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Sehen, wie ich sehe

Clemens Hollerer arbeitet mit gefundenen Formen, die er aus ihrem Beziehungsgeflecht hebt, ihrer eigentlichen Funktionen entledigt und in einen Kunstzusammenhang bringt. So entstehen allgemeine Geometrien, die doch die Subjektivität der Auswahl eines Künstlers spiegeln, und perfekt abgestimmte Rauminterventionen, die ihrem eigenen Rhythmus folgen.

Modular systems - shelf, bench, cooler, seat, Kunsthaus 2013 © Clemens Hollerer
Modular systems - shelf, bench, cooler, seat, Kunsthaus 2013
© Clemens Hollerer

Zuerst war die Fotografie. Und Clemens Hollerer widmet sich ihr seit 1992 eingehend, ab 2001 besucht er eine Fotoschule. Doch nach einiger Zeit der intensiven Auseinandersetzung wird das Medium zu limitiert in der Größe, zu beschränkt in seiner Verhaftetheit in der Zweidimensionalität. Mit dieser Unzufriedenheit beginnen erste, kleinere Projekte im öffentlichen Raum, meist Wandmalereien, die im Gegensatz zur Fotografie weit mehr Einfluss auf eine gesteuerte Farbgebung erlauben. Die Rückseiten von sieben Plakatwänden auf den Reininghaus-Gründen werden zum Schauplatz für eine Arbeit. Es folgt die Bewerbung an einer Kunstschule in Belgien, dem Higher Institute for Fine Arts in Antwerpen, das er 2006 bis 2007 besucht.

Eine Institution, die die Studenten auf die Kunstwelt so vorbereitet, wie Clemens Hollerer sich das vorstellt: Die zehn ausgewählten KünstlerInnen, wissen bereits wie sie arbeiten möchten, sie haben ein eigenes Atelier zur Verfügung, produzieren selbstständig und werden in regelmäßigen Abständen von KuratorInnen aus ganz Europa besucht; Unterricht in dem Sinn gibt es nicht, die Professoren nehmen keinen Einfluss.

Eine eigene Sprache der Formen und Farben. Clemens Hollerer beginnt nun immer mehr von der Fläche wegzugehen, sich auch im Dreidimensionalen zu bewegen. Die Auseinandersetzung mit Raum und Perspektive wird ins Beschäftigungsfeld mit aufgenommen. Ebenso, wie das Verhältnis von Mensch und Raum. Gearbeitet wird bevorzugt site-specific: Die Arbeit wird im Raum, für den Raum geschaffen. In der Folge ändert sich auch die Größe seiner Arbeiten. Bevorzugte Materialen kristallisieren sich immer stärker heraus: Holz, aber auch Alu, bemalt mit verschiedenen Lacken.

In der Fotografie, die Hollerer wieder aufgreift, erfolgt eine Art gedankliche Vorarbeit, das Suchen und Finden von Kompositionen - Ausgangspunkt für die Entwicklung dreidimensionaler Werke. Bevorzugtes Jagdgebiet für derartige Eindrücke sind Baustellen. Als visueller Fundort für Personen und abstrakte Strukturen steht die Baustelle für den Künstler auch für die Mobilität und Wandelbarkeit unserer Gesellschaft und des Stadtraumes. Nichts steht still oder bleibt ewig gleich. Eine Baustelle als gelebter Wille zur Veränderung, als Verwirklichungsort von Visionen, wie auch immer sie am Ende aussehen mögen. Alles ist flexibel und von Umgestaltung betroffen.

Formal sind Linien und Gitter bevorzugte Elemente. Gestreifte Latten als Absperrungen rund um den Baustellenraum, die einer Linienführung dienen, tauchen oft in Ideenfotos und späteren Werken auf. Auch Baustellenarbeiter und ihre Leuchtwesten. Die Unschärfe der Fotografie entzieht ihnen den menschlichen Charakter, fügt sie ein in ein formales Geflecht. Baukräne interessieren Clemens Hollerer formal wie inhaltlich, schließlich sind sie ob ihrer Höhe und dem damit verbundenen Überblick die Herrscher der Baustelle.

Einen Raum befragen und auf ihn reagieren ... Für seine Ausstellungen wird ein gegebener Raum inspiziert und das Kunstwerk vor Ort vom Künstler selbst produziert. Hollerers Bezüge für die Verwirklichung einer Idee im Raum entstehen immer erst bei der Raumbegehung, er akzeptiert keine lange Vorplanung. Die Idee kommt unmittelbar. Dann wird grob ausgemessen und Material bestellt. Er produziert nach dem Baukastenprinzip - auch wenn es oft nicht einfach ist, die Materialien vor Ort zu organisieren. Er arbeitet allein. Die Herstellung ist ihm ein wichtiger Prozess, das Schneiden und Einpassen, das Denken in und mit dem Raum. Holz ist dabei dankbares Material und „nahe zum Menschen".

Der Zeitdruck ist wichtig. Zwei bis drei Tage dauert der Aufbau des Künstlers. Diese Taktik ist Konzept. Nur selten wird davon abgewichen und nur in Sonderfällen vorgeplant und vorgearbeitet und gar aufgrund von Fotos entschieden. Auch wenn die KuratorInnen im Vorfeld oft gerne mehr wüssten. Die ortsspezifische Vorgehensweise erfordert außerdem am Ende die Zerstörung des Kunstwerks im Zuge des Abbaus einer Ausstellung. In einem anderen Zusammenhang wären die Arbeiten nicht denkbar, sie würden ihren Kontext, ihre Eingespanntheit in die Architektur aufgeben. Was bleibt ist die Fotodokumentation. Und als ausgebildetem Fotografen liegt ihm auch das.

