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„Warum ich so ein fröhlicher alter Mann bin“

Der Allroundkünstler Sascha Stöckl

Groß © Privat
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„Schau," sagt Sascha Stöckl, der am 6. Mai 2013 achtzig Jahre alt wird, „es muss so 1963 gewesen sein, eine Bank schreibt einen Preis aus für ein Theaterstück, in Wien, irgendwo überm Ring. Na schreib ich eins und mach den dritten Preis, 5000 Schilling! Ein Maschinist erbt drei Puppen, aus denen ein Konstrukteur versucht hat, Menschen zu machen. Und die reden natürlich pure Lyrik. Völliger Wahnsinn. Science Fiction! Aber das hat‘s damals ja noch gar nicht so wirklich gegeben, Maschinenmenschen waren ja eigentlich Überbleibsel aus der Romantik! Das Einzige, woran ich mich bei der Preisverleihung erinnern kann, ich trag einen grünen schottischen Lambswool-Anzug, keine Ahnung wo ich den hergehabt hab, und hab an Scheck in der Hand, hihi und Cut!"

Wien wird Sascha prägen. „Na da gab‘s das Normale mit Family und Job und dann gab‘s eben die Künstler. Die hatten ja alle mehr oder weniger einen Sparren. Entweder du gehst durch das Türl, oder du laufst bis ans Lebensende im Hamsterradl".

Damals, am Ende der 1950er und durch die 1960er Jahre hindurch herrschte, nicht nur in Wien, großer Aufholbedarf in der Kunst, um Österreichs Sprung auf Augenhöhe mit der Gegenwart zu vollziehen.

„1957 hab ich Grafiken an den Staat Österreich verkauft. Also ich hör da, die kaufen Kunst. Tanz ich halt an mit meiner Mappe. Da warma ja alle mehr oder weniger Abstrakte. Ich hab da Grafiken und Bilder, so in der Art vom Wols, also in der Mitte eine grüne Wunde und rundum tschuck, tschuck, tschuck und nach oben hin ein paar schwarze Hacker. Kaufen sie zwei Arbeiten um 2500 Schilling. Das war noch Geld, 1957!"

Nach anfänglicher Bohemienzeit in Wien - „Ich war ja fast täglich im Jazz Freddy oder in Fatty‘s Jazzkeller und hab Lyrik geschrieben und gemalt" - kommt für Sascha eine Phase bürgerlicher Konsolidierung mit Ehe und zwei Kindern. „Da war ich bei Donauland Chef der Arbeitsvorbereitung".

Es folgt die zweite Ehe mit einer Künstlerin. „Sind wir aufs Land gezogen, hamma beide gemalt. Hab ich im ganzen Obstgarten Fetische aufgebaut, aus lauter altem Zeugs, war ja genug da, Ketten, Sicheln, Sägeblätter ... musst ja auch immer Knödel aufstellen, also simma wieder loszogen mit unseren Mappen. Komm ich zu an Arzt. Batzenvilla. Na, der lässt mich bremsen a halbe Stund im Jagdzimmer. Die ganze Wand voller G‘weih. Komm ich rein, sitzt da ein mürrischer alter Sack. Sag ich, schöne Waffn hams an der Wand. Na freut der sich, dass ich weiß, dass ma zu dem Hörndlzeug Waffen sagt. Damals hamma gut verkauft".

Chronologie werden wir wohl nicht in die Geschichte hineinbringen, beim Rekapitulieren von Sascha Stöckls Werdegang als Künstler, denn auch ganz früh schon wechseln in seinem Leben die Schauplätze. Geboren in Graz, kurz Berlin, schließlich Wien.

Mit zehn wird Alexander Jörg von den Nationalsozialisten für zwei Jahre in die Napola in Traiskirchen gesteckt, dann ist der Krieg aus. „Na, was, indoktriniert haben‘s uns nicht, aber g‘schliffen haben uns die Schweine. Und natürlich die ganze paramilitärische Scheiße hab ich da mitgemacht." Nachdem man in Wien ausgebombt ist, folgt die Matura in Bregenz. Dann aber geht's für längere Zeit nach Fürstenfeld. Sascha spielt Basketball und macht sogar die erste Staatsprüfung in Jus. „Na was, wär ich irgendwas worden und hätt‘ heute an Batzen Pension. Und, hätt‘ ich meine Frau kennengelernt? Sicher nicht, da wär ich nicht nach Graz gekommen. Wahrscheinlich würd ich mit irgendwelchen senilen Richtern tarockieren und mich zu Tode langweilen."

Sascha Stöckl ist seit 19 Jahren in dritter Ehe mit Mag. Susanne Stöckl verheiratet. „Sie übersetzt und ich schreib derweil und mal‘ ...". Ein neuer Roman ist in Arbeit.
„Und wie schaut‘s mit Veröffentlichungen aus?"
„Na was, soll ich kiloweise Manuskripte an Verlage schicken und warten? Ich hab grad eine CD aufgenommen mit Lyrik vom Feinsten, das Sternchen (Manfred Stern) begleitet mich mit seiner Querflöte, da machst was, dann hast dein Ding und fertig".

