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Dagmar, die Suchmaschine

Jürgen Gerger ist das steirische Standbein der Gruppe Dagmar, in der nicht nur er sich auf die Suche nach Verwirklichung macht. Künstlerisch versteht sich.

Jürgen Gerger und Gudrun Maier in „Das rotseidene Höserl“, Extremschwank von Josef Zeitler. Aufführung 2008, Regie: Isabelle Supanz. © Clemens Nestroy
Jürgen Gerger und Gudrun Maier in „Das rotseidene Höserl“, Extremschwank von Josef Zeitler. Aufführung 2008, Regie: Isabelle Supanz.
© Clemens Nestroy

Sollte es so etwas geben wie einen typischen Theatermenschen - Jürgen Gerger wäre eher keiner. Theatermenschen sind wahrscheinlich gern einmal extrovertiert und selten darum verlegen, auch im privaten Gespräch Kostproben ihres Könnens zum Besten zu geben. Kommt dir ein Theatermensch unter, der ruhig ist, bescheiden, ja fast verlegen, dann dürfte er das auf so perfekte Weise sein, dass du dir denkst: Der kann auch anders. Kein Wunder. Muss er ja auch.

Jürgen Gerger ist nicht so. Er ist ruhig, bescheiden, ja fast verlegen. Und man nimmt ihm das auch ab. Er präsentiert diese Ruhe nämlich ganz unperfekt, sodass du auch die Hartnäckigkeit spürst, die gleich hinter der Bescheidenheit lauert und ihn womöglich selbst manchmal verlegen macht.

Als z. B. am 21. 12. 2012 die halbe Welt auf den Weltuntergang wartete, präsentierte Gerger sein jüngstes Projekt: eine Theaterkritik- und Diskussionsplattform, die unter www.ventilartor.at die freie Szene von Graz und der Steiermark aufmischen will. Auf dass das viele Bemerkenswerte, das hier passiert, auch etwas öfter bemerkt werde. Gergers Intention bei dem vom „Anderen Theater" gemeinsam mit der Journalistin Katharina Dilena und dem Journalisten Christoph Hartner angebahnten Unternehmen ist es, letztlich auch „künstlerisch wertvolle" Beiträge online zu bringen. Ein dramatisch motivierter Wortspielraum - von der Theaterkritik bis zum Lyrik-Tag.

Dabei hat Jürgen Gerger zu den Dingen, die in der Theaterwelt bemerkenswert waren, selbst bereits einiges beigetragen. Nicht nur als Theaterpädagoge und -trainer, sondern auch als Schauspieler, Regisseur und Teil der weit verstreuten Gruppe Dagmar.

Gerger ist sozusagen das steirische Standbein der Gruppe und einer der drei aktiven Initiatoren von Dagmar-Projekten. Außer dem Grazer Theaterpädagogen ist hier auch Georg Klüver-Pfandner zu nennen, der heute als Performancekünstler in England lebt. Und die Filmemacherin Johanna Moder, die die Gruppe mit mehreren anderen Künstlerinnen gegründet hat - in ihrem ersten Spielfilm „high performance" war ein guter Teil der „Dagmars" zu sehen. Hinzu kommen Schauspieler/-innen wie Katharina Pizzera - zuletzt bei „Kabinett - Jeanne d'Arc kämpft" für die Gruppe Dagmar aktiv, hauptsächlich aber am Schauspielhaus Salzburg engagiert - oder Rosi Degen von den rabtaldirndln, Sissi Noé, Dagmar Müller, Christin Veith oder Marcel Mohab, der 2012 in Wien den Goldenen Kleinkunstnagel erhielt, sowie Markus Nestroy, der als Filmemacher zur Jahreswende 2012/13 gerade in Las Vegas dreht.

