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„Erst wenn die Szene wirklich frei ist, ist sie auch perfekt“

Christina Scheutz versteht sich selbst als Theatermacherin, denn der Begriff der Schauspielerin setzt ihr in ihrer Kunst zu enge Grenzen.

Porträt Christina Scheutz © Edi Haberl
Porträt Christina Scheutz
© Edi Haberl

Sie kam aus dem Land Salzburg nach Graz, um Jus zu studieren. Das hat sie auch abgeschlossen - aber ihr gesamtes jetziges Leben dreht sich um das Theater, Schauspiel, Clownerie, Regieführen und und auch Theaterworkshops halten. Das ist Christina Scheutz‘ große Leidenschaft, die sie jetzt lebt und auch leben darf. In Graz spürt sie auch den Geist, der ihr ihre Passion ermöglicht: „Die Stadt Salzburg hatte für mich damals nicht den Geist, Kreativität zu wecken, und wenn, war es immer elitär gedacht." Dort war es ihr nicht möglich, das Theaterspielen kennenzulernen. Dass es dann in Graz so passiert sei, sei kein Zufall gewesen. „In Graz spür‘ ich keine Frustration, hier ist ein kreativer Geist, der aus der Freude kommt. Hier ist es selbstverständlich, dass du etwas gut machen kannst."

Verliebt in das Theater hat sie sich am Beginn ihres Studiums. Christoph Kainradl, damals Pastoralassistent im Leechheim, brachte den jungen Menschen in der Katholischen Hochschulgemeinde das Theater mit Wissensvermittlung und Workshops näher. „Wir sind abgegangen wie Raketen", erinnert sich Scheutz. Ihr erstes aufgeführtes Stück, das sie mit Carola Gartlgruber - mittlerweile ein fixes Ensemble-Mitglied im Next Liberty - aufführte, war eine weibliche Adaption von Samuel Becketts „Warten auf Godot". Scheutz erinnert sich gerne daran: „Wir haben damals sehr intuitiv aus dem Bauch heraus gespielt, ohne Angst und ohne besonderes Wissen." Alles Dinge, die sie später wieder erlernen musste. So begann ihre Liebe zum Theaterspielen zu wachsen. Nur dass damals noch fest in ihrem Hinterkopf verankert war, dass Theaterspielen kein Beruf sei. Sie lebte weiterhin in Parallelwelten zwischen Jus und Theater.

Als sie 2003 im Rahmen des studentischen Austauschprogramms Erasmus nach Paris ging, lichtete sich diese verzwickte Lebenslage. In den juridischen Vorlesungen an der „Sciences Po" spürte sie in sich zwar einen Spirit, aber nicht die Herzensleidenschaft, mit der andere StudentInnen den Rechtsvorlesungen folgten. Deshalb zeichnete sich langsam eine Entscheidung ab: Sie lernte in der französischen Hauptstadt Theatermenschen kennen und lernte, inspiriert von ihren neuen Freundschaften an der „Ecoles Internationales du Theatre Philippe Gaulier", das Handwerk des Theaterspielens. Zurück in Graz war für sie klar, dass sie ihre Affäre - das Theaterspielen - ab sofort ehelichen würde. Ihr Jus-Studium hat sie dennoch abgeschlossen.

Im Theater folgte nun, wie Scheutz es selbst beschreibt, „das Absurdeste und Schrillste, was ich je gemacht habe": Gemeinsam mit Silvia Spechtenhauser stellte sie das Comedy-Duo „Sabine & Gerda" auf die Beine. „Ich hatte bei jedem Auftritt Angst, dass es floppte. Ich konnte nie wissen, ob die Menschen diesen Humor verweigern oder ob sie Tränen lachen. Humor ist einfach nicht kontrollierbar." Auch sonst bewegt sich die 30-Jährige im Metier der Clownerie. Seit fünf Jahren ist sie auch ein „Rote Nasen"-Clown, besucht nationale wie internationale Clownfrauenfestivals und träumt davon, noch mit 70 Jahren die „voll gute Clownin" zu sein: durch totale Präsenz im Augenblick und umfassende Kommunikation mit allem, was da sei. Sie wolle sich so frei fühlen, dass sie fast nichts mehr machen müsse, um eine Szene gelingen zu lassen. So spüre sich für sie die schauspielerische Freiheit an.

Freiheit ist einer von Scheutz‘ Kernbegriffe für das Theaterspielen: Erst wenn sie als Performerin von persönlichen Zwängen, Konventionen, Zweifeln, Ängsten frei ist, kann sie ganz der Szene dienen. Beim Regieführen spürt sie schon während des Erarbeitens einer Szene, wann diese frei ist, deshalb fließt sie dann so richtig und fügt sich ins ganze Stück ein. Das Wichtigste an der Schauspielerei ist, dass Scheutz sich selbst „sehr gut kennenlernt" - viele Aspekte, ihre Grenzen. Sehr große Glückserfahrungen gibt es nur bei der totalen Hingabe: „Am Glücklichsten bin ich, wenn ich mich ganz annehme und gleichzeitig auf mich vergessen kann."

Sie selbst versteht sich als Theatermacherin, weil ihr das ein Überschreiten von Grenzen erlaubt, es ist auch eine Öffnung von Möglichkeiten. Jedes Stück will eine eigene Form haben - das befreie die eigene Fantasie. Ihre Inspirationsquellen sind vielfältig: Bücher, Musik, Bilder oder Themen, mit denen sie sich auseinandersetzt. Im Grunde beschäftigt sich Scheutz immer mit dem Menschen und seiner Haltung oder Stellung gegenüber dem System.

Im Schauspieltheater haben ihre Stücke eine Geschichte, eine Struktur, einen Rahmen, in dem sich die Thematik - das Stück - bewegt. Ganz anders ist es im Impro-Bereich, dort müsse man verschiedene Kunstfertigkeiten trainieren, die das Spiel weiter bewegen: Viel Intuition und Spontanes bestimmen diesen besonderen Charakter des Schauspiels. Das zeigt Scheutz mit „Musicact", einer Truppe, bestehend aus acht jungen Grazer SchauspielerInnen und JazzmusikerInnen, die sich ganz der Improvisation hingeben. Ihre Auftritte sind nicht vorhersehbar - dem Lachen ist keine Grenze gesetzt, und die Show wächst mit dem Engagement des Publikums.

Blickt Scheutz in ihre Zukunft, erwarten sie dort verschiedene Projekte: Zuerst wird sie im Frühjahr 2013 in Indien ihre Clown-Kontakte intensivieren, dann produziert sie ein Theaterstück für junges Publikum, und im Sommer 2013 reist sie nach Schottland, um in Edinburgh eine Solo-Show zu präsentieren. Ihrer Kreativität sind auch weiterhin keine Grenzen gesetzt.

Petra Sieder-Grabner
Stand: Jänner 2013

Porträt Christina Scheutz © Edi Haberl
Porträt Christina Scheutz
© Edi Haberl
Porträt Christina Scheutz © Edi Haberl
Porträt Christina Scheutz
© Edi Haberl
In mir ist ein Tornado © Florian Praxmeir
In mir ist ein Tornado
© Florian Praxmeir
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© Florian Praxmeir
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