergreifender, da sie die dort entstandenen Fotos im Rahmen der Bühnenwerkstatt ausstellen konnte. Im Sommer 2012 konnte sie einen starken Input in Russland erfahren, wo sie bei einem Festival unterrichtete und auch die Möglichkeit zu performen hatte: auf einer großen Bühne und daher im krassen Gegensatz zu Bisherigem - expressiv und raumeinnehmend.

Ihre zweimalige Teilnahme an „Nature Moves", einem Projekt der IG Tanz Steiermark, ließ sie die tradiertere Arbeitsweise eines Choreographen wie Evgeny Kozlov kennenlernen. Das bei ihm notwendige Einlassen und Ausführen seiner Vision mag mit ein Grund sein, dass sie u. a. das Thema der Macht einer Lehrerpersönlichkeit im Tanz beschäftigt. Ein grundsätzlich inhaltliches Anliegen ist Hoffer, den lebendigen Diskurs mit dem Publikum im Auge zu haben: Es müsse Raum sein für Reaktionen; was selbstverständlich auch für jeden einzelnen Performer gelte und für diese im Miteinander. Für Jasmin Hoffer sind Freiräume im künstlerischen Prozess wesentlich, damit sich das Agieren aus einem Dialog entwickeln kann: Nur so könne die Bewegung ihre Fragilität bewahren.

Seit Oktober 2012 studiert Jasmin Hoffer bei Martin Sonderkamp „Tanzvermittlung im zeitgenössischen Kontext" an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Dieses Format ist weit gefasst, angelegt zwischen Performen und Unterricht; beides ist ihr wichtig. So wie ihre Entwicklung, die sie vom damals ausschlaggebenden subjektiven Empfinden zum jetzigen Fokus „was von allgemeiner Relevanz ist" gebracht hat; verbunden mit einer immer noch sehr offenen Einstellung zu ihrem künstlerischen Standort: Sie wolle eingebunden in sein in zeitgenössische Kunst, sagt sie.


Evelin Koberg

Stand: Dezember 2013


Erstveröffentlicht im Dezember 2013 auf der Seite Externe Verknüpfung http://www.ventilartor.at - Übernahme in die Reihe „ARTfaces" mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Jasmin Hoffer © Alfredo Barsuglia
Jasmin Hoffer
© Alfredo Barsuglia
Aus der Performance "The dance I don''t want to remember", Choreographie: Oleg Soulimenko, Tanz Quartier Wien, Jänner 2014 © Alfredo Barsuglia
Aus der Performance "The dance I don''t want to remember", Choreographie: Oleg Soulimenko, Tanz Quartier Wien, Jänner 2014
© Alfredo Barsuglia