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Man ist nicht immer gleich stark

Die 1975 in Australien geborene Soundkünstlerin, Komponistin, Musikerin, Architektin und Soziologin Tamara Friebel arbeitet aus dem Gefühl heraus. Ihre Projekte entwickeln sich aus einer scheinbaren Zufälligkeit.

Amarylis © Tamara Friebel
Amarylis
© Tamara Friebel

Ob sie in ihrem Leben, wirklich etwas dem Zufall überlassen hat? - Man wagt es zu bezweifeln, wenn man mit Tamara Friebel spricht. Trotzdem sind es zufällige Entdeckungen, intuitive Aktionen oder Reaktionen, die ihr künstlerisches Leben ausmachen. Und immer der emotionale Zugang, der ihre Arbeit vervollständigt. In ihrem künstlerischen Zugang fühlt sie sich angekommen. Damit sie dort landen konnte, hat sie einen breiten, weiten, vielschichtigen und gleichzeitig beeindruckenden und atemberaubenden Weg begangen.

In Australien hat sie in ihrer Kindheit und Jugend Klavier, Geige, Blockflöte, Klavier und Horn gelernt. Viel in Orchestern gespielt, Klavierkonzerte gegeben und auch schon komponiert. Eines war ihr aber immer klar: „Ich wollte keine Konzertpianistin werden". Denn im Orchester habe sie sich gefühlt wie eine Puppe, weil alles gleichzeitig und zusammen passieren muss. Da ein Musik- und Kompositionsstudium in Australien keinen Stellenwert hat, studierte sie zuerst Soziologie bis zum Abschluss in Melbourne, um zu erfahren, warum Menschen Dinge tun oder lassen: „Warum machen wir etwas - ich wollte die Psychologie hinter den Sachen ergründen." Danach hat sie mit dem Architekturstudium begonnen. Als Austauschstudentin kam sie an die Technische Universität in Wien. Das war ihr zu wenig, deshalb machte sie die Aufnahmsprüfung an der Universität für Musik und darstellende Kunst für ein Studium der Komposition (bei Chaya Czernowin) und Elektroakustik. Komposition ist doch eine wesentliche Basis für ihre künstlerischen Tätigkeiten. Das war 2002.

„Es war keine wirkliche Entscheidung, sondern es ist mir so passiert. Ich habe die Aufnahmeprüfung geschafft und somit war es klar", freut sich die Künstlerin noch heute. So landete sie in Österreich. Ihre Heimat Australien vermisst sie immer noch ein bisschen, vor allem das Meer. Aber sie reist auch regelmäßig dorthin. In ihrer Ausbildung ging es gleich rasant weiter, und so zog sie zwischen durch nach England: Sie absolvierte dann an der Huddersfield University das Kompositionsstudium mit dem Doktortitel. Aber auch ihr Architekturstudium finalisierte sie an der Universität für angewandte Kunst in Wien bei der internationalen Stararchitektin Zaha Hadid.

Versucht man im Gespräch ihr unglaubliches Ausbildungslabyrinth zu entwirren, erzählt sie von ihren Studien und ihren dadurch erreichten akademischen Titeln mit einer Nonchalance und einem steten aufgeweckten Lächeln. Alle Studien dienten und dienen ihr als Instrumente für ihre eigentliche künstlerische Arbeit. Darin steckt ihr Herzblut, und das ist auch ihr beruflicher Fokus. Die Bandbreite ihrer Tätigkeiten entspricht ihren zahlreichen Studien: Sie ist nicht nur Klangkünstlerin, sie beschäftigt sich mit Akustik, baut ihre eigenen Instrumente, schreibt ungewöhnliche Opern, gestaltet Klang- und Rauminstallationen, komponiert „klassische" Musik, spielt diese dann auch - „um im Kopf spannend zu bleiben". Diese Spannung hat sie seit Kindesbeinen in sich: „Ich habe immer schon Lieder gesungen, die ich selbst erfunden habe, oder ich habe Violinduette für meine Schwester und mich komponiert."

Ihr Leben ist für sie ein tägliches Projekt: „Was kann ich heute tun? Ich bin immer offen, um Neues zu finden", sagt die 37-Jährige. Und dieses tägliche Tun und Wirken bildet die Basis für ihre Projekte. Ein Beispiel: Friebel hat im April eine Woche lang täglich jene Blumen eines Grazer Blumengeschäfts bekommen, die im Laufe des Tages durch Schneiden, Aussortieren etc. am Boden landen. Diese Blumen legte sie in ihrem Arbeitsatelier im Grazer RONDO am Boden zum Trocknen auf. Ihre Anordnung liest Friebel nun als Partitur, und diese Blumenpartitur ist die Grundlage für ihre Kurzoper „Wärme", in der es um zwischenmenschliche Beziehungen, um Nähe und Distanz geht. Mitte November 2013 wird diese Kurzoper mit einem Sopranlibretto, Violoncello, Schlagzeug und Klang- und Rauminstallation im Rahmen von „Wien modern" uraufgeführt. Tamara Friebel schrieb für dieses Werk, für das sie all ihr Wissen und ihre Studien instrumentalisierte, nicht nur die Musik, sondern sie generiert den Sound, führt Regie und kreiert das Bühnenbild.

Ein anderes, sehr umfassendes Projekt sind ihre selbst entworfenen „Womb Pavillons" - geschwungene musikalische Architektur mit weichen, weiblichen Formen. Diese Entwürfe sind Teil ihres „Canto Morph", einer transdisziplinären Auseinandersetzung mit der lebendigen Form und der Beziehung zwischen den Sinnen. „Die Ohren sind stärker als die Visuals", ist Friebel überzeugt. Ihre Arbeit ist konzeptuell orientiert; was sie inspiriert, oder wie sich Projekt entwickelt, bleibt aber dann doch auch ein wenig dem Zufall überlassen. So inspirierten Friebel Teile von Schrottplätzen in Wien für ein Projekt in New York. Ein anderes Mal war eine alte Nähmaschine aus Schottland Hauptdarsteller in einem Musikstück.

Ihrem Publikum will sie immer ein Stück Echtheit, ein Verstehen auf unterschiedlichen Ebenen mitgeben. „Wichtig ist es, das Gefühl zu verstehen, und nicht darüber zu reden." Gleichzeitig will sie die Neugierde wecken, um über den Tellerrand hinauszudenken. Ihre Kreativität hat ihr unlängst ein Stipendium im Rahmen von „New Sounds of Austria" gebracht. Friebel spricht von einer Glückssache. Andere nennen das künstlerisches Können. Zahlreiche Projekte liegen vor ihr, ein Porträtkonzert für die Jeunesse und den ORF sowie ein Kompositionsauftrag über ein Zehn-Minuten-Stück. Sie ist vollzeitbeschäftigt, ohne davon finanziell leben zu können. Aber: „Wenn ich keine Musik mache, würde ich sterben."


Externe Verknüpfung www.tamarafriebel.com


Petra Sieder-Grabner
Stand: Oktober 2013