Über Einflüsse und Bezugspunkte. Die Titel seiner Installationen spannen oft Bezüge zu den Orten, an denen die Fotos entstehen, also dorthin, wo die Idee ihren Ursprung hat. Oder Hollerer bedient sich ganz einfach an Songtiteln, bei der New Yorker Band Blonde Redhead zum Beispiel. Fragt man nach künstlerischen Einflüssen, nach Vorbildern, so spricht Hollerer über den Beuys-Schüler Blinky Palermo, dessen künstlerisches Vermächtnis er recherchiert. Indem er sich mit Menschen trifft, die Blinky gekannt haben, indem er sich auf Palermos berühmtes blaues Dreieck beruft - eine Farbe, die er für sich übernimmt und weiterführt. Ideelle Parallelen sind auch Gordon Matta-Clarks Cuttings oder der minimalistische Fred Sandback, der allein mit Schnüren einen Raum entwirft - ein Arbeiten aus dem Koffer, oder eben, wie bei Clemens Hollerer mit dem Werkzeugkasten. So muss man, um international präsent zu sein, nicht erst komplizierte Transporte bemühen.

Brüche „hineinquetschen" und Zusammenhalte schaffen.
Über seine Ausstellung „Equally damaged" in der KHG Graz war hier bereits in der letzten Ausgabe zu lesen - erstmals wurde dort gemeinsam mit den Installationen auch Fotografie gezeigt. Bei der regionale08 in Feldbach verwirklichte Clemens Hollerer zwei kranartige Strukturen, die er in einen 500 qm großen Weinkeller als verschachtelte, blaue Lineamente hineintreibt - sie werden quasi in den Raum „hineingebrochen". Es sind also nicht unbedingt die Rampenlichtplätze im Ausstellungsrundgang, die Clemens Hollerer aussucht. „Beware" macht den Nichtort unter einer Treppe mittels gestreifter Latten noch unpassierbarer und auch „Hated because of great Qualities" nimmt sich einer ungeliebten Wandsituation an, die andere Künstler ablehnten. Als Bezug zu einem zum Abbruch freigegebenen Haus entsteht die Arbeit „In Casino Out" mit einem konstruierten Bruch. Genau in den Raum eingepasst ist dieser damit, trotz des realen Durchbruchs, nicht mehr zu durchschreiten. „Down Under" heißt eine weitere charakteristische Arbeit - nach Blonde Redhead oder auch nach ihrer Form oder nach Sydney/Australien - eine Trennwand in der Galerie wirkt hier als gefundenes Arrangement. Hollerer lackiert sie schwarz und setzt ihr einen leicht verdrehten Holzrahmen in der gleichen Größe vor, der im Verlassen der Fläche von weiß auf schwarz umspringt. Seine aktuelle Arbeit „Lost in Formation" in der Galerie Winiarzyk ist als Struktur gegen die Wand gebaut, eine Plakatwand, die die Information absichtlich auszublenden scheint, oder diese als allgemein verloren ansieht. Ein Raum, der um seine Botschaft erleichtert, allein den neu eingeschriebenen Formen geweiht werden kann.

Externe Verknüpfung www.clemenshollerer.com

Eva Pichler

Text aus der Reihe „ARTbox" der Zeitschrift „korso", entstanden in Kooperation mit der Kultur Service Gesellschaft Steiermark, Juli 2009

Clemens Hollerer

wurde 1975 in Bruck an der Mur geboren; 1995-1997 Kolleg für Tourimus und Freizeitwirtschaft, Bad Gleichenberg; 2003 Internationale Sommerakademie, Salzburg, bei Professor Katharina Sieverding; 2001-2005 Euregio College for Fine Art Photography, Kefermarkt; 2006-2008 HISK - Higher Institute for Fine Arts, Antwerpen; 2010 Artist-in-Residence at International Cité des Arts, Paris. Ausstellungen (Auswahl): 2003 Moving, The smallest gallery, Graz; 2006 FIRST THINGS FIRST, CCNOA - Center for Contemporary Non-Objective Art, Brüssel; 2006 Beyond, Konsortium, Düsseldorf; 2007 All is well that begins well and has no end, Washington Square East Gallery, New York; 2007 Und jetzt (and now), IS & Petit Port Gallery, Leiden, Niederlande; 2008 Open sky, Räume jenseits ihrer Praxis, Schloss Kalsdorf; 2008 SNO 38, SNO - Sydney Non-Objective, Australien; 2008 Nick & the Beanstalk, CCNOA - Brüssel; 2009 Galerie Winiarzyk, Wien; 2009 Beware, Koje Medienturm, quartier21, Museumsquartier, Wien; 2009 Equally damaged, KHG, Graz; 2009 My Painting.nu, Lokaal 01, Breda, Niederlande; lebt und arbeitet in Graz bzw. von Graz aus.

Update 2013:

Seit 2012 wird Clemens Hollerer von der Galerie Klüser/München vertreten, wo ihm im Frühjahr 2013 eine Personale gewidmet war. Seit 2010 wurden Arbeiten von Hollerer in Gruppenausstellungen in Österreich, Kroatien, Deutschland, Schweiz, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Großbritannien, den USA, Kroatien und der Ukraine gezeigt. Auch in Graz ist der Künstler nach wie vor präsent; unter anderem war er an der 10-Jahre-Jubiläumsausstellung im Kunsthaus Graz beteiligt.

Coming back to life, Lyon  2013 © Clemens Hollerer
Coming back to life, Lyon 2013
© Clemens Hollerer
Gatekeeper, Kornberg 2013 © Clemens Hollerer
Gatekeeper, Kornberg 2013
© Clemens Hollerer