Die Gruppe Dagmar ist künstlerischer Freiraum und Spielwiese für umtriebige und durchwegs gefragte Theaterarbeiter und -arbeiterinnen, die damit keinen Stil verfolgen, sondern nur die Möglichkeit wahrnehmen, kreativ zu sein, Dinge zu entwickeln, auch wenn diese sich dazu erst entwickeln müssen ... Man stelle sich ein Profi-Orchester vor, das aus Spezialisten für Barock, Musical und Wagner besteht, die manchmal gemeinsam etwas machen, worauf sie einfach Lust haben. Was dann entsteht, ist schon deshalb ganz besonders, weil sich jede/r auf ganz eigene Weise einbringen kann. Das gilt bestimmt auch für das neueste Vorhaben: ein politsatirisches Serienformat, das die Gruppe fürs Fernsehen entwickelt.

 

Der Stadt Graz kommt als Dagmar-Homebase eine dankbare Rolle zu: Sie wird Jahr für Jahr mit Kostproben junger professioneller Theatermacher beglückt. Seit der ersten Dagmar-Produktion „Tatort Chor" im Jahr 2006 (Regie: Johanna Moder), die prompt zu bestOFFstyria eingeladen wurde, entstanden bislang fünf weitere Arbeiten: „Die kleine Meerjungfrau" (2007, Regie: Jürgen Gerger), „IPÖ - Ihre Partei Österreich",(2008, Regie: Johanna Moder, ebenfalls zu bestOFFstyria eingeladen), „Partypeople" (2009, ein Kurzfilm von Johanna Moder), „Homers Odyssee" (2010, Regie: Jürgen Gerger) und „Kabinett - Jeanne d'Arc kämpft", ein Kammerspiel für Kinder, das Johanna Moder mit Katharina Pizzera und dem Gastschauspieler Christian Ruck entwickelte.

 

Dass sich die Dagmar-Aktivitäten auf Graz konzentrieren, hat damit zu tun, dass die Gruppe hier verankert ist. Der Anker ist derzeit Jürgen Gerger. Und der hat hier mehr als nur die naheliegenden Stationen eines typischen Grazer Off-Theater-Menschen seiner Generation durchlaufen. Im Rahmen des Medienfächerbündels hatte er schon während des Pädagogikstudiums bei UniT als Techniker begonnen, ist über Ed Hauswirth (Theater im Bahnhof) in die freie Szene und zum Impro-Theater gekommen, hat verschiedenste Trainer ausprobiert, darunter den Kanadier Lee White von den CRUMBS oder Roland Trescher von Isar 148, und ist dann bei theatermërz-Mastermind Willi Bernhart gelandet, mit dem er knappe zwei Monate gearbeitet hat, was - auch wenn es „überhaupt nicht geklappt" hat - für ihn eine in jeder Hinsicht aufregende Theater-Konfrontation war. Wie auch der „Göstinger Jedermann", bei dem Gerger 2003 den Teufel geben durfte.

 

Als Schauspieler ist Jürgen Gerger allerdings kaum mehr zu erleben. Neben dem Theaterpädagogen ist es vor allem der Regisseur und Projektentwickler, der von sich reden macht. Und künftig vielleicht der Autor. „Ich bin ein junger, unerfahrener Suchender", sagt er dazu nur. Und das beinahe schüchterne Lächeln, das dabei über sein Gesicht huscht, kann nicht über die Hartnäckigkeit hinwegtäuschen, mit der er seine Suche betreiben wird.

 

Externe Verknüpfung http://gruppedagmar.wordpress.com


Hermann Götz
Stand: Dezember 2012

Christian Ruck und Katharina Pizzera in „Kabinett - Jeanne d’Arc kämpft“, UA 2011. Regie: Johanna Moder, Produktion: Jürgen Gerger. © Clemens Nestroy
Christian Ruck und Katharina Pizzera in „Kabinett - Jeanne d’Arc kämpft“, UA 2011. Regie: Johanna Moder, Produktion: Jürgen Gerger.
© Clemens Nestroy