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Die Ehrlichkeit der Musik

Die versierte Jazz-Sängerin und -Komponistin Tjaša Fabjančič schlägt mit „Pripovedi/Erzählungen“ eine eigenständige Richtung ein.

Tjasa Fabjancic © Jan Balaz
Tjasa Fabjancic
© Jan Balaz

„Ich wollte etwas mit einer kleineren Besetzung machen, wo man unabhängiger als in einer größeren Formation ist", erzählt die Grazer Sängerin und Komponistin Tjaša Fabjančič über ihr neues Trio, mit dem sie im Sommer 2013 die CD „Pripovedi/Erzählungen" eingespielt hat. Robert Jukič, seines Zeichens gefragter Jazzbassist in Slowenien und Österreich, und Borut Mori, mit dem österreichischen World Music Award 2010 ausgezeichneter Akkordeonspieler, sind die Begleiter auf Fabjančičs Reise querfeldein durch verschiedene musikalische Gefilde. „Ich wollte neben der klassischen Jazz-Besetzung, mit der ich während meines Studiums in Graz und Amsterdam hauptsächlich gearbeitet habe, noch etwas anderes probieren", sagt die Sängerin, die sich mit ihrem Quintett „Playgrounds" erste Achtungserfolge verdiente und zudem in der Formation „Akrostichon" von „Playgrounds"-Partner Michael Lagger singt und textet.

Die Songs auf Fabjančičs neuer CD „Pripovedi/Erzählungen" - allesamt Eigenkompositionen - sind eine sehr eigenständige Mischung aus Chanson, Weltmusik, Jazz, slowenischer Volksmusik- und Poptradition. Manche Songs erinnern an den portugiesischen Fado, bei anderen spürt man den Blues durch, dann wieder gibt der Flamenco oder ein ländlicher Walzer den Takt an; darüber legen sich raffinierten Rhythmen und ein Hauch nordbalkanische Melancholie. - Oder in den Worten der Musikerin, die diese Mischung geschaffen hat: „Ich nehme Elemente aus verschiedenen Stilen und Richtungen auf und kombiniere sie neu. In diesem Sinn bewege ich mich nicht in bestehenden, sondern in erfundenen Traditionen." Das Resultat ist eine Musik, die auf vielen Ebenen funktioniert - sowohl musikalisch als auch intuitiv, emotional. „Nicht alles offenbart sich sofort; beim oftmaligen Hören kann man noch so kleine Geheimnisse und verwinkelte Gassen entdecken ...", sagt die Komponistin.

Tjaša Fabjančič wuchs in einem kleinen Dorf in Südost-Slowenien auf. Sie lernte in ihrer Kindheit Klavier und spielte später - wie auch auf der neuen CD - Percussions. Sie absolvierte ein Anthropologie-Studium in Ljubljana und verbrachte als Stipendiatin ein Studienjahr in Lynchburg, USA, bevor es sie nach Graz und zum Jazz verschlug. Dass es die Musik sein würde, der sie sich schließlich voll und ganz widmen würde, „ist einfach passiert", erzählt sie. „Ich hatte Freunde, die an der Kunstuni Musik Graz studierten, und als ich die Aufnahmeprüfung schaffte, bin ich in die professionelle Musik einfach reingerutscht." - Und das mit Erfolg: 2009 gewann sie den 1. Preis des slowenischen Kompositionswettbewerbes „Jazzon" für ihr Stück "Smeh in solze". Mit ihrem Ensemble „Playgrounds" war sie Preisträgerin bei europäischen Jazzwettbewerben, wie dem belgischen „Jazz Hoeilaart" und der ungarischen „Kodolanyi Jazz Competition". 2009 erschien „Traveling", die erste CD des Quintetts „Playgrounds" in der ORF-Jazzserie von Ö1, die zweite CD „Circles" wurde 2011 beim Wiener Label Sessionwork Records veröffentlicht.

Nach dem sehr jazzigen, aber in alle Richtungen offenen „Playgrounds"-Einspielungen klingt die unkonventionelle Trio-Besetzung von „Pripovedi/Erzählungen" mit Percussions, Bass und Akkordeon ebenfalls abwechslungsreich, aber eine Spur puristischer. „Was mir sehr wichtig ist, ist nicht nur die Suche nach der Schönheit und Stimmigkeit, sondern auch die Ehrlichkeit in der Musik", so Fabjančič. Nachsatz: „Vielleicht ist dieses Album das Persönlichste, Intimste bisher ..."

Im Zentrum des homogenen Klangbildes der 10 Songs steht Fabjančičs wandelbare Stimme, mit der sie die slowenischen Texte interpretiert. In denen geht es oft - den Übersetzungen im Booklet sei Dank! - um traurige Dinge: einem Leben auf der Flucht, um die Hoffnungen Entwurzelter, um Begegnungen an Grenzen ganz allgemein ... schmerzliche Erfahrungen, vermischt mit traumhaften Szenen. „Es spiegelt ein wenig auch meine Situation wider, die ich mich seit einiger Zeit zwischen den Kulturen bewege", sagt die Sängerin. „Seit ein paar Jahren schreibe ich Songs ausschließlich auf Slowenisch, weil ich die Sprache vermisse."

In der slowenischen Jazz-Szene ist Fabjančič nach wie vor sehr präsent. Auch das neue Album wird Anfang Oktober 2013 zuerst in Ljubljana und am nächsten Tag in Graz präsentiert. Was sie sich für das neue Album wünscht? - „Eine CD in jedem Haushalt!", sagt sie mit einem Lachen. "Aber im Ernst: Als Künstlerin wünsche ich mir natürlich, dass die Musik gehört und geschätzt wird, dass das Album Medienaufmerksamkeit bekommt und selbstverständlich auch beim Publikum gut ankommt. Ich hoffe, dass wir die Möglichkeit haben werden, diese Musik so gut und oft wie möglich in verschiedenen Rahmen zu präsentieren und bei den Festivals gastieren. Was gibt es Schöneres, als dass die Musik lebt?"

 

Homepage: Externe Verknüpfung www.tjasafabjancic.com

 

Werner Schandor
Stand: September 2013