Immer wieder hat Sascha auch für Zeitungen geschrieben.
„Na, da hab ich immer ein besonderes Glück gehabt. Hihi. Sind alle nach kurzer Zeit Pleite gegangen. Zuerst „Das neue Österreich", dann die „Südost-Tagespost" (Sascha erzählt Geschichten aus der Oststeiermark), dann die „Courage" mit meiner Kulturseite ...".
1979 erscheint Sascha Stöckls Roman „Die unmoralischen Abenteuer des Herrn Rosenzweig" und 1980 folgt „Erbsenschlucker, Tschickarretierer und andere Überlebenskünstler. Onkel Leopolds Erinnerungen an eine schwere Zeit".

Nach der Scheidung von seiner zweiten Frau verschlägt es Sascha nach Graz. „Na da is ma echt dreckig gangen, also fang ich an zu kellnern im ‚Sud‘." Aber: „Gott, der Herr ist gerecht. Dauert nicht lang, hab ich meine Thekenrunde. Auch als Kellner brauchst ein Aug. Lern ich die Susi kennen. Na, geht uns was ab? Sie hat ihren Magister und übersetzt, aber sie malt und schreibt auch".

Beide malen Bilder in ganz eigenwilliger geometrischer Abstraktion, sehr farbintensiv, so als hätte der Architekt der Cheopspyramide einen schultütengroßen Joint geraucht. „Na was, die Farb‘ muss dir das Aug einschlag'n ..."

Sascha schreibt „Chocc, die Cosmomaus"
Saschas Comic „Hugo, der kleine Geist" wird in Hundertschaft kopiert und in der „Scherbe" bei einem heiteren Abend präsentiert. Sascha wird Einstein-Model für eine Werbekampagne. Sascha macht Kleinplastiken. „Also das erste Ding hab ich aus der Wachshaut von so einem Geheimratskäse modelliert, und dann hab ich's beim Goldschmied gießen lassen."
Sascha schreibt „Der Lügenapostel Matthäus" und übt heftige Textkritik am Evangelisten. Das Buch wird im Ortweinstandl präsentiert. Die Bibliotheken von Oxford und Cambridge fordern ein Exemplar an.

DDDr. Günther Nenning zitiert aus Saschas „Evangelium der Zärtlichkeit" am Sonntag in der Kronen Zeitung und verwendet auch zwei von Saschas Ölbildern zur Illustration.
Immer wieder gibt‘s Ausstellungen von Saschas Bildern im kleineren Rahmen. Saschas Grafik zeigt nun verstärkt lyrisch emotionelles Abstrahere, immer farbkräftig ist die Flächenmodulation auf seinen paradiesischen Ölbildern.

Ein Arzt mit Lebenswunsch „Schauspieler" fragt Sascha, ob er für ihn ein Stück schreiben kann, natürlich will er darin auch eine tragende Rolle. Sascha schreibt ihm „Faustus invictus". Das Stück wird im Ortweinstandl mit den anwesenden Standlgästen aufgeführt. Sogar einen griechischen Chor gibt's, der rhythmisch „Hirnprölla" einmahnt. Ein Gast nuschelt mit dem Rücken zum Publikum die „Stimme des Herrn", um dessen Unsichtbarkeit nachvollziehbar zu machen.
Sascha baut Fetische für eine synkretistische Prozession.

Sascha malt „nackte Weiber", südseebunt und in Dschungelumgebung, ausgesprochen variantenreich am vaginalen Blattwerk und darüber seinen manganblauen Himmel.
Als Graz „City of Design" wird, „ich glaub, ich spinn, les ich in der Zeitung, dass die in der Jakominigass‘n und in der Klosterwiesgass‘n an roten Belag auftragen, na sag ich zur Susi, ich wollt eh schon immer meine nackten Weiber in Graz aufsprühen. Also mach ma uns Schablonen und sprüh‘n die Klosterwiesgass‘n mit Heiligen und nackten Weibern voll, bevor‘s mit ihr‘n Belag anfangan."

Und wie wird man jetzt ein fröhlicher alter Mann?
„Na was, redlich musst sein, Kunst musst machen, dass einem as Hirn steh‘n bleibt, weil jede Generation ihre eigenen Bremsen finden muss, na und Gott, dem Herrn musst anhangen ..."

Damit kein Missverständnis entsteht, Sascha Stöckls kritische Auseinandersetzung mit dem goldenen Dreieck, dem kein Spatz ungesehen vom Ast fällt, liegt bereits als Manuskript vor: „Dieser Gott nicht! Welcher dann?"

Und? Conclusio? Der Weisheit letzter Schluss, des Pudels Kern...?
„Na was, a Bild muss dich anstarren wie die Schlange den Hasen, entweder sind‘s paralysiert oder du hast Scheiße gebaut."
„Und in der Literatur?"
„Ich bin mit meinem neuen Roman auf Seite 104, da sitzt a Angler am Fluss und als Köder hat er a Stückl Brot ..."
„Und?"
„Was und?"
„Na da sitzt ein Angler am Fluss und hat als Köder ein Stückl Brot, und?"
„Na eben!"
„Was eben?"
„Na UND! Musst ihn halt lesen, wenn er fertig ist!"

Erwin Michenthaler
Stand: März 2013

Fetisch © Privat
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Sascha Stöckl im Atelier © Privat
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Kreuz © Privat
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Lesung © Privat
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Sche © Privat
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