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Intimität schaffen

Über die Arbeiten der Filmemacherin Catalina Molina

Ein junger Reggae-Musiker versucht mit aller Kraft, sich und seine kleine Tochter mit einem Job als Wagerlschieber bei der Post und schlecht bezahlten Wirtshaus-Auftritten durchzubringen. Bis die Mutter plötzlich auftaucht. - Eine junge Bolivianerin lässt Mann und Kind zurück, um in einer ausbeuterischen Nähwerkstatt im benachbarten Argentinien Geld für die Familie zu verdienen. - Eine Frau kehrt nach 20 Jahren in das Dorf ihrer Kindheit zurück und will dort eine nie ausgesprochene Begebenheit mit ihren ehemaligen Freundinnen aufklären. - Drei Geschichten, drei Kurzspielfilme von Catalina Molina.

"Je näher man an der Figur ist, desto stärker kann man eine Botschaft vermitteln", sagt die junge (geb. 1984) Filmemacherin über einen möglichen gemeinsamen Nenner ihres bisherigen filmischen Schaffens. In ihrem letzten Kurzspielfilm "Unser Lied" (Österreich 2012, 30 Minuten, Super16mm, Farbe) ging das so weit, dass sie die Hauptrollen mit ihrem Bruder Conrado, selbst Reggae-Musiker in Graz, und ihrer kleinen Nichte Namiya besetzte. Dass das aufgegangen ist, beweist der Österreichische Filmpreis 2013 für den besten Kurzspielfilm, der Diagonale-Preis für Kurzspielfilm 2012 und viele Festivaleinladungen, wie Sarajevo und Pristina.

Intim und familiär ist auch das Umfeld, in dem Molinas Filme entstehen: Am Set arbeitet schon seit dem Kurzspielfilm "Zeitfeld" (Österreich 2008, 20 Minuten, Super16mm, Farbe) das gleiche Kernteam zusammen, mit dem Molina nicht nur eine langjährige Freundschaft, sondern auch eine ähnliche Auffassung des Filmemachens verbindet. Nämlich: "Authentisches, unverfälschtes Kino". Am liebsten politische und soziale Themen, erzählt über Einzelschicksale und Geschichten, die sich am Rande abspielen.

Eine weit verbreitete Form moderner Sklaverei griff Molina in ihrem vorletzten Kurzspielfilm auf, dem sozialkritischen "Talleres Clandestinos - "Die geheime Nähwerkstatt" (Argentinien 2010, 40 Minuten, Super16mm, Farbe) handelt von ArbeiterInnen, die für viel zu wenig Lohn und unter widrigsten Umständen billige Kleidung für große Marken schneidern müssen. Gedreht wurde auch er mit Laiendarstellerinnen: mit echten Näherinnen, die selbst die Erfahrung dieser menschenunwürdigen Arbeit gemacht haben und zum Teil immer noch in den "geheimen Werkstätten" arbeiten. Entstanden ist das Filmprojekt nach einem Austauschjahr an der Filmuniversität ENERC in Buenos Aires, wo Molina von diesen Werkstätten erfuhr.
Das Interesse für Themen wie Zerrissenheit und Entwurzeltsein hat auch mit der eigenen Biografie der gebürtigen Argentinierin zu tun: Im Alter von sechs Jahren mit der Familie von Buenos Aires in die Obersteiermark gezogen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, Kindheit und Jugend in Gröbming. Nach der Ortweinschule in Graz besucht sie die Filmakademie in Wien, wo sie Regie bei Michael Haneke studiert. Dazu sammelt sie kontinuierlich Schauspiel-Erfahrung, zuletzt an der Schule von Schauspielguru Susan Batson (Coach von Nicole Kidman und Juliette Binoche), die sie 2012 zu einem drei Monate langem Kurs nach New York einlud.

Das nächste Projekt: Ihr erster Langspielfilm und der Abschluss der Filmakadamie. Und was danach kommt, ist klar: "Filmemachen, unter allen Umständen".

Nina Müller
Stand: Jänner 2013

 

Catalina Molina bei der Überreichung des CINE STYRIA-Filmstipendiums 2012 © Miriam Raneburger
Catalina Molina bei der Überreichung des CINE STYRIA-Filmstipendiums 2012
© Miriam Raneburger